Black Hammer: Colonel Weird - Cosmagog

Erschienen: Januar 2021

Couch-Wertung

10
Story
Zeichnung

Story

Vergessen und erinnern. Suchen und finden. Eine bewegende Zeitreise. Psychedelisch, bewegend und gesellschaftlich relevant.

Zeichnung

Tyler Crook tritt im „Hammerverse“ gleich mehrfach in große Fußstapfen und füllt diese locker aus. Tolle Bilder zu einer tollen Story.

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Marcel Scharrenbroich
Vom Suchen, Finden und Vergessen

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Apr 2021

„Ich habe das Muster gesehen.“

Ein Geistesblitz. Ein lichter Moment. Colonel Weird erinnert sich. Erinnert sich an seine Freunde auf der Farm. Daran, wie sie nach Hause gingen. Doch wohin ging er? Steht plötzlich an einer alten Tankstelle, mitten im Nirgendwo. Durst. Er betritt den Laden, in der Hoffnung, dort etwas Trinkbares zu finden. Betritt ihn als Kind. Zurückgeworfen in der Zeit. Vertrautheit. Hinterm Tresen steht Mister Biggs, der dem Jungen eine Limo spendiert. Er kennt Randall. Randy. Er kennt… Randy. Doch der Blick in den Kühlschrank offenbart keine eisgekühlte Limo, sondern die Fratze von Anti-Gott. Und schon ist nicht mehr Randy präsent. Es ist Randall. Colonel Randall Weird. Und er befindet sich wieder in Spiral City. An der Seite seiner heldenhaften Mitstreiter. Zurück in jener schicksalshaften Nacht, in der sie sich dem übermächtigen Gegner stellten, der die Stadt… die ganze Welt in Schutt und Asche legen wollte. In der Nacht, in der sich ihr aller Leben verändern sollte. Die Nacht, in der es sie zur Farm brachte. Colonel Weird weiß, dass die Schlacht gegen Anti-Gott nicht das Ende ist. Er weiß es, weil er das Muster gesehen hat…

Augenblicke später blickt Weird in den alten Kühlschrank der verlassenen Tankstelle. Als er heraustritt, erblickt er noch etwas. Etwas vertrautes. Sein Mädchen… sein Raumschiff. Jenes Schiff, mit dem er in ruhmreichen Tagen heldenhaft durch die Galaxie reiste. Sich fremden Wesen entgegenstellte und sich Abenteuer an Abenteuer reihte. Dabei stets verbunden mit Eve. Eve, die ihn vom Kontrollzentrum der NASA aus bewunderte. Seine Liebe. Die, die er verließ. Die, zu der er zurückkehrt. Puzzleteile. Kleine Puzzleteile eines bewegten Lebens, die sich langsam zu einem Bild formen. Bunt, grell, dann wieder tiefschwarz. Doch Colonel wird hat etwas sehr Wichtiges vergessen. Erinnert sich nicht. Droht das Muster aus den Augen zu verlieren…

„Was noch zu leisten ist, das bedenke; was du schon geleistet hast, das vergiss.“
-Marie von Ebner-Eschenbach (mährisch-österreichische Schriftstellerin; 1830 – 1916)

Mit Colonel Randall Weird rückt nun eine der wohl interessantesten aber auch am schwersten greifbaren Figuren aus dem „Black Hammer“-Universum in den Vordergrund. In dem mittlerweile abgeschlossenen ersten Zyklus, der sich über vier Sammelbände erstreckt, kam dem meist desorientiert wirkenden Weltraumhelden im Laufe der Story ein immer wichtiger werdender Part zuteil. Schockierende Wendungen lüfteten den Schleier während der Hauptstory und das Tun des Colonels wurde zum wichtigen Standbein der gesamten Geschichte. Autor Jeff Lemire baute sogar eine Meta-Ebene ein, womit „Black Hammer“ Panel-Grenzen sprengt und sich immer wieder neu erfindet. Mit dem reichhaltigen Spin-off-Angebot, zu dem auch der vorliegende Band „Colonel Weird - Cosmagog“ gehört, wächst das „Hammerverse“ stetig an, ohne sich großartig abzunutzen. Wo man bei anderen fortlaufenden Reihen Zeichner-Wechsel womöglich ankreiden würde, annehmen könnte, dass das Springen durch verschiedene Genres wirr und planlos erscheint, fühlt sich dies bei Lemires durchdachter Welt schlüssig, logisch und erstaunlich harmonisch an. Speziell wenn Bezüge auf die erste Phase des Gesamtwerks hergestellt werden.

Selbst das anfangs etwas verwirrend erscheinende „Cosmagog“-Spin-off, welches hiermit komplett vorliegt und alle vier Hefte der DARK HORSE Mini-Serie umfasst. Was anfänglich wie ein LSD-Trip der gepfefferten Sorte wirkt, entpuppt sich schnell als Reise durch Randall Weirds Leben. Durch seine Vergangenheit. Dabei erfährt man als geneigter Leser am eigenen Leib, wie es um den Geisteszustand des Colonels bestellt ist. Zusammenhanglose Fetzen wollen sortiert werden. Korrigiert werden. Neu zusammengesetzt und in Einklang gebracht. Eine Reise in die Kindheit. In die Jugend. Ins Dort. Ins Hier. Ins Nichts. Zur großen Liebe und wieder zurück. In ferne Welten. Und in die noch fernere Gegenwart.

Sci-Fi-Trip mit Tiefgang

Der kanadische Erfolgsautor Jeff Lemire hat es wieder getan. Hat mich wieder in seine ausufernde Welt gezogen und komplett begeistert. Er drückt einfach die richtigen Knöpfe und setzt nicht ausschließlich auf Bombast am laufenden Band, sondern spielt seine Stärken in den leisen, tiefsinnigen Tönen aus. Dabei verblasst auch der Text in Colonel Weirds Sprechblasen, wie es sein schwindender Geist tut. Somit liest sich der Charakter bereits tragisch, was durch die ausgezehrte Darstellung nochmals unterstrichen wird. Mit dem Vergessen, dem Altern, Demenz… müssen wir uns alle einmal auseinandersetzen. Eingebettet in ein Science-Fiction-Drama ist dies eine neue Herangehensweise, welche dank Lemire und der großartigen, teils psychedelischen Bilder von Zeichner Tyler Crook fantastisch funktioniert.

Crook fängt die sich abwechselnden Kurztrips in Weirds Vergangenheit passend ein. Erdige und warme Farben verstärken den Retro-Effekt der dargestellten Zeit. Mit filigranem, schwungvollem Tusche-Strich hat man in keinem Panel Sorge, dass ihm die wilden und grell dargestellten Zeitsprünge und Para-Zone-Ausflüge entgleiten könnte. Das angefügte Sketchbook liefert Einblicke in die Arbeit von Tyler Crook. Zwischen den Kapiteln gibt es dann noch die verschiedenen Cover-Artworks der US-Einzelhefte zu sehen.

Fazit:

„Colonel Weird - Cosmagog“ ist ein weiterer Beweis dafür, dass Jeff Lemires „Hammerverse“ noch lange nicht am Ende ist. Der Band soll als Bindeglied der bereits angekündigten Phase II fungieren, die Lucy Weber als neue Black Hammer in den Fokus rückt, welche wiederum das Erbe ihres Vaters angetreten hat.

Black Hammer: Colonel Weird - Cosmagog

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