Couch-Wertung

8
Story
Zeichnung

Story

Klassische Kriminalgeschichte, die sich langsam steigert und mit einer neuen Art von „Heldin“ punkten kann. Gelungener Einstand, Miss Garrisson!

Zeichnung

Reduzierte, aber stimmige Zeichnungen, die mit ihrer passenden Farbgebung den Ton der Geschichte unterstreichen.

Leser-Wertung

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B:9
V:1
Marcel Scharrenbroich
Miss Marple + Bridget Jones = Maggy Garrisson

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Feb 2018

Die Schnüfflerin von nebenan

Die Powerfrau Maggy, ein Original aus dem Londoner East-End, hat keine Superkräfte, verfügt nicht über die in Comics gerne mal rahmensprengend dargestellten, überproportionalen Traummaße und erfüllt mit ihrem übermäßigem Alkoholgenuss und dem gelegentlichen Griff zum Glimmstängel auch nicht die ideale Vorbildfunktion. Ihr Leben spiegelt nicht die heile Welt wieder und als klassische Frohnatur sollte man sie auch nicht unbedingt bezeichnen. Maggy ist herrlich normal und doch erfrischend anders. Ihre unkonventionelle Art, die Dinge anzugehen und ihr staubtrockener Humor, gepaart mit stoischer Ruhe, selbst in prekären Situationen, lassen die abgebrühte Hobby-Detektivin sofort sympathisch wirken.

Jessica Fletcher würde vor Ehrfurcht das Farbband aus der Schreibmaschine springen und Jane Marple würde (trotz schwarz/weiß-Bild) blass vor Neid.

Neuer Job, neues Glück?

Schon der erste Satz des ersten Panels, ich zitiere: „Erster Arbeitstag und es regnet, wie ein Elefant pisst.“, setzt  ein Zeichen und zeigt, wie Maggy Garrisson tickt. Immer einen passenden Spruch auf den Lippen, kommentiert sie dem Leser auch ihre Gedanken, was gelegentlich auch zu herrlicher Situationskomik führt. Das East-End-Girl ist nach zweijähriger Durststrecke auf dem Weg zu ihrem neuen Job, den ihre Nachbarin Suzanne ihr verschafft hat. Sie soll sich bei deren Neffen, dem Privatdetektiv Anthony Wight, vorstellen. Maggy, die chronisch knapp bei Kasse ist, trifft den Ermittler auch in seinem Büro an, allerdings anders als erwartet… Der Schnüffler parkt seinen Kopf, zugeschüttet bis unter die Hutschnur, auf dem überladenen Schreibtisch und schläft seinen Rausch aus. Die Kompetenz in Person scheint er nicht zu sein, worauf auch ein schweifender Blick durch sein Büro schließen lässt. Maggy nimmt sich, nach diesem ernüchternden ersten Eindruck, dem Fall eines verschwundenen Kanarienvogels an, der einer besorgten Nachbarin von „Detective Delirium“ abhandengekommen ist. Sie nimmt diese Möglichkeit, etwas Geld in die überschaubare Haushaltskasse zu spülen, wahr und der Leser bekommt einen ersten Eindruck von Maggys Art der Problemlösung. Der erste (mehr oder weniger) gelöste Fall und ihr detektivischer Ehrgeiz ist geweckt.

Als ihr neuer Boss, zusammengedroschen von ein paar zwielichtigen Ganoven, sie aus dem Krankenhaus um Hilfe bittet, beginnt aber erst Maggys eigentliches Abenteuer. Ein Portemonnaie mit mysteriösem Inhalt, ungebetener Besuch vor der Haustür und das nähere Kennenlernen einer ermittelnden Polizistin stellen die, mit allen Wassern gewaschene, Neu-Detektivin bald vor weitaus größere Aufgaben, als das simple Auffinden eines Vogels.

Miss Garrisson beißt sich mit Herz und Schnauze durch Londons Unterwelt und als amüsierter Leser möchte man der quirligen Ermittlerin gerne zwischendurch zurufen "Lach doch mal, Maggy!“.

Englisches Flair aus Frankreich

„Maggy Garrisson“ wurde vom französischen Comic-Zeichner Lewis Trondheim (bürgerlich Laurent Chabosy) erdacht und sorgt für reichlich frischen Wind im Krimi-Genre. Trondheim schafft es, seine problembeladene Heldin bereits auf den ersten Seiten sympathisch wirken zu lassen und verpasst ihr glaubhafte Charakterzüge. Er lässt Maggie aus einer Alltagssituation heraus in ein Abenteuer stolpern, dass dicht erzählt wird und trotz fehlender Action zu keiner Sekunde langweilig wird. Der Autor nimmt sich Zeit für seine Charaktere und lässt sie sich entfalten, ohne jede Hektik. Eben realitätsnah. Maggie agiert nach dem Motto „Was dich nicht umbringt, macht die stärker“ und lässt sich auch von Rückschlägen nicht unterkriegen. Es gelingt nicht immer alles wie geplant und diese Tatsache ist ein weiterer großer Pluspunkt von „Maggy Garrisson“. So wirkt das anfänglich harmlose Abenteuer nicht konstruiert und steigert sich fast unbemerkt, bis man als Leser, an Maggys Seite, mittendrin steckt, im tiefsten Schlamassel.

Zeichner Stéphane Oiry gelingt es, ein London abseits der bekannten Sehenswürdigkeiten darzustellen, das sonst sehr gerne mal als Vorlage genutzt wird. Regnerische und dunkle Gassen, anstelle einer lichtdurchfluteten Metropole, die beliebte Orte wie die London Bridge, den Trafalgar Square oder den Piccadilly Circus in den Vordergrund stellt. Oiry stellt die Geschichte zudem sehr klassisch dar. Die Panels sind strukturiert und lassen keinen Platz für experimentelle Auswüchse. Die Bilder passen sich in ihrer geordneten Aufteilung dem Erzählten an und fokussieren sich auf das Wesentliche. Farblich widmet sich der Künstler eher den dunklen Tönen und setzt auf den vermehrten Einsatz von Schatteneffekten, was in sich sehr stimmig wirkt und die Atmosphäre, speziell bei Maggys häufigen Pub-Besuchen, unterstreicht. Die Zeichnungen selbst sind eher minimalistisch und steif, was aber ganz gut zum Genre passt. Übertriebene Dynamik und zu schwungvolle Linien würden deplatziert wirken. So wirkt das Artwork „very british“… obwohl es aus Frankreich stammt.

Der Verlag Schreiber & Leser nimmt sich Fräulein Garrisson gebührend an und widmet ihren Abenteuern ansehnliche Hardcover-Ausgaben im Alben-Format. Beim Aufklappen des Hochglanz-Bandes begrüßt den Leser ein abgebildeter Stadtplan von London, bevor man sich in die spannende, auf wertigem Papier gedruckte, Story stürzen kann.

Fazit:

„Maggy Garrisson“ macht ab dem ersten Panel Spaß! 48 sehr unterhaltsame Seiten, die einen neuen Charakter etablieren, dem man getrost den Stempel „Miss Marple der 2000er“ aufdrücken kann. Charmant, frech und unkonventionell… i am amused.

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