Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Eine sehr gelungene Fortsetzung, die Charakterentwicklung erkennen lässt, diese aber nicht überstürzt. Das gemächliche Tempo tut der Geschichte gut und man fühlt sich als Leser nicht unnötig durch die Story gehetzt.

Zeichnung

Reduziert, aber nicht detailarm. Markante Charaktere mit Wiedererkennungswert, die auf den Punkt genau abliefern. Der Humor kommt auch nicht zu kurz und wird von Zeichner Jérôme Jouvray tref-fend skizziert.

Leser-Wertung

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Marcel Scharrenbroich
Flunsch Cassidy und Sundance God

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mai 2019

The Hateful 4 (…und Gott)

Der mürrische Pistolero mit den hängenden Mundwinkeln ist wieder da und startet in sein zweites Abenteuer! Nachdem der dauergrimmige Lincoln erst kürzlich ein kleines Hutzelmännchen mit Drei-Jahres-Bart kennenlernte, was sich zu unserer großen Überraschung als Gott entpuppte (ja… DER Gott), verfügt der Bursche nun über die Gabe der Unsterblichkeit. Äußerst praktisch, wie es bereits der erste Band unter Beweis stellte. Zwar nicht den Papst in der Tasche, dafür aber den Allmächtigen an seiner Seite, reitet Lincoln mies gelaunt durch die Prärie und konnte durch eine ungewollte, gute Tat sogar einen kleinen Fanclub um sich scharen. Gut, die Crème de la Crème des Wilden Westens hat sich ihm jetzt nicht gerade angeschlossen, aber die drei Bauernbengel überzeugen wenigstens durch ihre Loyalität… was Lincoln allerdings auch herzlich weit am Arsch vorbeigeht.

Die selbst für Western-Verhältnisse mehr als ungewöhnliche Bande hält sich mit dem Schnappen von Ganoven über Wasser, für die sie dann das ausgesetzte Kopfgeld kassieren. Die wissbegierigen Jungspunde haben jedoch noch einiges zu lernen, bevor man sie ernstnehmen kann. Der Umgang an der Waffe will natürlich auch geübt werden… und allein das Panel, in dem einer der Burschen ungelenk einen Revolver in den zittrigen Fingern hält und mit zugekniffenen Augen beinahe Lincoln aus der Hose schießt, hat dafür gesorgt, dass mir vor Lachen beinahe mein Cowboyhütchen vom Skalp gerutscht wär. Nun ja… es ist halt noch kein John Wayne vom Himmel gefallen.

Die Erhängung des Sohnes von Der-in-den-Wind-spricht durch den Feigling Mr. Jefferson

Kaum ist die illustre Gang in einer neuen Stadt angekommen, geraten sie auch schon in den nächsten Schlamassel. Stein des Anstoßes ist aber nicht Lincoln, sondern ein junger Indianer, der aus einem brennenden Gebäude flüchtet, welches gerade hinter Mr. Miesepeter und seinen Azubis explodiert, als Gott ein schmuckes Gruppenfoto schießen will. Lincoln nimmt sofort die Verfolgung des Flüchtigen auf, erhofft er sich doch ein stattliches Belohnungs-Sümmchen vom lokalen Gesetzeshüter. Kaum ist der Bombenleger hinter der nächsten Ecke gestellt, beginnt dieser zu erklären, dass es gute Gründe für sein Handeln gibt. Er lädt Lincoln und sein Gefolge zu sich ein, um die längere Geschichte ausführlich zu erklären.

Der Indianer lebt mit seinem Vater, dessen Name übersetzt Der-in-den-Wind-spricht lautet, in einem kleinen Tipi und beim gemeinsamen Mahl lauschen unsere Freunde gebannt der Geschichte des Alten. Sie erfahren, dass der einflussreiche Geschäftsmann Mr. Jefferson den Indianern eine nicht unerhebliche Summe für ihre Ländereien anbot. Sie willigten ein, unterschrieben alle notwendigen Papiere, sahen jedoch nie einen müden Dollar. Eiskalt übers Ohr gehauen wurden sie! Eine Anzeige beim Sheriff wäre ohnehin im Sande verlaufen, da dieser korrupte Sack mit Jefferson gemeinsame Sache macht und des Sternes, welchen er an der Brust trägt, keineswegs würdig ist.

Lincolns Grünschnäbel wittern die Chance, sich ihre Sporen zu verdienen und konfrontieren Mr. Jefferson im örtlichen Salloon mit den Anschuldigungen, woraufhin sie sich hinter schwedischen Gardinen wiederfinden. Die Vergeltung für diese Aktion folgt auf dem Fuß und als Lincoln und Gott wieder am Tipi von Der-in-den-Wind-spricht ankommen, finden sie dieses brennend vor, während der Alte trauernd auf dem Boden hockt… vor ihm sein Sohn, der leblos an einem Ast baumelt.

Man mag von Lincoln halten, was man möchte, aber DAS bringt selbst den nihilistischen Eigenbrötler aus der Fassung und lässt ihn aktiv werden. Auch Der-in-den-Wind-spricht befindet sich auf dem Kriegspfad und sinnt auf Rache für seinen ermordeten Sohn und den Betrug an seinen Landsleuten.

Für eine Handvoll Euros…

…bekommt der geneigte Comic-Freund ein hervorragendes Western-Abenteuer, das mit allerlei skurrilen Ideen und punktgenauem Humor begeistern kann. So gut wie jeder Gag sitzt, egal ob in Wort oder Bild und man kann getrost behaupten, dass die Reihe mit dem zweiten Band den Stil des Vorgängers gekonnt fortsetzt. „Lincoln“ hat seinen Sound gefunden und trifft jede Note, was dem Western-Genre unglaublich guttut und ihm neue und frische Facetten abringt. Die überzeichneten Cartoon-Charaktere von Jérôme Jouvray sprechen dabei für sich und sind mit markantem Strich in Szene gesetzt. Die unaufdringliche, aber klare Farbgebung unterstreicht die Wildwest-Atmosphäre und fängt deren Flair auf angenehm-cartoonige Art und Weise ein.

Der Schreiber & Leser Verlag hat mit „Lincoln“ ein verdammt heißes (Brand)eisen im Feuer, das einfach exzellent unterhält… und das sage ich als jemand, der in der Regel mit dem Western-Genre nicht unbedingt sehr viel anfangen kann, sei es filmisch oder in gedruckter Form. Solche Perlen lassen mich dies allerdings ganz schnell vergessen und beweisen, dass Qualität sich eben doch genreübergreifend und entgegen aller Favorisierungen durchsetzen kann. Die formschönen und hochwertigen Hardcover im Alben-Format verleihen dem Ganzen dann noch den gebührenden Rahmen.

Fazit:

Eine mehr als würdige Fortführung von „Auf Teufel komm raus“, die den Hauptcharakter weiter formt und sich langsam entwickeln lässt. Man erahnt bereits, dass mehr hinter dem augenscheinlich charakterlosen Lincoln steckt, als es zuerst den Anschein macht… und man darf gespannt sein, wo die Reise mit ihm (und Gott) noch hingehen wird. Der Teufel höchstpersönlich stattet dem zweiten Band auch einen erneuten Besuch ab und es spricht vieles dafür, dass der zwielichtige Geselle noch eine größere Rolle einnehmen wird. Eine glasklare Empfehlung, die garantiert KEINEM Leser die Mundwinkel in die Kniekehlen zieht.

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