Couch-Wertung

9
Praktikabilität
Zeichnung

Praktikabilität

Schwarzhumorig, respektlos und durch und durch zynisch. Die Story ist zudem frisch und alles andere als platt. Und, hey… God is amused, so why shouldn’t you?

Zeichnung

Aufs Nötigste reduziert, konzentriert sich Jouvray auf die Protagonisten. Charaktere und Szenario sind stimmig gestaltet und harmonieren miteinander.

Leser-Wertung

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Marcel Scharrenbroich
Lincoln Unchained

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Jan 2019

Ein Fremder mit Namen

„Ey! Mach‘ mal ‘n dummes Gesicht… Danke, reicht schon!“ Der junge Herr, der uns schon so freundlich vom Cover grüßt und eine Flappe bis zum Boden zieht, heißt Lincoln... diesen Namen gab er sich allerdings selber, weil er klangvoller als die Bezeichnungen war, mit denen er sonst gerufen wurde. Vielleicht blickt er deswegen so dröselig drein… Würde man ihn auf den Kopf stellen, würde er grinsen. Und nein, er ist nicht verwandt mit einer gewissen Politikerin, auch wenn die hängenden Mundwinkel dies vermuten lassen. Irrtum ausgeschlossen, denn der griesgrämige Bursche erblickte bereits im Jahr 1887 das Licht der Welt.

Als Sohn einer versoffenen… *wie umschreibe ich jetzt „Hure“, ohne das Wort Hure zu benutzen? …ah, ich weiß…* Als Sohn einer dem Alkohol zugeneigten Dame, die sich für horizontale Verrenkungen in trauter Zweisamkeit fürstlich entlohnen ließ, stand Lincolns Geburt unter einem Stern, der selbst eine 5 Watt-Glühbirne für ihre Strahlkraft beneiden würde. An diesem „Freudentag“ spielten die Engel keine willkommen heißenden Fanfaren, sondern lagen wahrscheinlich volltrunken hinter irgendeiner grauen Wolke, während „er da oben“ sich einen freien Tag machte. Graue Wolken zogen sich auch konstant durch die Kindheit und Jugend des armen Kerls. Kennt Ihr die Film-Szenen, in denen es mucksmäuschenstill ist und nur ein Strohballen von links nach rechts durch Bild kullert? Mit dem leisen Gezirpe von Grillen im Hintergrund? DAS war Lincolns bisheriges Leben. Nach diesem grandiosen Lebenslauf war es nicht verwunderlich, dass er zum Parade-Zyniker herangewachsen ist… wie auch, bei der Sieben-Jahre-Regenwetter-Visage. Seinem losen (und vor allem großen) Mundwerk hatte er es auch zu verdanken, dass er im zarten Alter von 19 höflichst gebeten wurde, die weite Welt zu erkunden… was so viel bedeutet wie, er wurde mit einem saftigen Arschtritt aus seinem Heimat-Kaff befördert.

The God and the Bad & Ugly

Während unser mürrischer Freund nun also durch die Welt trottet, um ihr DEN Finger zu zeigen, den sie verdient… und ich aus irgendeinem Grund immer die Stimme von Terence Hill-Synchronsprecher Thomas Danneberg im Ohr habe… macht er eine Bekanntschaft, die sein bisheriges Leben gehörig auf den Kopf stellen soll. Lincoln trifft nämlich GOTT! Gut, das hört sich jetzt zugegeben spektakulärer an, als es eigentlich ist, denn es öffnet sich NICHT der Himmel und es steigt KEINE helle Lichtgestalt herab, begleitet von einem Engels-Chor, der klangvoll den Highlander… äh, Heiland verkündet… aber so ähnlich. Nur anders.

Captain Griesgram ist gerade dabei, das Essen für den Mittagstisch anzurichten (Dynamit-Fischen), als ein kleines Zottel-Männchen mit Rauschebart vorbeischlendert. Bekleidet mit einem schneidigen Mützchen und einem Kaftan von der Stange, stellt sich der Fremde als „Gott“ vor. Lincoln, der entspannt wirkt, als hätte er zwei bis drei Baldrian-Kuren hinter sich, begrüßt den lieben Gott in seiner liebenswürdig-zynischen Art und scheint kein bisschen überrascht, während es jeden von uns mindestens einmal aus den Socken gehauen hätte. Okay, bei uns in der Innenstadt rennen auch regelmäßig Typen rum, die sich für Gott halten, aber DIESMAL ist er es wirklich!

Gott scheint tatsächlich der einzige Mensch… Moment, streicht das… der Einzige zu sein, der Lincoln noch nicht komplett aufgegeben hat. Er möchte den schwarzmalerischen Tunichtgut zum Guten bekehren und ihm unter die Arme greifen. Doch aller Anfang ist schwer. Um Lincoln von seiner Person zu überzeugen, verleiht Gott ihm kurzerhand die Unsterblichkeit… und macht zudem gleich 5000 Öcken locker, die der Profi-Zyniker direkt verhurt, versäuft und verspielt, bevor er vor einem Saloon in seiner eigenen Kotze aufwacht. Doch Gott lässt sich nicht so leicht abhängen und nimmt seine Mission, Lincoln auf den Pfad der Tugend zu bringen, wirklich ernst. Dies erfordert von beiden Seiten starke Nerven, wovon der Allmächtige sich aber nicht aus der Ruhe bringen lässt. Und Lincolns neugewonnene Unsterblichkeit soll ihm auf seinem Weg in ein besseres Leben mehr als einmal nützlich sein…

Ein Mann, den sie Pferdegesicht nannten

Allein das Charakter-Design ist bei „Lincoln“ schon die halbe Miete. Der langgezogene Flunsch des Anti-Helden, dessen bewegende Vergangenheit ihn eigentlich zu einer tragischen und bemitleidenswerten Figur macht, lädt trotz dieser Tatsache zum Lachen und Schmunzeln ein. Zu punktgenau sind seine zynischen und bitterbösen Kommentare. Verfechtern des guten Geschmacks wird mit Sicherheit die schweißgetränkte Hutkrempe von der Rübe platzen, aber allen Freunden des bitterbösen Humors wird dieses erfrischende Western-Epos der etwas anderen Art bestimmt gefallen. Ich hab ständig drauf gewartet, dass Gott Lincoln einen Schokoriegel an die Hirse zimmert und brüllt „Du bist nicht DU, wenn Du hungrig bist!“.

Jérôme Jouvray reduziert die Zeichnungen mit seinem lockeren Strich auf das Nötigste. Weniger ist halt manchmal mehr und genau hier kommt dies tragend und als positives Beispiel zum Vorschein. Die Figuren sind cartoonesque, markant und fügen sich perfekt in die minimalistische Wild West-Umgebung ein. So bleibt der Fokus stets auf den interessanten Charakteren und geht nicht in selbstverliebten Details verloren, zu denen sich solch Genre-Werke gerne verleiten lassen. Einen Anti-Django mit ausgeprägtem Unterkiefer, einen Gott im Kartoffelsack und haufenweise pointierte Dialoge… mehr braucht es nicht, um einen hervorragenden Auftakt zu liefern.

Fazit:

Der Verlag Schreiber & Leser hat mit „Lincoln“ ein wahrlich heißes (Brand)eisen im Feuer, welches zudem noch im großen Alben-Format in die Regale wandert. Der Auftakt-Band „Auf Teufel komm raus“ macht alles richtig und bietet selbst eingefleischten Western-Freunden eine gelungene Abwechslung. Hier wird mit der Standard-Erwartungshaltung gespielt, die Lincoln garantiert NICHT erfüllt. Eine Lernkurve ist bei ihm (noch?) nicht erkennbar und so rotiert er wie die sprichwörtliche Axt im Walde… ohne Rücksicht auf Verluste. Bei mir hat der sympathische Brummbär jetzt schon einen dicken Stein im Brett… und Gott ist auch ‘n feiner Kerl!

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