Interview:
Franziska Ruflair

10.2019 Wir sind sehr erfreut, dass Franziska Ruflair ein paar Fragen zu ihrer Arbeit und zu ihrem jüngst im Avant-Verlag erschienen Comic „Adventure Huhn“ beantwortet.

"Weder groß, stark noch gefährlich – aber dafür wahnsinnig sympathisch."

Franziska Ruflair über ein Huhn als Heldin.

Comic-Couch:
Zuerst DIE Frage, die mir persönlich am meisten unter den Nägeln brennt: In „Adventure Huhn“ wird bereits angedeutet, dass es weitere Abenteuer geben könnte… und auch, dass an anderer Stelle etwas mehr über Huhns Vergangenheit offenbart wird. Ist dies der Fall? Stehen weitere Geschichten an?

Franziska Ruflair:
Gerade komme ich zurück vom Comicseminar Erlangen, wo ich eine Woche intensiv am Konzept von „Adventure Huhn“ Band 2 gearbeitet habe.

Das Seminar ist dafür perfekt geeignet. Eine Woche lang arbeiten gut 20–30 Zeichner*innen an ihren Geschichten, tauschen sich aus und werden dabei von namenhaften Mentoren (in diesem Jahr Birgit Weyhe und Ralf König) begleitet.

Ganz fertig mit dem Storyboard bin ich dabei noch nicht, aber das Konzept und grobe Handlung (also alle „großen Entscheidungen“) stehen. Die tragische Backstory spielt dabei definitiv eine Rolle, ob sie allerdings schon gelüftet wird, kann ich noch nicht versprechen.

Schauen wir mal, wie sich die Sache entwickelt!

Comic-Couch:
Mit dem naiv-abenteuerlustigen, stets übermotivierten Huhn und Susan, einer nörgelnden Raupe, lässt Du ein sehr spezielles und auch ungewöhnliches Gespann auf die Leser los. Wie kam es zu dieser skurrilen Konstellation? Standen eventuell noch andere Tierarten im Raum oder war es von Anfang an klar, dass es eine Huhn/Raupe-Kombo werden soll?

Franziska Ruflair:
Nein, absolut nicht! Begonnen hat alles mit der Idee eines Helden, dem es in allen Punkten an Heldenhaftigkeit mangelt. Recht schnell war für mich ein Huhn die Idealbesetzung: Weder groß, stark noch gefährlich – aber dafür wahnsinnig sympathisch.

Bei Susan war die Formfindung um einiges schwieriger.

Ein wichtiger Handlungspunkt ist, dass Huhn Susans Behausung (bzw. jetzt den Kokon) zerstört und somit für Susan die Notwendigkeit schafft, sich von ihrem Ursprungsort wegzubewegen. Was Susan als „bremsendes Element“ von Natur aus nicht gerne macht.

Lange Zeit war sie als Igel geplant, deren Laubbehausung kaputt gemacht wird. Die Dynamik hakte aber noch immer etwas. Im Comicseminar 2018 habe ich dann diverse Tiere ausprobiert (u.A. Maulwürfe, Eichhörnchen oder Haselmäuse), bis sich die Raupe durchgeboxt hat. Schön ist hier der Unterschied im Tempo, als auch die Spannung, dass Raupen gerne mal auf dem Speiseplan von Hühnern stehen.

Comic-Couch:
Die Story LEBT von der hervorragend funktionierenden Chemie zwischen den Hauptfiguren. Obwohl gänzlich verschieden, ergänzen sich Huhn und Susan in bester Buddy-Tradition und sorgen so für zahlreiche Lacher. Gab es Vorbilder in Film-, Roman- oder Comic-Form, die Dich inspiriert haben?

Franziska Ruflair:
Vielen Dank dafür erst einmal! Mittlerweile gibt es viele grandiose Duos in allen möglichen Genres und Medien. Die Chemie zwischen Huhn und Susan hat sich zwar aus den Charakteren heraus entwickelt, aber eine Inspiration war z.B. die Dynamik zwischen Dipper und Mabel aus „Gravity Falls“.

Comic-Couch:
Die zahlreichen Anspielungen auf RPGs (Role-Playing Games) und klassische Adventure-Spiele springen vor allem Gamern direkt ins Auge (für ausreichend Dietriche sollte in jedem Inventar Platz sein). Fühlst Du dich in dem Genre heimisch? Welche Spiele haben Dich geprägt, beziehungsweise nachhaltig beeindruckt?

Franziska Ruflair:
Ich bin großer Fan, sowohl von RPGs als auch Adventures! Das Feeling von „Adventure Huhn“ und auch der erste Namensbestandteil sollen sich übrigens an Letztere anlehnen.

Was mich an diesem Genre so begeistert ist die Kombination aus kreativen, abgedrehten Lösungen mit einer starken Handlung und eine großen Portion Humor. Meist sind in diesen Spielen auch wahnsinnig gut geschriebene Charaktere vertreten, denen man begeistert durch die Story folgt.

Das erste Spiel, dass mich nachhaltig beeindruckt und geprägt hat, war „Monkey Island 3“. Ich erinnere mich noch, dass ich ziemlich jung war, als ich es gespielt habe (Weswegen ich auch an vielen Rätseln gescheitert bin …). Die wunderschöne Grafik hat mich angezogen, aber die fulminante Handlung und vor allem der grandiose Guybrush Threepwood haben mich dabei gehalten.

Ganz ähnlich liegt der Fall bei „King’s Quest 7“. Die Hauptfigur, Prinzessin Rosella, hatte es mir angetan. Besonders, weil die Story von starken weiblichen Charakteren geprägt ist und in so unterschiedliche Welten führte! Das ist nach wie vor ein großer Leitstern für Look & Feel meiner Geschichten.

Aber auch für neuere Titel, wie die „Deponia“-Reihe aus dem Hause Daedalic oder „Undertale“ schlägt mein Herz.

Comic-Couch:
„Game of Thrones“, „Der Herr der Ringe“, „The Witcher“… Quer durch alle Medien wurde dem Fantasy-Genre in den vergangenen Jahren weltweit neues Leben eingehaucht. Auch die Geschichte von „Adventure Huhn“ spricht eine universelle Sprache. Gibt es Pläne, die Abenteuer von Huhn und Susan in anderen Ländern zu veröffentlichen?

Franziska Ruflair:
Da spricht für mich nichts gegen, auch wenn ich keine konkreten Pläne habe. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Humor auch in anderen Ländern funktionieren könnte. Schauen wir mal!

Comic-Couch:
Vor „Adventure Huhn“ hast Du bereits eine seitenstarke Graphic Novel namens „Ein Tag ohne Gestern“ geschrieben und illustriert, die größtenteils im Rahmen Deines Studiums an der Hochschule Mainz entstanden ist und 2016 zudem zu den Finalisten des Comicbuchpreises der Berthold Leibinger-Stiftung gehörte. Besteht nun die Möglichkeit, dass dieses Werk ebenfalls publiziert wird?

Franziska Ruflair:
Puh, schwierige Frage. Das Buch zu machen war in jedem Fall ein sehr wichtiger und guter Schritt für mich. Ich habe ungemein viel daran gelernt, aber es hat definitiv auch seine (erzählerischen) Schwächen. Um es publikationswürdig zu machen, müsste ich noch einmal an die Substanz gehen und redigieren. Momentan reizt mich die Arbeit an anderen Projekten deutlich mehr.

Comic-Couch:
Neben Deiner Arbeit als freie Illustratorin arbeitest Du als Graphic Recorderin. Ein Job, der in unseren Gefilden noch nicht derart verbreitet ist, wie beispielsweise in den USA. Magst Du uns etwas über diese kreative Tätigkeit erzählen?

Franziska Ruflair:
Beim Graphic Recording werden live und in Echtzeit Inhalte in Schrift und Zeichnung festgehalten. Gar nicht so weit weg vom Comic übrigens.

Zum Einsatz kommt es auf Konferenzen, Workshops, Bürgerbeteiligungen oder in der Stadtplanung. Aber auch für interne Transformationsprozesse ist es sehr spannend. Dabei arbeite ich mit meinen Kunden auf Augenhöhe – sie kümmern sich um ihre Inhalte, diskutieren, finden Lösungen und ich unterstütze sie visuell und kümmere mich um die Form oder Dokumentation.

Dabei komme ich mit allerlei spannenden Themen in Kontakt: Von Digitalisierung über Nachhaltigkeit bis hin zu New Work ist alles dabei. So lerne ich allerhand Neues aus allen möglichen Sparten dazu.

Das Graphic Recording ist eine kreatives Arbeitstool, was gerade die Lösungsfindung bei komplexen Themen fantastisch unterstützt.

Comic-Couch:
In den letzten Jahren haben deutsche Künstler eine unfassbare Bandbreite an beeindruckenden Comics und Graphic Novels vorgelegt, die auch international viel Beachtung fanden und finden. Welches Genre oder Thema würde Dich derart reizen, dass Du dich sofort an den Zeichentisch setzen würdest?

Franziska Ruflair:
Comicreportagen finde ich sehr spannend! Besonders in der Zusammenarbeit mit Journalisten glaube ich, dass hier viel Potenzial in der Wissensvermittlung liegt. Das würde mich sehr reizen. Ich bin aber auch im Bereich Fantasy weiterhin sehr glücklich.

Comic-Couch:
Was liegt aktuell auf Deinem Lesestapel… falls Du momentan überhaupt zum Lesen kommst? Gibt es eine Veröffentlichung, die Du unseren Lesern uneingeschränkt empfehlen würdest?

Franziska Ruflair:
Gerade habe ich „The Graveyard Book“ von Neil Gaiman ausgelesen und fand es genial. Hingerissen hat mich auch „Egon“ von Dominik Wendland mit seinem besonderen Erzähl- und Zeichenstil.

Eine unbedingte Leseempfehlung möchte ich für „Der große böse Fuchs“ von Benjamin Renner oder die „Donjon“-Reihe von Sfar und Trondheim aussprechen.

Das Interview führte Marcel Scharrenbroich im Oktober 2019.
Fotos, Cover, Zeichnungen © Franziska Ruflair / avant Verlag

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