Der Mann, der Wunder vollbringen konnte

Der Mann, der Wunder vollbringen konnte
Der Mann, der Wunder vollbringen konnte
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Marcel Scharrenbroich
9101

Comic-Couch Rezension vonAug 2026

Story

Ein kleines Gedankenspiel. Schön verpackt und mit universeller Botschaft.

Zeichnung

Mehr kann ich als großer Freund harmonisch-augenschmeichelnder Zeichnungen nicht verlangen. Munuera und Kolorist „Sedyas“ sind das ultimative Dream-Team!

Durchschnitts-Typ mit überdurchschnittlicher Gabe

George Allmächtig

Also DAS nenne ich mal eine Fähigkeit, die wirklich nützlich wäre! Nicht so ein Quatsch wie unsichtbar sein, fliegen können oder die Gedanken der Mitmenschen zu lesen. Gerade Letzteres könnte einen entweder in den Suff oder eine gepfefferte Depression stürzen. Ne, lass mal lieber. Aber Wünsche, die in Handumdrehen in Erfüllung gehen? Höchst verlockend. Zumindest dann, wenn diese Gabe in den richtigen Händen wäre… womit ich schon wieder raus bin. Doch in den Händen des von Haus aus eher skeptischen George McWhirter Fotheringay, mit seinem von Mittelmäßigkeit geprägtem Leben, in dem alles rational erklärbar scheint? Was könnte da schon schiefgehen?

Um es gleich vorwegzunehmen: eine ganze Menge. Doch beginnen wir am Anfang. An einem launig-lauen Abend im örtlichen Pub „Long Dragon“ im beschaulichen Örtchen Immering. Bei einem Pint pisswarmen und schaumlosen Bier-Verschnitts diskutiert der gute George mit einem Ortsansässigen über das Thema „Wunder“… und welch reines Fantasie-Konstrukt diese darstellen. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Büroangestellte seine ziemlich sichere These mit einer Nicht-Demonstration zu untermauern versucht. Einen Gegenstand aus der Entfernung mit reiner Willenskraft zu bewegen, sollte im Normalfall nicht funktionieren. Das weiß ich sogar ziemlich genau, da ich es – allein aus Trotz – tagtäglich versuche. Aber mal ehrlich, wie hoch stehen die Chancen? Ziemlich weit in Richtung Null, da sind wir uns hoffentlich alle einig. Bei Georges Versuch, eine brennende Deckenleuchte umzudrehen, zeigt sich allerdings, dass selbst ein minimalster Prozent-Anteil über Null bestens ausreicht, um jegliche Logik auf den Kopf zu stellen. Nicht nur die, denn der Leuchter dreht sich, brennt weiter und fackelt fast die Kneipe ab. „Oh Wunder!“ schreit deshalb aber noch niemand der Anwesenden, sondern ruft höchstens den lokalen Gesetzeshüter auf den Plan, der den scheinbar pyromanisch veranlagten Krawallmacher umgehend an die frische Luft befördert. Schlagartig ausgenüchtert, überprüft er noch auf dem Heimweg, ob das eben Erlebte schlichtweg als Zufall angetan werden kann, oder ob wirklich eine undefinierbare Kraft in ihm schlummert. Die Antwort erhält er prompt, denn aus dem Nichts lässt er eine Zigarette samt Streichholz erscheinen. Im Schutze der eigenen vier Wände geht es munter weiter. Alltagsgegenstände wechseln die Farbe, lästiges Ausziehen der Kleidung entfällt. Ein nützliches Fingerschnippen, welches sich auch im grauen Büro-Alltag hervorragend und zeitsparend nutzen lässt. Als George aber am nächsten Abend wieder der recht stoische Constable wieder über den Weg läuft, der ihn unsanft des Lokals verwiesen hat, übertreibt er es unbedacht und wünscht dem langen Arm des Gesetzes kurzerhand einen Aufenthalt in wärmeren Gefilden. Kurz gesagt, landet der Bulle auf direktestem Weg in der Hölle.

Spätestens jetzt wird George bewusst, welche Macht er wirklich besitzt… und welch fatale Folgen seine Wünsche haben können. Eine Katastrophe mit Ansage?

Well(s), Well(s), Well(s)…

Das spanische Allround-Talent José-Luis Munuera, bekannt für seine Adaptionen und eigenen Werke „Bartleby, der Schreiber“, „Peter Pan in Kensington Gardens“, „Das Rennen des Jahrhunderts“, „Sein Geruch nach dem Regen“ (alle bei SPLITTER erschienen) sowie Beiträge zum frankobelgischen Dauerbrenner „Spirou + Fantasio“ und dessen Spin-off „Zyklotrop“ (CARLSEN), hat sich einer nicht übermäßig bekannten Kurzgeschichte des wegweisenden Autors H. G. Wells angenommen. Der englische Sci-Fi-Pionier Herbert George Wells (1866 – 1946) ist vor allem durch seine großen Klassiker „Die Zeitmaschine“, „Die Insel des Dr. Moreau“, „Der Unsichtbare“ und „Der Krieg der Welten“ berühmt, und das nicht nur bei eingefleischten Genre-Fans. Als fiktiver Charakter (gespielt von Malcolm McDowell) machte Wells 1979 sogar im Film „Flucht in die Zukunft“ höchstpersönlich Jagd auf einen zeitspringenden Jack the Ripper und war selbst im britischen TV-Dauerbrenner „Doctor WHO“ vertreten. Auf das Konto des realen H. G. Wells gehen außerdem noch dutzende Sachbücher und kürzere Erzählungen, in die sich dann auch „Der Mann, der Wunder vollbringen konnte“ (OT: „The Man Who Could Work Miracles“) aus dem Jahr 1898 einreiht. Munuera, der sein Handwerk bestens versteht, wagt sich nun aber nicht an eine schlichte Adaption, sondern „streckt“ die Geschichte noch, womit er ihr neue Facetten abringt. Im Gegensatz zu Wells‘ Original-Vorlage lässt Munuera seinen überforderten „Helden“ nicht nur Hilfe beim örtlichen Geistlichen suchen, sondern schickt ihn zuvor noch zu einem Medium, zum Onkel Doktor und auf die Couch eines Psychiaters. Das trägt zur Story bei und lässt tiefer in George McWhirter Fotheringay als Charakter blicken.

Wer schon einmal gesehen hat, was José-Luis Munuera als Zeichner aufs Papier bringt, braucht hier überhaupt keine Bedenken zu haben. Das Artwork im klassischen Zeichentrick-Look könnte schöner und charmanter nicht sein. Einen großen Anteil daran hat auch Kolorist Sergio „Sedyas“ Román, mit dem Munuera schon bei seiner humorvollen Piraten-Reihe „Die Campbells“ (CARLSEN) zusammenarbeitete. Ganz tolle Farbverläufe und eine unheimlich atmosphärische Beleuchtung sind das lohnende Ergebnis.

Noch eine dringende Warnung am Rande: Lest das Vorwort Veronique Béghain, Literatur-Professorin an der Université Bordeaux Montaigne und Übersetzerin, unbedingt erst NACH der eigentlichen Geschichte. Béghain über-analysiert die Story und ihre Hintergründe und nimmt damit quasi jeden Twist vorweg. Als Nachwort wäre ihr Text deshalb angebrachter gewesen. Ich wäre fast in ihre diabolische Falle getappt, deshalb: ACHTUNG!

Fazit:

Eine kleine, feine Geschichte. Mit der Botschaft, dass aus großer Kraft auch große Verantwortung entspringt (das wohl Nachhaltigste, was MARVEL uns je eingeimpft hat), philosophisch angehaucht und durchaus humorvoll erzählt, bleibt „Der Mann, der Wunder vollbringen konnte“ trotz überschaubarer Länge im Hinterkopf haften. Visuell sowieso, denn egal welche Seite man aufschlägt, bleiben die Augen unweigerlich am wunderschön fließenden, warmen Artwork kleben.

Der Mann, der Wunder vollbringen konnte

José Luis Munuera, H.G. Wells, José Luis Munuera, Splitter

Der Mann, der Wunder vollbringen konnte

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