Film:
I Kill Giants

Film-Kritik von Marcel Scharrenbroich (08.2018)

BFG: Barbara’s fighting Giants

Was lange währt…

Fast zehn Jahre hat es gedauert, bis die gleichnamige Comic-Vorlage von Joe Kelly den Weg in unsere Regale schaffte. Von Januar 2008 bis Januar 2009 erschien die siebenteilige Mini-Serie im amerikanischen Image Verlag und erntete sofort viel Lob... sowohl von den Kritikern, als auch von den Lesern. Unter anderem wurde „I Kill Giants“ 2008 von IGN – einer populären News-Seite rund um multimediale Themen -  zum „Best Indy Book“ gekürt und erhielt 2012 die Gold-Auszeichnung beim „5th International Manga Award“. Im Juli veröffentlichte der Splitter Verlag die komplette Story von Barbara Thorson - und ihrem Kampf gegen die gigantischen Riesen - endlich auch bei uns in einem hochwertigen Pracht-Band. Dabei profitiert die deutsche Ausgabe vom größeren Format gegenüber den US-Heften und lässt die grandiosen Zeichnungen von Ken Niimura noch eindrucksvoller wirken.

Einleitend kommt dort auch Chris Columbus zu Wort, den man als Regisseur von „Kevin – Allein zu Haus“, „Kevin – Allein in New York“, „Mrs. Doubtfire“ und den ersten beiden „Harry Potter“-Abenteuern kennt. Zudem führte er Regie bei „Die Nacht der Abenteuer“ (einem meiner Lieblings-Filme) und schrieb die Drehbücher zu „Die Goonies“ (ein weiterer Lieblings-Film) und beiden „Gremlins“-Filmen. Da Columbus auch als Produzent sehr aktiv ist und mit „Harry Potter“ und „Percy Jackson“ bereits einiges an Erfahrung im Teenager-Fantasy-Genre hat, ist es auch nicht verwunderlich, dass er diesen Posten auch bei „I Kill Giants“ bekleidet.

Als Regisseur entschied man sich für ein noch unbeschriebenes Blatt… zumindest unbeschrieben im Langfilm-Sektor. Für seinen Kurzfilm „Helium“ wurde der dänische Regisseur Anders Walter nämlich 2014 für den „Oscar“ nominiert… und gewann den Goldjungen auch.

Da man Joe Kelly – den Schöpfer des Comics – auch gleichzeitig als Drehbuchautor gewinnen konnte, hatte man mit ihm, Columbus als Produzenten und Oscar-Gewinner Anders auf dem Regiestuhl eine ziemlich gute Ausgangslage, um an ähnliche Genre-Erfolge wie „BFG: Big Friendly Giant“ und „Sieben Minuten nach Mitternacht“ anzuknüpfen… nicht zu vergessen, den grandiosen Comic als Basis!

Thor wäre neidisch…

…wenn er sehen könnte, was die Teenagerin Barbara (Madison Wolfe) mit ihrem Kriegs-Hammer „Coveleski“ so alles vollbringt. Im Gegensatz zum handlichen Prügel des Donnergottes ist ihr Arbeitsgerät nämlich eine ganze Ecke wuchtiger… und auch um einiges imposanter. Und Barbara Thorson nutzt es, um ihren „Job“ zu erfüllen. Wo andere Fünftklässler ihre Freizeit noch mit Spiel, Sport und Spaß verbringen und herrlich unbeschwert durchs Leben gehen, lastet bereits eine große Verantwortung auf den schmalen Schultern des Mädchens. Barbara tötet nämlich Riesen. Ja… RIESEN. Jene gewaltige, mythische Kreaturen, bei deren Aufstampfen der Boden zu beben beginnt und die mit einem einzigen Hieb ganze Wälder roden können.

Vollkommen davon überzeugt, die ganze Stadt – mitsamt ihrer Einwohner – schon mehrfach vor der drohenden Riesen-Bedrohung bewahrt zu haben, legt Barbara eine gewisse Überheblichkeit an den Tag, die sie ihre Mitschüler und vor allem die erwachsenen Respektspersonen regelmäßig spüren lässt. Barbara legt wenig Wert auf Freundschaften mit anderen Kindern… nur ihre Beziehung zur frisch aus England zugezogenen Sophia (Sydney Wade) könnte man als „sozialen Kontakt mit Potential“ bezeichnen. Das junge Mädchen konnte bisher keine Bande in ihrer neuen Heimat knüpfen und die geheimnisvolle Barbara, die den Strand mit versteckten Riesen-Fallen spickt und in ihrem dortigen Refugium allerlei mysteriösen Kram bunkert, hat ihr Interesse geweckt.

Auch die Schulpsychologin Mrs. Mollé (Zoe Saldana) hat ein Auge auf Barbara geworfen, da ihr das abgeschottete Verhalten der jungen Schülerin Sorge bereitet. Zudem rasselt sie ständig mit der Schul-Tyrannin Taylor (Rory Jackson) und ihren Schleimspur-Ganovinnen aneinander, was der Psychologin ebenfalls nicht entgangen ist. Doch darauf, dass Barbara sich ihr öffnet und über ihre Sorgen und eventuelle Ängste spricht, darauf wartet die geschulte Ansprechpartnerin vergebens… ganz im Gegenteil. Als Mrs. Mollé das familiäre Umfeld des Mädchens anspricht, fängt sie sich eine gewaschene Ohrfeige von der wütenden Barb.

Daheim verhält es sich ähnlich. Auch hier herrscht eine unterkühlte Stimmung und die selbsternannte Riesen-Killerin verhält sich abweisend gegenüber ihrer großen Schwester Karen (Imogen Poots) und ihrem Bruder Dave (Art Parkinson). Karen hat im Hause die elterliche Fürsorge übernommen. Eine Rolle, in der sie sich jedoch zunehmend überfordert und wenig unterstützt fühlt.

Während Barbaras Umfeld sich um ihre immer größer werdenden, phantastischen Auswüchse sorgt, bereitet diese sich auf eine finale Konfrontation vor. Eine Konfrontation mit ihrem Innersten, das größere Schatten wirft als der gigantischste Riese…

Power-Frauen in Spiellaune

Der aufmerksame Zuschauer wird sofort bemerken, dass die Darsteller-Riege fast ausnahmslos aus weiblichen Charakteren besteht. Schon im Comic spielten die männlichen Charaktere, sofern sie denn mal auftauchten, eine untergeordnete Rolle. Bei der Auswahl für die filmische Adaption bewiesen die Verantwortlichen zudem ein gutes Händchen und konnten ausdrucksstarke Schauspielerinnen gewinnen, die die Kernaussage der Vorlage erkannt haben und es auch verstanden, diese voller Spielfreude vor der Kamera umzusetzen.

Allen voran die mittlerweile fünfzehnjährige Madison Wolfe, die den Hauptcharakter Barbara Thorson adäquat mit Leben füllt. Bereits in ihrem jungen Alter kann Wolfe schon eine beachtliche Karriere vorweisen. Neben Auftritten in TV-Serien - wie „Scream“, „Zoo“ oder „True Detective“ - spielte die US-Amerikanerin auch schon in erfolgreichen Kino-Filmen. Neben den Bio-Pics „Joy – Alles außer gewöhnlich“ und „Trumbo“ konnte man sie auch im zweiten Ableger der kassenfüllenden „Conjuring“-Reihe von James Wan sehen. Ihre Barbara ist – ähnlich wie im Comic – nicht sofort der typische Sympathieträger, dem sofort die Herzen der Zuschauer zufliegen. Sie spielt das Mädchen, das wie selbstverständlich einen Haarreif mit Hasenohren trägt und hinter ihren dicken Brillengläsern die Augen giftig zusammenkneift, ebenso rotzig und abgebrüht, wie Joe Kelly den Charakter in seiner Comic-Serie vorgegeben hat. Ihr Handeln weckt das Interesse des Zuschauers… und dieser blickt ebenso langsam hinter die Fassade und die Beweggründe des Teenagers, wie die Personen, die sich um sie sorgen.

Auch die leidenschaftlich spielende Zoe Saldana kann hier schauspielerisch auftrumpfen. Als fürsorgliche Schulpsychologin Mrs. Mollé versucht sie zur aufmüpfigen und abweisenden Barbara vorzudringen, was sich allerdings als Herkules-Aufgabe herausstellt. Saldana konnte bereits in actionreichen Rollen - wie „Colombiana“, den Comic-Verfilmungen „The Losers“, beiden „Guardians of the Galaxy“-Teilen und „Avengers – Infinity War“, der bisher dreiteiligen Neuauflage der „Star Trek“-Reihe und natürlich James Camerons „Avatar“ – überzeugen und darf sich nun auch von ihrer emotionalen Seite zeigen, was ihr auch gut zu Gesicht steht.

Als dritten Hauptcharakter hätten wir die wunderbare Imogen Poots, in der Rolle von Barbaras älterer Schwester Karen. Diese versucht verzweifelt das Familiengefüge zusammenzuhalten, was ihr aber immer mehr aus den Händen zu gleiten droht. Daran ist auch Barbara nicht ganz unschuldig und als die Fassade zu bröckeln beginnt, offenbart sich der dramatische, familiäre Scherbenhaufen. Imogen Poots machte 2007 mit der Zombie-Fortsetzung „28 Weeks Later“ auf sich aufmerksam und spielte bereits zweimal an der Seite des viel zu früh verstorbenen Anton Yelchin. Das Vampir-Remake „Fright Night“ begeisterte mit augenzwinkerndem Horror und „Green Room“ entwickelte sich im Heimkino zum brutalen Genre-Hit. Extrem empfehlenswert sind ihre Filme „Drecksau“ (unbedingt anschauen!!!), nach einem Roman von „Trainspotting“-Autor Irvine Welsh und mit einem bombastischen James McAvoy, sowie der Ensemble-Film „A Long Way Down“, in dem sie an der Seite von Pierce Brosnan, Toni Collette und Aaron Paul zu sehen ist. „Broadway Therapy“ von Regisseur Peter Bogdanovich ist ebenfalls einen Blick wert.

Barbaras einzige Freundin Sophia wird von der sechzehnjährigen Engländerin Sydney Wade verkörpert. Wade steht bereits seit ihrem vierten Lebensjahr vor der Kamera und ist hauptsächlich aus diversen TV-Serien bekannt. Darunter die BBC-Hits „Sherlock“ und „Doctor Who“, „Bedlam“, „Happy Valley“ und „Wolfblood“.

VS.

Selbstverständlich kommt auch „I Kill Giants“ nicht an einem direkten Vergleich mit seiner preisgekrönten Vorlage vorbei. Auch wenn die Story – bis auf wenige Abweichungen und filmische Freiheiten – nahezu identisch ist, zieht die Adaption hier leicht den Kürzeren. Ken Niimuras stilsichere Zeichnungen auf Film zu bannen gelingt nur bedingt und trotz gelegentlich toller Aufnahmen geht der Film zu sehr auf Nummer sicher. Es sind zwar alle Zutaten vorhanden, jedoch fehlt hier ein wenig perspektivische Risikobereitschaft. Auch wenn der Fokus ganz klar auf Barbara und ihren persönlichen Problemen liegt und einige Szenen 1:1 aus den Comic-Panels übernommen wurden, hätte eine stilistischere Inszenierung für das gewisse Etwas sorgen können. Der sparsame Einsatz von CGI-Effekten ist durchaus gelungen und lenkt nicht von der eigentlichen, dramatischen Handlung ab. Bei den Begegnungen mit den Riesen kommt durchaus Comic-Feeling auf und auch die Charaktere sind nah an ihren gezeichneten Vorbildern. Allerdings liefert der Film für meinen Geschmack zu viele Hinweise auf den eigentlichen Plot-Twist, während der Comic da etwas dezenter vorgeht… beziehungsweise verräterische Textstellen einfach schwärzt. Besonders hervorheben muss man noch die liebevolle Ausstattung des Films, bei der auch auf kleinste Details geachtet wurde.

Die Qual der Wahl…

…haben hier definitiv die potentiellen Käufer. Neben der DVD und der Blu-ray, die jeweils im Keep Case kommen und zudem in einem schmucken Steck-Schuber untergebracht sind, hat Koch Media noch ein besonderes Ass im Ärmel. Während Kenner der Comic-Vorlage – oder Leute, die NUR am Film interessiert sind – mit der jeweiligen Standard-Ausführung schon gut bedient sind, bieten die Köche eine Amazon-exklusive „Giant-Edition“ an. Hier finden sich – neben der Blu-ray UND der DVD – noch ein Postkarten-Set mit Film-Motiven, sowie der komplette Hardcover-Comic-Band von „I Kill Giants“ aus dem Splitter Verlag! Dieser verfügt über ein Variant-Cover, welches nur in dieser Edition erhältlich ist. All dies befindet sich in einem hochwertigen und toll designten Schuber. Wer den Comic von Joe Kelly und Ken Niimura noch nicht kennt, sollte hier definitiv zuschlagen. So kommt man in den Genuss eines Ausnahme-Comics, den man gelesen haben sollte und zudem bekommt man ein fantasievolles Coming-of-Age-Drama, welches zwar einige Chancen auf der Strecke lässt, aber dennoch aus der filmischen Masse heraussticht und über dem Genre-Durchschnitt rangiert.

Am Bild der Blu-ray (2.39:1, 16:9) gibt es nichts auszusetzen. Schärfe und Bilddarstellung sind auf gehobenem Niveau und das minimale Bildrauschen ist kaum der Rede wert. Die Farben sind kräftig und der Schwarzwert überzeugend. Der Ton (DTS HD-Master Audio 5.1) ist sowohl in Deutsch als auch englischem Original klar verständlich und satt.

Lediglich beim Bonusmaterial wäre deutlich mehr drin gewesen… Bis auf einen schnellen Blick hinter die Kulissen, in dem auch die Macher des Comics kurz zu Wort kommen, der Anatomie einer Szene und Trailern zum Film (und weiteren Veröffentlichungen aus dem Hause Koch Media) gibt es leider nichts auf der blauen Scheibe zu finden. Bei so einer aktuellen Produktion eigentlich schade, da auch Vergleiche zwischen Comic und Film sicherlich sehr interessant gewesen wären.

Fazit:

Die mit rund 15 Millionen US-Dollar recht überschaubare Produktion macht das Beste aus dem Budget und kann sowohl optisch als auch darstellerisch punkten. Die Mischung aus Coming-of-Age und Fantasy funktioniert erstaunlich gut und verkommt glücklicherweise nicht zur plumpen Effekt-Orgie, sondern verlässt sie auf die emotionale Tiefe der Comic-Vorlage. Mehr Mut für experimentellere Perspektiven – ähnlich denen des Comics - wäre wünschenswert gewesen, schmälert das Seh-Erlebnis jedoch nur minimal. Speziell mit dem Komplett-Paket der „Giant-Edition“ ist Koch Media ein Volltreffer gelungen, bei dem alle interessierten Zuschauer und Leser voll auf ihre Kosten kommen dürften.

Wertung: 8  (Film: 8  |  Blu-ray: 8)
 


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Alle Fotos copyright: Koch Media

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