Thor: Love and Thunder

von Marcel Scharrenbroich (07.2022) / Titelbild: © Disney

Die göttliche Tragödie

Garden of Eden (Album: Use Your Illusion I)

Dass die Rufe um göttlichen Beistand in den meisten Fällen unbeantwortet bleiben, muss Gorr (Christian Bale) auf die schmerzliche Art und Weise am eigenen Leib erfahren. Seine Tochter (India Hemsworth, Tochter des Hauptdarstellers Chris) stirbt in seinen Armen. Verzweifelt und entkräftet schleppt er sich in den Vorgarten von Rapu (Jonny Brugh), seinem angebeteten Gott. Enttäuscht muss Gorr feststellen, dass Rapu ihm die ewige Belohnung, die seiner Anhängerschaft für ihren aufopfernden Glauben in Aussicht gestellt worden war, verweigert. Noch schlimmer, Rapu gibt lachend zu, dass ihm seine menschlichen Gefolgsleute egal sind. Neue werden kommen, um ihm ebenfalls blind zu folgen. Mit komplett auf den Kopf gestelltem Weltbild und rasend vor Trauer sagt Gorr sich von seinen Göttern los. Rapu und seinesgleichen erlegten kurz zuvor erst den verfluchten Träger des Nekroschwertes. Jene mächtige Waffe, die es vermag, Götter zu töten. Die noch nicht ganz kalte Leiche des Trägers liegt während des gesamten Dramas noch in Reichweite, weshalb das Nekroschwert in Gorr einen idealen und praktischerweise frisch verfügbaren Nachfolger sieht. Gorr durchbohrt Rapus Hals mit der schwarzen Klinge und steht unmittelbar unter deren Einfluss. Von nun an sollen alle Götter den neuen Träger des Nekroschwertes fürchten, denn Gorr der Götterschlächter hat es sich zur Aufgabe gemacht, jeden Einzelnen von ihnen zur Strecke zu bringen.

There Was a Time (Album: Chinese Democracy)

Donnergott Thor (Chris Hemsworth) steht nach seiner Bier-und-Fress-Phase wieder voll im Saft. Gestählter denn je. Allerdings partnerlos und unsicher darüber, wo sein Stand in der Welt/den Welten ist. Auf dem Schiff der Guardians of the Galaxy, mit denen Thor von Abenteuer zu Abenteuer reist, erreichen die Truppe zahlreiche Hilferufe aus aller Herren Galaxien. Einer dieser Hilferufe stammt von Lady Sif (Jaime Alexander), einer langjährigen Weggefährtin. Verwundet erzählt sie Thor an Ort und Stelle vom Götterschlächter. Und davon, dass er es als nächstes auf New Asgard abgesehen hat. Tatsächlich geht es Gorr um die asgardianischen Kinder, die Thor, Valkyrie (Tessa Thompson) und Stein-Alien Korg trotz heftigen Kampfes nicht retten können. Er entführt die Kinder, darunter den Sohn von Heimdall, und verfrachtet sie an einen finsteren Ort, während der Donnergott seinen Augen nicht trauen kann. Auf dem Schlachtfeld steht im plötzlich seine Ex-Geliebte Jane gegenüber. Nur dass er sie ganz anders in Erinnerung hatte.

Rocket Queen (Album: Appetite for Destruction)

Die Astrophysikerin Jane Foster (Natalie Portman) ist unheilbar an Krebs erkrankt. Eingestehen möchte sie sich nicht, wie schlimm es um sie steht. Stattdessen stürzt sie sich in die Arbeit und forscht. Unterstützt wird sie dabei von Dr. Erik Selvig (Stellan Skarsgård), der leider keine guten Neuigkeiten für sie hat. Die Chemo-Therapie zeigt nicht die erhoffte Wirkung. In Büchern über Wikinger-Mythologie findet Jane schließlich eine Möglichkeit, die ihr wieder Hoffnung schenkt.

Sie reist nach New Asgard, wo sich als Touristen-Attraktion die Überreste des zerbrochenen Hammer Mjölnir bestaunen lassen. Jener göttlichen Waffe, der heilende Kräfte nachgesagt werden. Was Jane nicht weiß, ist, dass Thor Mjölnir während ihrer Beziehungs-Phase befahl, Jane um jeden Preis der Welt zu beschützen. Mit ungeahnten Folgen.

Paradise City (Album: Appetite for Destruction)

Der erste Absatz der Inhaltsbeschreibung, Garden of Eden, liest sich doch ganz spannend, oder? Sieht man mal von Gorrs urplötzlicher Wandlung ab, die seinen Charakter innerhalb von Sekunden ins Gegenteil verkehrt (und davon, dass die Szene fast 1:1 aus dem Anfang von „Bram Stoker’s Dracula“ aus dem Jahr 1992 entnommen wurde), könnte also ein recht episches Abenteuer vor uns liegen. Ja… könnte, hätten uns die Trailer nicht bereits verraten, dass wir es doch mehr mit einem blumig-bunten CGI-Spektakel zu tun bekommen. Und genau das kriegen wir. „Thor: Love and Thunder“ leuchtet in allen Regenbogenfarben. Und zwar so sehr, dass es fast in den Augen brennt. Die Sets stammen fast komplett aus dem Rechner und die wenigen realen Kulissen wurden zumindest digital aufgepeppt. So kommt kaum eine Szene ohne Spezialeffekt aus. Lediglich die wenig irdischen Momente. In diesen lässt der Film die Zuschauer dann endlich mal etwas zur Ruhe kommen und bringt tatsächlich so etwas wie eine Story mit. Die tragische Handlung um Janes Krebserkrankung hätte allerdings mehr Tiefe verdient gehabt, was in der für MARVEL-Verhältnisse überschaubaren Laufzeit und der albern-überdrehten Guns N' Roses-Reminiszenz aber scheinbar eine untergeordnete Rolle spielte. Mehr ist „Love and Thunder“ nämlich nicht. Gehen wir ein paar Punkte – negativ wie positiv (ja, solche Momente gibt es auch!) – mal durch:

Don’t Cry (Album: Use Your Illusion I)

Fangen wir mit den Lichtblicken an. Da wäre wohl zuerst Christian Bale als Gorr der Götterschlächter zu nennen. Bale spielt, als hätte er als Einziger verstanden, dass man tragische Figuren auch mit einer gewissen Tragik spielen sollte. Als optische Mischung aus Marilyn Manson und Lord Voldemort sind seine Szenen düster, eindringlich und es geht eine spürbare Bedrohung von ihm aus. Der abgelederte Look passt hervorragend zum gebeutelten, rachsüchtigen Charakter. Sollte die nette Nonne Valak aus dem „Conjuring“-Universum mal auf Partnersuche sein, wüsste ich gleich jemanden. Und so sind die Szenen mit Gorr dank stets finsterer Umgebung bis hin zur kompletten Entsättigung der Farben die tragenden Pfeiler des Story-Gerüstes, während man sich stets fragt, ob Ex-Batman Bale nur seinen Part im Drehbuch gelesen hat und den albernen Kram einfach überblätterte. Zumindest optisch ein gelungener Kontrast zum bunten Klimbim, aber irgendwie auch ein Fremdkörper. Die flache Komik will sich mit den ernsthaften Momenten einfach nicht anfreunden.

Natalie Portmans Part als Jane Foster, alias Mighty Thor, könnte man als „stets bemüht“ bezeichnen. Wenn das Skript nicht mehr hergibt, kann selbst eine gestandene A-Schauspielerin nichts mehr retten. Dass Regisseur Taika Waititi den Spagat zwischen Humor und Tragik eigentlich beherrscht, hat er 2019 mit dem grandiosen „Jojo Rabbit“ bewiesen, doch davon ist erschreckend wenig übriggeblieben. Janes Krankheit wird ziemlich oberflächlich behandelt, was der Rückkehr ihrer Figur nicht gerecht wird. Kein Vergleich zur Comic-Vorlage. Da reicht es nicht, kurz ihr Schicksal über den Daumen zu brechen, sie bei einer Chemo-Sitzung zu zeigen, ihr die Augen dunkel zu schminken und eine vergangene Romanze in eingeschobenen Flashbacks aufzuwärmen, um ihren Charakter wieder interessant zu machen. Hätte man sowas über mehrere Filme aufgebaut, hätte es klappen können. So aber sind sowohl Jane Foster, vor allem aber Mighty Thor, verschenkt.

Wer sich in „Thor: Love and Thunder“ vor allem auf ein großes Wiedersehen mit den verbleibenden Guardians of the Galaxy gefreut hat, wird bitter enttäuscht werden. Die werden nämlich kurz abgefrühstückt, nachdem man diesen offenen Story-Pfad aus „Avengers: Endgame“ ja schließlich aufgreifen musste, und verschwinden daraufhin in Richtung ihres eigenen Abenteuers, welches wir voraussichtlich im Mai 2023 unter der erneuten Regie von James Gunn zu sehen bekommen werden. Was uns jedoch nicht erspart bleibt, ist der erneut von Taika Waititi himself dargestellte CGI-Klops Korg, dessen dauerndes „Bro“ mir schon nach fünf Minuten kräftig auf den Sack ging. Die eh schon zum Fremdschämen verleitenden Dialoge werden noch durch Zusätze wie „Cool“, „Wow“ und „Chill mal“ abgewertet.

Das führt uns unweigerlich zu Zeus, der von niemand geringerem als Russell Crowe verkörpert wird. Mit goldenem Leibchen über dem Tutu-ähnlichen Kleidchen fragte ich mich, nachdem der allmächtige Gott mit albernem, aufgesetztem Akzent die Treppe heruntertänzelte, wie schnell und tief ein Hollywood-Urgestein im Meer der Peinlichkeiten versinken, ja sogar absaufen kann. Diese Frage wurde umgehend beantwortet, als der beleibte Zeus ein paar Kunststücke mit seinem golden angemalten Plastik-Blitz vollführte. Dagegen wirkte Jeff Goldblums Charakter Grandmaster, aus dem direkten Vorgänger „Thor: Tag der Entscheidung“ (aka „Thor:Ragnarok“), noch wie der Inbegriff eines Testosteron-Protzes… und außerdem hundertmal charismatischer als die Parodie eines Gottes.

Götter gibt es übrigens so Einige zu bestaunen. Im Goldenen Tempel, wo die lustige Truppe um Thor auf Zeus trifft, tummelt sich so manches Exemplar dieser Gattung. Lediglich erwähnt wird der Gott der Tischlerei, bei dem wir uns wohl denken können, wer gemeint ist. Mir jedenfalls ist vor Ehrfurcht die Taschenbuch-Ausgabe der Bibel aus der Tasche gehüpft und rotiert noch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, freischwebend vor den umgedrehten Kreuzen über meinem Schrein des Gehörnten. Beim Knödel-Gott Bao bin ich dafür aber schreiend vor Lachen vom Sitz gesprungen. Generell heißt es wieder „Augen auf!“. Es gibt zahlreiche Verweise auf Charaktere aus der Comic-Welt. Will man nicht auf Analysen jeder einzelnen Szene im Netz zurückgreifen, brauch man aber einen scharfen Blick, um jeden Verweis zu erkennen. Ob dies nur Easter Eggs für Hobby-Detektive sind, oder ob MARVEL damit weitere Türen öffnet, lässt sich noch nicht voraussehen. Allerdings heißt es auch bei „Love and Thunder“, dass man während des Abspanns nicht aus dem Saal stürmen sollte (wenn die Verlockung auch groß ist…), denn es warten zwei zusätzliche Szenen auf Euch. Ob man diese nun braucht, steht auf einem anderen Blatt. Ich für meinen Teil nicht, da Thor für mich, trotz göttlicher Kräfte, der schwächste der Solo-Superhelden bleibt. Dafür hat Regisseur Waititi nun zum zweiten Mal gesorgt. Seine Handschrift ist zu präsent, was tonal einen heftigen Keil in die Kontinuität des Marvel Cinematic Universe treibt.

Oh My God (Album: „End of Days“ Soundtrack)

Wie schon in den Trailern zu hören war, liegt auch der Fokus des eigentlichen Films sehr stark auf der musikalischen Untermalung. Die kalifornische Band Guns N‘ Roses ist hier omnipräsent. Nicht nur bei den im Film verwendeten Songs „Welcome to the Jungle“, „Paradise City“, „Sweet Child O‘ Mine“ und „November Rain“, sondern auch auf Postern in Kinderzimmern oder bei der Namensgebung von Heimdalls Sohn. Da ist es nicht schwer zu erraten, wo musikalisch die Präferenzen des Regisseurs liegen. Deshalb fühlt sich der Film auch wie ein überlanger Musik-Clip an, was auch dem Look anzumerken ist. Neben Guns N‘ Roses finden sich noch Beiträge von Enya, ABBA oder Mary J. Blige auf dem Soundtrack. Der Score wurde von Michael Giacchino & Nami Melumad komponiert.

Bei „Welcome to the Jungle“ kommt schon so etwas wie Fun auf, selbst wenn Thor sich den völlig überzogenen Action-Szenen ins Getümmel stürzt, um vorwärts springend Rückwärtssaltos zu vollführen, in bester Van-Damme-Manier zwei schwebende Gleiter im Spagat auseinanderdrückt und ein Panzer-ähnliches Gefährt mit einem Roundhouse-Kick aus der Spur tritt. Das ist so drüber, dass es fast schon wieder lustig ist. Springt das Hirn dann aber plötzlich wieder an, fragt man sich, was man sich da eigentlich gerade antut. Sein sehr fragwürdiges Verhältnis zu seinen Waffen sollte der Donnergott vielleicht ebenfalls noch einmal überdenken. Wenn Ihr ihn mit Hammer Mjölnir oder der Streitaxt Stormbreaker reden hören wollt, oder sogar sehen möchtet, wie er seine Axt liebevoll krault(?), dann ist DAS Euer Film.

Fazit / Breakdown (Album: Use Your Illusion II):

„Thor: Love and Thunder“ ist eine ziemliche Enttäuschung. Anscheinend genießt Regisseur Taika Waititi enormes Vertrauen von der DISNEY-Seite, was ich mir in diesem Ausmaß für Sam Raimis „Doctor Strange“-Fortsetzung gewünscht hätte. Dann hätten wir wohl eine zügellose Horror-Keule präsentiert bekommen (Raimi musste 40 Minuten wegschnippeln), die den Verantwortlichen eine vornehme Blässe ins Gesicht gezaubert hätte… und uns einen R-rated Multiverse-Horror-Trip. Waititis mit Albernheiten gespickte „Thor“-Beiträge erscheinen dagegen eher wie Parodien als sinn- und gehaltvolle Fortführungen der MCU-Timeline. Inhaltlich überschaubar, bis auf wenige Ausnahmen platt gespielt und unnötig auf Lustig getrimmt, bleibt hier nur eins haften: Die Moral von der Geschicht‘, Rache ist kacke… Liebe nicht.

Wertung: 4

Fotos: © Disney

Alita:
Battle Angel

Der „Große Krieg“ ist seit 300 Jahren vorbei. Unter der gigantischen Himmelsstadt Zalem, der letzten ihrer Art, befindet sich Iron City. Hier sind alle Strukturen zusammengebrochen, was die Straßen - speziell nach Einbruch der Dunkelheit – zum gefährlichen Pflaster werden lässt. Im Jahr 2563 sind Cyborgs keine Seltenheit mehr und viele von ihnen verdienen sich ihr Geld als Kopfgeldjäger… sogenannte Hunter-Warrior. Titelbild: © 2019 Twentieth Century Fox

mehr erfahren