Spider-Man: No Way Home

von Marcel Scharrenbroich (04.2022) / Titelbild: © Marvel Studios

Peter (nicht ganz) allein zu Haus

Wenn man mit Hilfe von Zauberei und wildem Gefuchtel mit den Armen den Lauf der Dinge verändert und in den kollektiven Erinnerungen herumpfuscht, kann es sein, dass Scheiße passiert. Und wen ruft Ihr dann? Nein… nicht die New Yorker-Jungs mit den praktischen Protonen-Rücksäcken. Dann muss ein Teenager tun, was ein Teenager tun muss: Planlos seine Freunde zu Rate ziehen, wild durcheinanderplappern, Tiefschläge einstecken und anschließend heroisch den Tag retten. Ganz normale Dinge halt. Doch beginnen wir am Anfang… beziehungsweise am Ende.

„Spider-Man: Far From Home“ endete 2019 mit einem regelrechten Paukenschlag. Der Schurke Quentin Beck, alias Mysterio (Jake Gyllenhaal), machte vor seinem Abgang Spider-Mans wahre Identität öffentlich. Dank des ausgewiesenen Arachnophobikers J. Jonah Jameson (J. K. Simmons), dessen News-Plattform sich gänzlich um das zu Fall bringen des Wandkrabblers dreht, weiß nun die ganze Welt, dass unter der Maske der High-School-Schüler Peter Parker (Tom Holland) steckt. Obwohl Spider-Man gemeinsam mit den Avengers & Co. bereits die ganze Welt gerettet hat, schlägt ihm nicht nur positives Echo entgegen. Nicht wirklich verwunderlich, schaut man sich in der realen Welt um, wo die Stimmung vor allem dank sozialer Medien gefährlich schnell kippen kann. Eine Tatsache, mit der Peter allein vielleicht noch umgehen könnte, so lange es nur seine Person betrifft. Doch die Nähe zu ihm wirkt sich auch negativ auf seine Freundin MJ (Zendaya) und seinen besten Kumpel Ned (Jacob Batalon) aus. Allen dreien wird die Zulassung zum renommierten Massachusetts Institute of Technology verweigert, woraufhin sich Peter zu einer wahnwitzigen Idee hinreißen lässt. Er sucht das Sanctum Sanctorum auf, die Wirkungsstätte von Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch). Nach ein wenig Überredungskunst willigt Strange in Peters Plan ein. Ziel ist es, dass die Menschheit vergisst, wer sich unter der Spider-Man-Maske verbirgt. Der mächtige Magier beschwört einen nicht ganz ungefährlichen Zauber, wird aber immer wieder von Peter bei der Ausführung gestört, woraufhin die ganze Nummer mächtig in die Hose geht. Der schiefgegangene Zauber reißt ein Loch ins Gefüge und öffnet Tür und Tor zu alternativen Realitäten. An den nun nicht mehr vorhandenen Grenzen des Multiversums herrscht reger Durchgangsverkehr, was Spider-Man recht schnell Feindschaft mit Dr. Otto Octavius (Alfred Molina), alias Doctor Octopus, und Norman Osborn (William Dafoe), den Grünen Kobold, schließen lässt. Beiden Schurken ist die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft noch lebhaft im Gedächtnis. Ebenso der Junge hinter der Maske… nur dass dieser Peter Parker nicht IHR Peter ist.

Strange plant, die Neuankömmlinge festzusetzen und mit Hilfe von Magie wieder in ihre Universen zu verfrachten, wo sie eine nicht wirklich rosige (und auch recht kurze) Zukunft erwarten würde. Der gutmütige Peter hat hingegen den Plan, die insgesamt fünf randalierenden Berserker aus anderen Welten zu heilen. Keine leichte Aufgabe für einen geächteten Avenger auf Solo-Pfaden, der sich für seine Überzeugung sogar gegen Dr. Strange stellt…

MARVEL-Formel + Legacy-Trend – Comedy-Fluch = 1,89 Milliarden Dollar ???

Mit dem dritten und angeblich letzten Film der Tom-Holland-Ära wird noch mal ordentlich aufgefahren. Regisseur Jon Watts zieht alle Register moderner Popcorn-Unterhaltung und inszeniert ein überlanges Spektakel, welches zwar bombastisch und mit zahlreichen Beauty-Shots aufwarten kann, im Pacing jedoch Schwächen offenbart. Die Action ist auf den Punkt und steht anderen MARVEL-Filmen ebenbürtig gegenüber. Allerdings gibt es im Film viele Längen, in denen im kleinen Rahmen über Nichtigkeiten geplaudert wird. Für Neulinge, die mit der Sam Raimi-Trilogie und den beiden „The Amazing Spider-Man“-Streifen von Marc Webb nicht vertraut sind und die altbekannten Schurken nicht zuordnen können, vielleicht hilfreich… allerdings fallen die offensichtlich auf das Thema gelenkten Gespräche schon in die Crash-Kurs für Dummies-Kategorie. Die Fakten werden in einem Affentempo runtergerattert, damit keiner dümmer aus dem Film geht, als er in ihn eingestiegen ist. Gutes Storytelling geht definitiv anders, womit „Spider-Man: No Way Home“ aber nicht allein auf weiter Flur steht. Dass Hollywood uns Zuschauer anscheinend für grenzdebil hält und nicht in der Lage sieht, 1+1 zusammenzuzählen, ist ein nerviger Trend geworden.

. Viel schlimmer ist aber, WIE sich im Film unterhalten wird. Besonders in Kombination mit MJ und Ned wird kaum ein Satz zu Ende gesprochen. Jeder fällt sich permanent ins Wort, was mich persönlich wahnsinnig macht und immer mehr Abstand vom Blockbuster-Kino nehmen lässt. Sollen diese Halbsätze realitätsnah sein? Das ist ein Spielfilm, kein verdammtes TikTok-Video, wo möglichst viele (unwichtige) Information in möglichst wenige Sekunden gepresst werden müssen. Ich vermisse Dialoge, in denen ein Gesprächsteilnehmer eine Aussage mit Hand und Fuß in den Raum wirft. Ohne dass noch ein blöder Kleinlaut-Kommentar angefügt wird. Was soll ich mit Sätzen wie zum Beispiel „Ich meine… du weißt schon. Weil du… ich dachte, dass… deswegen… okay, cool“ anfangen??? Wenn es nichts Sinnvolles zu sagen gibt, dann halt einfach die Fr… Gott, nervt mich das!

Nun ja… es ist, wie es ist. Nichtsdestotrotz macht „Spider-Man: No Way Home“ eine Menge Spaß, wenn man von den dünnen Dialogen absieht und die Bilder für sich sprechen lässt. Mit einem weltweiten Einspielergebnis von 1,891 Milliarden US-Dollar rangiert Tom Hollands dritter Solo-Einsatz in der MARVEL-Historie direkt hinter „Avengers: Endgame“ und konnte trotz Pandemie alle Erwartungen übertreffen. Diverse Gerüchte sorgten schon lange im Vorfeld dafür, dass Fan-Hoffnungen ins Unermessliche stiegen. Doch konnten die Erwartungen erfüllt werden?

Spider-Spoiler

Wer diesen Text liest, den Film aber noch NICHT gesehen hat, sollte um DIESEN ABSATZ einen Bogen machen und erst beim nächsten Punkt weiterlesen. Es ist zwar schwer vorstellbar, dass Ihr nun gute vier Monate durchs Netz gerattert seid, ohne mit ein paar wichtigen Details konfrontiert worden zu sein - zumal heftige Spoiler bereits am Tag des Kinostarts sämtliche Headlines (inklusive Bildmaterial!) füllten -, aber vielleicht kamen ja Winterschlaf, eine nicht näher bezeichnete Pandemie, ein Angriffskrieg des blassen Bunker-Gollums oder „Elden Ring“ dazwischen, sodass für Popcorn-Unterhaltung einfach noch nicht der Zeitpunkt war. Also… ab hier dann bitte großzügig überlesen:

Es wurde viel gemunkelt, dass Tom Hollands Vorgänger Tobey Maguire (zwischen 2002 und 2007 dreimal im Einsatz) und Andrew Garfield (war 2012 und 2014 ziemlich amazing) dank des Multiversum-Kniffs in „Spider-Man: No Way Home“ noch mal ins Kostüm schlüpfen könnten. Trotz geleakter Set-Fotos dementierte vor allem Garfield eine Teilnahme bis zum Schluss. Hoffnung keimte nach den ersten Trailern auf, die die Schurken aus deren Film-Universen in Originalbesetzung zeigten: Willem Dafoe, Alfred Molina und Jamie Foxx, der wieder den Electro geben darf. Vor allem Dafoe und Molina merkt man die Spielfreude in jeder Szene an. Vielleicht auch deshalb, weil es wie ein großes Klassentreffen gewirkt haben muss, denn Maguire und Garfield schauen nicht nur mal kurz zum „Guten Tach“-sagen rein, sondern bilden ab gut der Hälfte des Films ein geniales Trio Infernale mit ihrem Nachfolger Holland. Damit reißt der Film so einiges raus. Um nicht zu sagen… so ziemlich alles. Die Chemie zwischen den drei Spider-Men passt perfekt! Da drücke ich sogar ein Auge bei manch albernem Geplapper zu, denn dass der gute Tobey nach dem überfrachteten Debakel „Spider-Man 3“ - bei dem SONY seiner Zeit neben dem Kobold-Nachfolger Harry Osborn und dem Sandman Flint Marko mit aller Gewalt (und gegen den Wunsch des Regisseurs Sam Raimi) noch Venom reinquetschen musste - zu erneuten Ehren kommt, ist schon ein Tränchen der Rührung wert. Und der Bursche mit dem Kindergarten-Grinsen hat es immer noch drauf! Eine weitere Highlight-Szene ist Andrew Garfield vorbehalten, dem man nach dem enttäuschenden „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ einen erneuten Auftritt auch von Herzen gönnt.

Sam Raimi kehrt ebenfalls ins MARVEL-Universum zurück und inszeniert den im Mai 2022 aufschlagenden „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“. Die Türen in bekannte und unbekannte Realitäten sind nun geöffnet. Damit ist im Marvel Cinematic Universe in Zukunft so ziemlich alles möglich…

Spider-Man: Watch At Home

Seit dem 12. April 2022 ist „Spider-Man: No Way Home“ in verschiedenen Formaten fürs Heimkino erhältlich. Bereits seit dem 15. März kann man den Blockbuster streamen. In meinen Player wanderte die UHD-Fassung, die dann auch gleich nach Ankunft zu rotieren begann. Am ultra-hochauflösenden Bild gibt es kaum etwas auszusetzen. Im Gegensatz zur sehr starken Blu-ray halten sich die Qualitätssprünge aber in Grenzen. Sound-Fanatiker müssen ihre Erwartung bei der deutschen Tonspur der 4K-Variante aber deutlich nach unten korrigieren. Diese liegt nämlich nur in 5.1 DTS HD MA vor, während der englische Originalton wuchtig in Dolby Atmos aus den Boxen scheppert. Da wurde leider viel verschenkt.

Das gesamte Bonusmaterial - mit über 80 Minuten Laufzeit - befindet sich auf der Blu-ray-Disc. Neben der üblichen Lobhudelei, bei der jeder Beteiligte x-fach erwähnt, wie toll alle sind und was es für eine einzigartige Erfahrung war, finden sich unveröffentlichte und erweiterte Szenen. Interessant ist ein Feature über die versteckten Easter Eggs, von denen es im Film zahlreiche zu finden gibt. Comic-Cracks sollten bereits damit vertraut sein, dass gerne mal wichtige Daten und wegweisende Comic-Ausgaben auf Nummernschildern verewigt wurden. 23 dieser Insider-Verweise werden im Clip aufgezeigt. Ein kleines Highlight sind die Outtakes, in denen allen Beteiligten der Spaß an der Sache anzumerken ist und Tom Holland gleich mal ein ganzes Regal demoliert. Insgesamt nichts unbedingt Weltbewegendes, aber durchaus amüsant.

Fazit

Ein CGI-Gewitter in bester MARVEL-Tradition, dem dank gewisser Handlungselemente, Fan-Service und dem schwer angesagten Legacy-Trend nicht auf halber Strecke die Puste ausgeht. Seichte Momente wechseln sich mit tragischen Schicksalsschlägen und einigen Gänsehaut-Szenen mit Fotoalbum-Potential ab. Die Kluft zwischen Tragik und Klamauk ist aber selbst für einen Superhelden wie Spider-Man nur schwer zu überwinden.

Wertung: 7

Fotos: © Marvel Studios

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