Text:   Zeichner: Peter Madsen

Walhalla: Die gesammelte Saga 1

Walhalla: Die gesammelte Saga 1
Walhalla: Die gesammelte Saga 1
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Marcel Scharrenbroich
10101

Comic-Couch Rezension vonOkt 2020

Story

Charmante Abenteuer, die auf mythologischen Sagen beruhen. Launig und sehr unterhaltsam! Einen Bonuspunkt für das ausufernde Info-Material, denn dieser prächtigen Gesamtausgabe kann man nur die volle Punktzahl geben.

Zeichnung

Detailverliebt und mit jeder Menge Humor, steigt die Qualität mit jeder Geschichte. Einen Bonuspunkt für die unzähligen Skizzen und Artworks.

Die glorreiche Rückkehr der Asen

Thor, Loki & Co.

Hach ja, die nordischen Götter in der Comic-Landschaft... Thor schwingt als Teil der Avengers den Hammer gegen allerlei intergalaktisches Gedöns, wurde dann in „Thor: Tag der Entscheidung“ unter Regisseur Taika Waititi zur Lachnummer, bevor er Thanos geownt hat und sich einen Bierbauch ansoff. Der schurkische Loki avancierte dank Tom Hiddleston zum Fan-Liebling und bekommt bei Disney+ demnächst sogar sein eigenes Serien-Format, während Anthony Hopkins eine steile Karriere vom Kannibalen zum Götter-Vater hinlegte. So kennen es die Fans aus dem Marvel Cinematic Universe (MCU)… Nun, davon sollten sie sich aber zumindest hier verabschieden, denn „Walhalla“ orientiert sich an den klassischen Sagen und Mythen der nordischen Mythologie. Ganz ohne Superhelden, dafür aber mit viel Herz und Humor:

Thor und Loki haben Asgard für eine Spritztour verlassen und suchen nach einer Troll-Jagd bei einer Bauern-Familie Unterschlupf für die Nacht. Um den armen Leuten nicht zur Last zu fallen, schlachtet Thor einfach eine seiner Ziegen (warum Pferde vor seinen Karren spannen, wenn man lauffreudige Ziegen hat?), um allen anwesenden ein Festmahl zu kredenzen. Alles kein Problem, denn so lange die Knochen unbeschadet aufgehäuft werden und Thor seinen mächtigen Hammer Mjölnir über den Ziegen-Überresten schwingt, ist das feine Tier in Nullkommanix wieder quicklebendig. Jedenfalls sollte es so sein…, wenn nicht Loki den Spross der Familie dazu verleitet hätte, einen der Knochen aufzubrechen. Und als Thor am nächsten Morgen Mjölnir kreisen lässt, stellt er wütend fest, dass sein Ziegenbock lahmt. Zur Strafe soll der junge Tjalfi mit nach Asgard kommen, damit er dort Thor und seiner Familie dienen kann. Den überraschten Eltern wird dies als einmalige Chance und große Ehre schmackhaft gemacht. So schmackhaft, dass Tjalfis kleine Schwester Röskva am liebsten auch mitkommen würde. Clever wie die Kleine ist, versteckt sie sich einfach im göttlichen Beförderungsmittel und überquert zunächst unbemerkt mit Thor, Loki und Tjalfi die Regenbogenbrücke nach Asgard. Kaum im neuen Heim eingelebt, wartet auch schon das erste große Abenteuer auf die Menschenkinder. Der riesige Fenriswolf, den Loki einst von einer langen Reise mitbrachte, ist entwischt. Nun treibt er sein Unwesen in der Götterwelt und es gehört eine Menge Mut dazu, sich dem gigantischen Tier zu nähern…

Die nächste Geschichte beginnt mit einem eigentlich harmonischen Morgen. Zumindest für den Hahn, der allmorgendlich seinen Weckruf kräht und schon daran gewöhnt ist, Morgenmuffel Thors Hammer regelmäßig auszuweichen. Heute fliegt ihm Mjölnir aber nicht mit einem Affenzahn ums Gefieder. Er wurde nämlich gestohlen! Heimlich des Nachts entwendet, was den Donnergott an den Rande der Explosion bringt. Welcher miese %@!§*!# hat es gewagt, in die göttlichen Gemächer einzudringen??? Also wird Loki unsanft aus den Träumen gerissen und gemeinsam untersucht man einen Ring, den Thors Gattin Sif am Tatort gefunden hat. Eine Inschrift im Schmuckstück zeigt, dass es Thrym gehört. Um Gewissheit zu kriegen, leiht Loki sich von der Liebesgöttin Freyja einen Vogelanzug, damit er dem verdächtigen Riesen einen Besuch abstatten kann. Zu Lokis großer Überraschung gibt Thrym ganz selbstverständlich zu, dass er Mjölnir entwendet hat… und er ist nur bereit den Hammer wieder rauszurücken, wenn die schöne Freyja ihn zum Mann nimmt. Es dürfte nicht verwundern, dass Freyja ganz und gar nicht begeistert von dem Deal ist und sich vehement wehrt den Riesen zu ehelichen. Also müssen Thor und Loki tief in die Trickkiste greifen… und in Sifs Kleiderschrank.

Wenn die Krieger auf dem Schlachtfeld fallen, werden ihre Seelen von den Walküren abgeholt. Sie bringen sie ins Götterreich Asgard, wo die Würdigen in Walhall, Odins mächtiger Burg, aufgenommen werden. Als Teil der Einherier verteidigen sie das Reich gegen die Angriffe der Riesen. Odin persönlich teilt mit den Auserwählten die Tafel. Eine große Ehre für die tapferen Krieger. Tja, leider ist das, was Odin da im Speisesaal vorfindet, gar nicht so DAS, was er sich eigentlich unter einer stolzen Armee vorgestellt hat. Bezeichnungen wie „Trottel“ und „Schlappschwänze“ donnern da aus göttlicher Kehle, als er die Rauf- und Saufbolde sieht, die die Spitze von Asgards Verteidigung bilden sollten. Tobend schiebt Odin den Walküren die Schuld in die Schuhe, die nicht einmal fähig wären, ihm vernünftige Krieger zu rekrutieren. Auf die trotzige Frage, ob er es denn besser könne, gibt es deshalb auch nur eine Antwort: NATÜRLICH! Freilich eine Kurzschluss- Aussage des Gottes, aber die Suppe löffelt er auch aus. In menschlicher Gestalt macht er sich auf nach Midgard, um unter den Sterblichen drei Krieger zu rekrutieren, die Odins Armee würdig sind und die Graupen der Walküren kämpferisch überragen. Leichter gedacht als getan…

Mit rosa-roter Brille…

…fühle ich mich sofort in meine Kindheit zurückversetzt. Sehe kleine Schnipsel des gleichnamigen Zeichentrickfilms vor meinem inneren Auge aufblitzen und meine mich zu erinnern, dass ich sogar mal einen der alten Comics besessen… oder bei einem Freund gelesen habe? Ich weiß es nicht mehr, jedenfalls erinnere ich mich noch gut an den kauzigen Troll Quark! Der kleine Kerl mit der Latzhose und dem schmucken Burschenschnitt, der stets nur Schabernack im Kopf hatte. Lang ist’s her… und so hatte ich „Walhalla“ überhaupt nicht mehr auf dem Radar. Umso überraschter war ich, dass die dänische Comic-Reihe, die ihre Anfänge im Jahr 1979 feierte, nun wie aus dem Nichts wieder verfügbar ist. In Deutschland nahm sich der Carlsen Verlag einst den Comics an und veröffentlichte zwischen 1987 und 1991 sechs Alben der Reihe. Wie man nun weiß, war das nicht mal die Hälfte, denn bis ins Jahr 2000 erschienen im dänischen Original insgesamt fünfzehn Bände.

Diese Bände sollen nun erstmals vollständig in deutscher (und neuer!) Übersetzung vorgelegt werden. Hinter diesem Vorhaben steckt der Independent-Verlag Edition Roter Drache, welcher sich hauptsächlich auf phantastische Themen, Biografien und Sachbücher spezialisiert hat. Und dem ersten Band von „Walhalla – Die gesammelte Saga“ merkt man ganz deutlich an, dass hier Liebhaber am Werke sind, die nicht nur den Inhalt ihrer Veröffentlichungen zu schätzen wissen. Inhaltlich vollgepackt bis obenhin, gibt es neben den drei Alben „Der Wolf ist los“, „Thors Brautfahrt“ und „Odins Wette“ Unmengen an Extras. Zusammengetragen von Henning Kure und Peter Madsen, zwei der kreativen Köpfe hinter „Walhalla“. Dazu zahlreiche Fotos, Skizzen, verworfene Cover-Entwürfe der Originalausgaben, „Das versäumte Vorwort“, welches gebührend in die Comic-Welt einführt, und den kleinen Bonus-Comic „Die Geschichte von Ragnar und Kraka“, der 1982 im Auftrag des Bildungsministeriums entstand.

Ohne rosa-rote Brille…

…sehe ich noch immer ein wunderschönes Hardcover, das man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Viel zu schade fürs Regal, obwohl selbst der Buchrücken mit goldenen Schriftzügen glänzt. Vom beeindruckenden Front-Artwork ganz zu schweigen! Dort stehen die Geschwister Tjalfi und Röskva auf einem Felsvorsprung, während sie der farbenprächtigen Regenbogenbrücke emporblicken, wo durch die dunklen Wolken der Blick auf das strahlende Götterreich Asgard fällt. Und darunter der eindrucksvolle Gold-Schriftzug, den man schon vom Kinoplakat des Zeichentrickfilms in guter Erinnerung behalten hat. Auch hier kann ich nur das mehr als umfangreiche Material loben, welches neben den drei Geschichten extrem informativ und unterhaltsam ausgefallen ist. Dazu erzählen die Macher ausführlich von der Entstehung der Comic-Welten, ihren mythologischen Vorlagen, deren Lieder auch in voller Gänze abgedruckt wurden, und wie sie überhaupt auf die Idee zum Comic kamen und sich zu einem eingespielten Team formierten. Mehr geht nicht und so sollte eine Gesamtausgabe auch aussehen.

Zeichnerisch ist eine deutliche Steigerung erkennbar. Während Peter Madsen in der ersten Geschichte noch in einer Findungsphase zu sein schien, kommt die dritte Story im direkten Vergleich deutlich professioneller daher. Stilistisch bleibt er sich dabei erfreulicherweise aber treu, was den besonderen Charme von „Walhalla“ ausmacht. So geht es außerdem sehr humorvoll zu, was sich in vielen Kleinigkeiten manchmal auch erst auf den zweiten Blick erschließt. Im Funny-Bereich also eine glasklare Empfehlung. Wer noch keine Berührung mit „Walhalla“ hatte, jedoch begeisterter „Asterix“-Leser ist, sollte den sympathischen Figuren unbedingt eine Chance geben. Denn wo Asterix und Obelix in der Antike die Römer durch die Gegend klatschen, wirbeln Thor und seine Mannen durch Riesen und andere Kleinigkeiten… denn das Familienleben in Asgard ist auch nicht ohne.

Vom Comic zum Zeichentrick- zum Realfilm

Ganze fünf Bände sind bei Edition Roter Drache geplant, bis alle fünfzehn Alben vollständig vorliegen. Dabei soll die hohe Qualität der Ausgaben gehalten werden. Somit eine absolut vorbildliche Veröffentlichung, die direkt wieder Lust auf den Zeichentrickfilm macht. Dieser entstand 1986 in Dänemark und musste während der Produktion schon mit finanziellen Problemen kämpfen. Das Budget sprengte den geplanten Rahmen und die letztendlichen Kosten konnten auch an den Kinokassen nicht wieder eingespielt werden. Trotz großzügigem Einsatz von Teenie-Troll und Publikumsliebling Quark, mit dem man noch mehrere Kurzfilmchen produzierte, musste das Studio nach „Walhalla“ die Pforten schließen. Im November 1987 startete das kindgerechte Zeichentrick-Abenteuer auch in den deutschen Kinos und avancierte anschließend zum Videotheken-Hit für die ganze Familie. Außerdem waren die deutschen Sprecher Hans Clarin („Pumuckl“, die „Hui-Buh“- und „Asterix“-Hörspiele), „Dracula“-Darsteller Christopher Lee (König Haggard in „Das letzte Einhorn“), „Momo“-Kinderstar Radost Bokel und der großartige Arne Elsholtz (deutsche Stimme von Tom Hanks, Bill Murray und Jeff Goldblum) in der gelungenen Übersetzung zu hören.

Lange Zeit nur auf DVD erhältlich, ist der Zeichentrick-Klassiker nun im Rahmen der Realfilm-Veröffentlichung wieder verfügbar. In der Ultimate Edition des Fantasy Abenteuers „Walhalla – Die Legende von Thor“, den Koch Films im Frühjahr 2020 für den Heimkino-Markt veröffentlichte, liegt der Trickfilm als Blu-ray-Premiere bei. Doch das ist nicht alles! Auf einer weiteren Bonus-DVD finden sich neben Making-of auch alle produzierten Kurzfilme mit dem knuffigen Quark. Der Realfilm kommt dabei deutlich düsterer daher als die familiengerechte Vorlage, ist aber dennoch nicht auf ein erwachseneres „Vikings“-Publikum zugeschnitten. Das erklärt schon die Freigabe ab 12 Jahren. Regie führte der dänisch-irakische Regisseur Fenar Ahmad, der damit seinen dritten Langfilm drehte. Besetzt mit Roland Møller („Atomic Blonde“, „Skyscraper“) als Thor, Jacob Lohmann („The Guilty“), Patricia Schumann („Erbarmen“), Stine Fischer Christensen („Die Unsichtbare“) und Dulfi Al-Jabouri („Darkland“, „Nordvest“) als Loki, sind die meisten Darsteller eher in ihrer Heimat bekannt, was beim Schauen allerdings für frischen Wind sorgt.

Neben einigen Artcards, die der dicken Box beiliegen, gibt es noch den Soundtrack des Zeichentrickfilms von Ron Goodwin (Musik zu „Miss Marple“, Hitchcocks „Frenzy“ und „Tollkühne Männer in ihren fliegenden Kisten“) auf CD und ein Booklet. Das Highlight ist allerdings der gebundene Comic, der die erste Geschichte „Der Wolf ist los“ enthält. Dieser ist ebenfalls von Edition Roter Drache, wenn auch nicht so aufwendig produziert wie der hier vorliegende Auftakt-Band der bibliophilen Gesamtausgabe.

Fazit:

So eine liebevolle, qualitativ herausragende Veröffentlichung eines fast vergessenen Comic-Klassikers zu sehen, der zudem noch bei einem kleinen Verlag, der nicht mal auf Comics spezialisiert ist, herausgekommen ist, treibt einem fast die Freudentränen in die Augen. Mit ziemlicher Sicherheit das - optisch und ausstattungstechnisch - schönste Buch, das ich in diesem Jahr in Händen hielt.

Walhalla: Die gesammelte Saga 1

Henning Kure, Peter Madsen, Edition Roter Drache

Walhalla: Die gesammelte Saga 1

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