Couch-Wertung

10
Story
Zeichnung

Story

Sympathisch, charmant und liebevoll bis zur Schmerzgrenze. Mehr Wohlfühl-Comic geht nicht. Eine (selbsternannte) Comic-Seifenoper, die diesen Rahmen schon im ersten Band sprengt und somit verdient die volle Punktzahl einfährt. Was soll da noch kommen…?

Zeichnung

Hervorragende Charaktere, die für brüllende Slapstick-Einlagen immer mal wieder aus ihrem Realismus-Korsett ausbrechen. Gestik und Mimik habe ich nie treffender und besser gesehen.

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Marcel Scharrenbroich
Ohne Liebe sind wir nur Fremde im Paradies

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Nov 2019

Vom harmlosen Alltag…

Francine Peters teilt sich die Wohnung mit ihrer besten Freundin Katina Choovanski, kurz „Katchoo“. Die beiden kennen und mögen sich seit Kindheitstagen und sind unzertrennlich… dafür aber grundverschieden. Katchoo ist Single, hat für die Männerwelt nicht viel übrig (um es mal nett zu formulieren), während Francine seit gut einem Jahr einen Partner hat. Der gute Freddie ist aber ein flachwichsender Bumskopp, der nur dieses „Eine“ in der ansonsten hohlen Rübe hat. Dementsprechend triebgesteuert, beißt er bei der lieben Francine aber ordentlich auf Granit, denn intim ist es bei dem Paar in ihrer Beziehung noch nicht geworden. Da Libido-Freddie so langsam heißer Dampf aus der Hose steigt, artet das Frühstück nach einer weiteren erfolglosen Nacht (aus seiner Sicht) in einen ordentlichen Streit aus. Das Gebrüll des verkrachten Pärchens könnte selbst diejenigen senkrecht im Bett stehen lassen, die bei einem „Manowar“-Konzert (stehen mit 139 dB im „Guinness-Buch der Rekorde“ und gelten als lauteste Band der Welt) mit dem Schädel an der Box einpennen. Kein Wunder also, dass Katchoo, die zuvor ihren Wecker fachmännisch mit einem Revolver zum Schweigen gebracht hat, Ohrenzeugin des lautstarken Treibens in der Küche wird. Angesäuert und chronisch unterv%§elt verlässt der Pimmelkopf (Katchoos Worte, nicht meine) die Wohnung der beiden. Francine sucht die Schuld bei sich selbst, da sie… tja, so ist Francine nun mal. Zu gut für die Welt und nicht sehend, was für eine Flöte von Kerl sie sich da geangelt hat. Aber wofür hat man eine beste Freundin? Katchoo ist da nämlich aus einem ganz anderen Holz geschnitzt und rückt ihrer Mitbewohnerin das sympathische Köpfchen wieder zurecht. Ach… hatte ich erwähnt, dass Katchoo in Francine verknallt ist? Nicht? Hm… dann ist mir das wohl entgangen.

Als Katchoo dann durchs örtliche Museum tingelt, fällt die attraktive Blondine sofort dem Kunststudenten David auf. Obwohl sie ihm die kalte Schulter zeigt, lässt der direkt auf rosa Wölkchen schwebende Bursche nicht locker… und wir sind um eine weitere Hauptperson im munter-romantischen Beziehungsgeflecht reicher. Währenddessen kann Francine nicht aus ihrer Haut und will dem bumsfidelen Freddie noch eine Chance geben (Ach Honey… *seufz*). Sie sucht den räudigen Lurch in seinem Büro auf - mit nichts als reizvollen Dessous unter dem Mantel -  und stößt ÜBERRASCHUNG mitten in eine Situation der prekären Art (das ist die nette Umschreibung dafür, dass Freddie „Knatterton“ Femurs auf seinem Schreibtisch eine Francine unbekannte Dame wegbrettert). Normalerweise sollte man denken, dass das Maß nun voll wäre und die Gedemütigte dem Abziehbild eines Mannes nun mal kräftig dorthin treten würde, wo es ordentlich klingelt! Aber Pustekuchen… Selbst nach dieser Aktion ist Francine gewillt, dem ätzenden Schwerenöter zu verzeihen. Doch dieser denkt gar nicht daran, überhaupt irgendeine Reue zu zeigen. Ganz im Gegenteil! Er erteilt der gebeutelten Frau eine öffentliche Abfuhr, die sich gewaschen hat, was wiederum Francine dermaßen aus der Haut fahren lässt, dass sie bei einem anschließenden Unfall verletzt wird. DIE Nummer war zu viel für Katchoo und es wird Zeit, dass sie die Sache in die Hand nimmt. Mach schon mal die Socken scharf, mein lieber Fred!

…in ein haarsträubendes Crime-Drama…

Man mag es kaum glauben, aber diese bisherige Handlung, mit der alle mir bekannten Daily-Soaps Stoff für die nächsten drei Monate hätten, umfasst lediglich die ersten 32 Seiten des insgesamt 344 Seiten starken Buches. Neben den alltäglichen Irrungen und Wirrungen und dem munter im roten Drehzahlbereich rotierenden Liebeskarussell bekommen es Francine, Katchoo und David aber auch mit allerlei zwielichtigen Gesellen zu tun. Hauptsächlich liegt der Hase im Pfeffer in Katina Choovanskis turbulenter Vergangenheit, die sich erst Stück für Stück offenbart. Immerhin hat die toughe Lady eine eigene Akte beim FBI… und die bekommt man nicht für überdurchschnittliches Fluchen und spontane Wutanfälle, wovon es in beiden Fällen reichlich zu erleben gibt. Eine bestimmte Person aus Katchoos Vergangenheit, die ominöse Mrs. Parker, hat sehr großes Interesse daran, mit der Flüchtigen ein paar Takte unter vier Augen zu wechseln, weshalb sie einen (ziemlichen unterbelichteten) Privatdetektiv auf Katina angesetzt hat.

Als hätten die Damen mit ihrem Liebesleben nicht genug zu tun, gibt es Abstecher in den Knast, Begegnungen mit einem schlagkräftigen Terminator-Verschnitt, gefangen im Körper einer wortkargen Blondine, einem notgeilen Nachbarn, neugierigen Cops und einer im Sterben liegenden Ex, sowie Verstrickungen in Mafia-Machenschaften, einen ordentlichen Batzen Kohle und zu klärenden Vertrauensfragen, die die Beziehung zwischen Francine und Katchoo auf eine harte Probe stellen. Doch auch der zwischen den Stühlen stehende David hat dunkle Flecken auf der scheinbar blütenweißen Weste… und Prinz Porno (Freddie) bekommt man ebenfalls nicht so leicht von der Backe, wie man es sich wünschen würde.

…mit brüllendem Humor und ganz, ganz viel Herz!

Ist also ordentlich was los im Leben von Francine Peters und Katina Choovanski. Bei allen Dramen, Liebes-Sackgassen und Unterwelt-Verwicklungen kommt aber auch der Humor nicht zu kurz. Es gibt sogar haufenweise aberwitzige Situationen, die brüllend komisch sind und dermaßen genau ins Komik-Zentrum treffen, wie man es selten in Comics zu sehen bekommt. Immer wieder wundert man sich, wie Autor und Zeichner Terry Moore es schafft, gleichzeitig so sehr in überzeichnete Slapstick-Passagen zu verfallen und unmittelbar danach den Haken schlägt und wieder zum Tagesgeschäft übergeht… sprich die Handlung seriös fortsetzt. Dabei lässt sich an den detaillierten Gesichtern der Charaktere jede Gefühlsregung ablesen. In Kombination mit den rasanten, treffsicheren Wortgefechten entsteht so ein charmantes, unnachahmliches Gesamtpaket, dem man sich nicht mehr entziehen kann.

Auf der erzählerischen Ebene nimmt sich Moore ebenfalls alle erdenklichen Freiräume, was sich auch optisch hervorragend einbringt. Mal switchen wir in die Kindheit von Francine und Katchoo, die dann in einem niedlichen Cartoon-Stil dargestellt wird, dann übernehmen Songtexte oder Gedichte das Ruder, bevor einige Seiten in Roman-Form folgen. So wird aus „Strangers in Paradise“ eine mit allen Wassern gewaschene Wundertüte, die sich stets neu erfindet und definiert. Für den Künstler mit Sicherheit ein unglaublich befreiender Arbeitsprozess, sich an keinerlei aufgezwängten Regeln halten zu müssen… und für den Leser ein Genuss sondergleichen, da man auf jeder Seite merkt, wie viel Herzblut in diesem langjährigen Projekt steckt.

Terry Moore veröffentlichte „Strangers in Paradise“ zwischen 1993 und 2007 größtenteils im Eigenverlag. Zum Start der Reihe gründete er den Comicverlag Abstract Studio, wo bis auf wenige Ausnahmen (nach einem zwischenzeitlichen Wechsel zum Image-Imprint Homeage, kehrte er nach acht Heften wieder zum hauseigenen Verlag zurück) auch alle US-Ausgaben erschienen sind. Terry Moore holte seine Gattin Robyn ins Boot, die sich um die geschäftlichen Angelegenheiten kümmerte, damit Terry sich voll und ganz auf den kreativen Part konzentrieren konnte. In Deutschland wagte sich ab 1995 erstmals der Verlag Thomas Tilsner (Speed / Speedline) an eine Veröffentlichung, die mit neun Softcover-Bänden aber unvollständig blieb. Mitte 2013 übernahm dann Schreiber & Leser Terry Moores Hauptwerk und die komplette Francine/Katchoo-Saga erschien in sechs umfangreichen Bänden, deren Rücken zusammengestellt ein Gesamtbild ergeben.

Der männliche Feminist mit dem goldenen Händchen

Auch die weiteren Werke von Moore fanden eine Heimat im Schreiber & Leser Verlag. Dort sind neben „Strangers in Paradise“ auch der siebenteilige Kleinstadt-Horror „Rachel Rising“, der dreiteilige Superhelden/Sci-Fi-Mix „Echo“ und die Gesamtausgabe von „Motor Girl“ erhältlich. Letztere lobte ich erst kürzlich über den Klee und war ähnlich angetan, wie nun von „Strangers in Paradise“. „Motor Girl“ war auch der Grund, warum ich unbedingt mehr aus Terry Moores Feder lesen und sehen wollte… und ich bin alles andere als enttäuscht. Ich kann jetzt schon mit 100%iger Sicherheit sagen, dass nach dem Finalband von „Strangers in Paradise“ auch die beiden mir bisher unbekannten Serien ins Regal wandern werden.

Diejenigen, die mit Moores Hauptwerk schon vertraut sind, wird es freuen, dass die Nachfolgeserie „Strangers in Paradise XXV“ bei Schreiber & Leser bereits in den Startlöchern steht. Release ist noch Ende 2019! In den USA erscheint seit einigen Monaten die Heft-Serie „Five Years“, in der Terry Moore seine geschaffenen Figuren in einem gemeinsamen Universum vereint… darunter natürlich auch Francine und Katchoo. Bleibt zu hoffen, dass wir deutschen Leser nach Abschluss der Serie auch in den Genuss dieses Crossovers der starken, weiblichen Hauptfiguren kommen.

Für diese hat der Künstler wahrlich ein Händchen. Der bekennende Feminist schreibt seine Heldinnen so authentisch und überzeugend, dass es nicht weiter von typischen Rollenklischees, die es in der Vergangenheit hauptsächlich im Superhelden-Genre gab, entfernt sein könnte. Moores Figuren bestechen nicht durch 90-60-90 oder müssen alle Nase lang vom strahlenden Ritter gerettet werden. Sie können auf sich selbst aufpassen, sich behaupten… und stehlen den wenigen auftauchenden Kerlen eiskalt, mit entwaffnendem Charme und einer Menge *Wumms!* die Show. Da ist es auch zu verschmerzen, dass Terry Moores Werke ausschließlich in Schwarz-Weiß vorliegen.

Fazit:

Wer auch nur annähernd auf Slice-of-Life-Geschichten steht und für punktgenauen Humor in Wort (auch die deutsche Übersetzung ist hervorragend gelungen) und Bild empfangbar ist: ZUGREIFEN! Mich hatte „Strangers in Paradise“ bereits nach wenigen Seiten… und es wurde von Kapitel zu Kapitel besser und besser. Ich liebe die Charaktere, ihre Mimik, die Wutausbrüche, die Dramatik, sowie Spannung und Tragik. Und ich liebe Terry Moore… dafür, dass er diese einzigartige Geschichte über 14 Jahre zu Papier gebracht hat.

 

PS: Diese Rezension wurde im Stehen geschrieben, da der Redakteur sich seit Tagen selber in den Allerwertesten tritt, weil er erst so spät auf diese außergewöhnliche Reihe aufmerksam wurde.

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