Phobos - 1. Der Flug der Entbehrlichen

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Marcel Scharrenbroich
6

Comic-Couch Rezension vonOkt 2022

Story

Trash-TV in Comic-Form, basierend auf einer erfolgreichen Young-Adult-Roman-Reihe. Tiefgang oder gar Logik sollte man jetzt nicht zwingend erwarten. Daran ändert auch der böse Plan der Strippenzieher nichts.

Zeichnung

Schön. Schöne Menschen, schöne Bilder, schöne Farben. Schön, schön, schön… bis auf den etwas zu künstlichen Look. Und die oft steifen Charaktere. Aber sonst… schön.

Wer soll dein Herzblatt sein?

Tinderei im All

Wo lernen junge Menschen sich heutzutage kennen? Klar, im Internet. Lernt man sich nicht über Freunde oder Freunde von Freunden kennen, ist das Netz statistisch gesehen DER Hotspot für Dates und mehr. Jahr um Jahr steigt diese Statistik kontinuierlich an. Die Zeit der Großraumdiskotheken ist vorbei, Kneipen sterben in den Städten immer weiter aus, und wer sich nicht tätowiert wie eine Litfaßsäule, umgebaut von Dr. Eisenbart persönlich (wobei es meist eher nach Dr. Frankenstein aussieht…) und mit eingebranntem Sixpack und Blasen im Kopp von Reality-Format zu Reality-Format hangelt, greift auf Dating-Portale und Apps zurück. Ooooooder aber… man lässt sich ganz einfach ins All schießen.

Seit die Raumfahrtbehörde NASA (National Aeronautics and Space Administration) dank der verschuldeten Vereinigten Staaten an den „Atlas Capital“-Fond abgetreten wurde, hat dieser sich die Erkundung des Weltalls auf die Fahne geschrieben. Ein gigantisches Vorhaben, steht doch die Besiedlung des Mars auf der Prioritätenliste ganz, ganz oben. Roboter der NASA errichteten auf dem Roten Planeten eine Basis: New Eden. Um die Kosten dieses einmaligen Unternehmens zu decken (und noch den einen oder anderen Dollar in die Kasse zu spülen), hat man sich mit der Produktionsfirma McBee Productions zusammengetan, um ein weltweites Spektakel der Superlative auf die Beine zu stellen.

Milliarden Menschen sollen live dabei sein, wenn das sogenannte Genesis-Programm Geschichte UND TV-Geschichte schreibt. Sechs junge Frauen und sechs junge Männer wurden unter Millionen Bewerberinnen und Bewerbern ausgewählt und abgeschirmt von der Zivilisation (und streng nach Geschlechtern getrennt!) über ein ganzes Jahr auf ihre Mission vorbereitet. In den Weiten des Alls lernen sie sich erstmals kennen… per Speed-Dating. Knaller-Idee, nicht wahr? Auf so eine Scheiße würde nicht mal der Sender kommen, dem wir einen Gehirnzellen-Killer wie das „Sommerhaus“ verdanken…

The Expendabelles

Wir folgen nun hauptsächlich den jungen Damen, die querbeet durch alle Kulturen ausgewählt wurden. Neben unserer Hauptfigur Leonore aus Frankreich lernen wir Liz aus England, Fangfang aus Singapur, Kelly aus Kanada, Safia aus Indien und Kris aus Deutschland kennen. Oh, fast hätte ich Bordhündin Louve vergessen, zu der es auf der männlichen Seite natürlich ebenfalls ein Gegenstück gibt. Auf dem 23-wöchigen One-Way-Flug Richtung Mars bekommen die Ladys wöchentlich sechs Minuten Zeit, um sich mit den Kerlen in Einzeldates zu beschnuppern. Medienwirksam wird das Ganze natürlich inszeniert bis zum Erbrechen kleiner rosa Herzchen. Das weltweite Publikum rüttelt derweil aus der Ferne an der Beliebtheitsskala der All-Reisenden, indem es den Turteltäubchen eifrig die Mitgiften spendet. Oh, oh, oh… ob es da nicht mal Ärger im Paradies gibt? Keine Angst, den gibt es. Allerdings ist das noch gar nichts gegen das, was den flirtwilligen Jungspunden auf ihrer Reise noch drohen soll… Ein Überleben der Passagiere (+ zwei Hunde) ist nämlich nicht eingeplant. Und sehen Sie gleich nach der Werbung, wie… *zap*

Bisschen flach, hm?

Autor des Comics ist Victor Dixen, der gleichzeitig auch die „Phobos“-Romane verfasste, die dem vorliegenden Werk zu Grunde liegen. Die Reihe umfasst vier Bücher und einen Roman über die Vorgeschichten der Charaktere. Gegeben sind dort alle Zutaten, die es braucht, um einen erfolgreichen Young-Adult-Hit mit jede Menge Sci-Fi, Drama und Romantik zu landen. In seiner Heimat Frankreich konnte der vielgereiste und aktuell in Washington, D.C. lebende Dixon für seine Spaceopera-Schmonzette einige Preise einfahren, in Deutschland ist die „Phobos“-Reihe hingegen noch nicht erschienen.

Mit der Comic-Umsetzung, die mit „Der Flug der Entbehrlichen“ nun von der SPLITTER-Bodenstation Kurs in Richtung Mars nimmt, tat ich mich etwas schwer. Die Story schmeißt jeglicher Logik gleich von Seite 1 an einen dicken Knüppel zwischen die Beine. Junge Erwachsene (und darunter!), die sich ohne jegliche Qualifikationen auf einen ungewissen Trip ohne Rückfahrtschein begeben? Ja klar, ein Jahr Ausbildung… erzählt das mal Alexander Gerst oder Matthias Maurer. Denen beschlägt doch direkt von innen der Helm vor Lachen! Alle wie aus dem Ei gepellt, aber noch vor dem Start etwas von Wind auf dem Mars faseln. DA HAT WOHL JEMAND DEN UNTERRICHT GESCHWÄNZT, WAS?! Bei den meisten Dialogen schüttelt es einen dann peinlich berührt, bevor man (zumindest war es bei mir so) ein „ACH KOMM SCHON!!!“ ins Buch brüllt. Von den kitschigen Dates an sich ganz zu schweigen. Oberflächlichkeit pur, was aber schon wieder als Seitenhieb auf gekünstelte Reality-Formate gesehen werden kann… sollte dies denn beabsichtigt sein.

Der brasilianische Zeichner Eduardo Francisco („Ame-Comi Girls“, „Turok: Son of Stone“, „EVE: Valkyrie“) hat einen sehr soliden Job gemacht und den Charakteren ein anmutiges Äußeres verpasst. Wie man sich halt Teilnehmer einer weltweit ausgestrahlten Dating-Show im XXL-Format vorstellt: jung, hübsch, gut gebaut. Die zweifelsohne digital gezeichneten Bilder erscheinen sehr clean, was angesichts der Thematik um ein durchgeplantes TV-Projekt mit viel Tamtam und hohlen Phrasen schon wieder angemessen und als durchaus treffendes Stilmittel gesehen werden kann. Der Nachteil ist, dass die Figuren statisch erscheinen. Das ändert sich in den Date-Situationen, wo Francisco aus klassischen Panel-Strukturen ausbricht und Bilder häufig ineinanderlaufen. Hier muss man auch ganz klar die Koloristin Chiara Di Francia loben, deren satte Farben manchmal fast schon zu dick auftragen. In den „All“tagssituationen hätte es ruhig etwas dezenter zugehen können, um den farblichen Bombast während der Dates noch mehr zur Geltung zu bringen. Aber das ist nur kleine Meckerei meinerseits am Rande.

Fazit:

Ich könnte mich gerade selbst rausvoten, aber trotz aller Trash-Momente, allem Kitsch und den vielen „OCH NEEEE!!!“-Momenten möchte ich wissen, wie es weitergeht mit dem Genesis-Programm. Ja, ich bin schwach… und gehöre zu denen, die beim Trash-TV in Schockstarre geraten und vor lauter Entsetzen das Umschalten vergessen.

P.S.: Meine Stimme geht an Liz… oder doch lieber an Kris… HERRGOTT!!!

Phobos - 1. Der Flug der Entbehrlichen

, Eduardo Francisco, Splitter

Phobos - 1. Der Flug der Entbehrlichen

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