November - 1. Die Frau auf dem Dach

November - 1. Die Frau auf dem Dach
November - 1. Die Frau auf dem Dach
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Marcel Scharrenbroich
9

Comic-Couch Rezension vonDez 2022

Story

Ein dichter Krimi-Stoff, der zum Miträtseln einlädt. Nach und nach werden Zusammenhänge deutlich, was jedoch nicht heißt, dass nicht weitere Fragen aufkommen. Ich freue mich auf die Fortführung.

Zeichnung

Die trostlos-finstere Kulisse ist der perfekte Spielplatz für eine ebenso abgründige Geschichte. Elsa Charretier fängt diese Stimmung hervorragend ein.

3 Blickwinkel

Der rätselfreudige Junkie

Trotz Dees chaotischen Lebensstils ist ihr Alltag erstaunlich durchstrukturiert. Sie trinkt, hängt an der Nadel und ist dank einer kaputten Hüfte auf eine Gehhilfe angewiesen. Job: Fehlanzeige. Dennoch steht sie in der Früh auf, besorgt sich die frisch gedruckte Tageszeitung und stürzt sich in ihrem Stamm-Diner erstmal auf die Rätsel-Seite. Es hätte ein Herbsttag wie jeder andere sein können, wäre nicht der mysteriöse Mister Mann in ihr Leben getreten. Scheinbar weiß er bestens, wen er da vor sich hat, als er sich ungefragt an Dees Tisch setzt, während diese ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgeht. Und er kommt mit einem lukrativen Angebot. Er bietet Dee 500 Dollar pro Tag, wenn sie täglich ein Rätsel löst, welches sich in der Zeitung befindet. Daraus ergibt sich ein Code, den sie regelmäßig übermitteln soll. Mehr nicht. Ein Signal an einen Unbekannten, doch das soll nicht ihr Bier sein. 500 Dollar steuerfrei… fast schon zu schön, um wahr zu sein. Doch Dee muss sich mit großen Ausgaben zurückhalten, damit sie nicht auffällt. Auf wessen Radar sie landen könnte, ist ein weiteres Rätsel, dessen Lösung aber noch im Dunkeln liegt. Dee hat eigentlich nur eine Frage: Was passiert, sollte einmal kein Rätsel in der Zeitung stehen? Der geheimnisvolle Mister Mann drückt sich diesbezüglich nur vage aus… aber es wäre nichts Gutes.

Waffenfund mit Folgen

Emma-Rose hat am späten Halloween-Abend noch ein paar Einkäufe für einen Freund erledigt, als sie auf der Straße von ein paar Kids über den Haufen gerannt wird. Die auf dem Boden verteilten Einkäufe sollten eigentlich schnell wieder verstaut sein, doch zwischen O-Saft und Konserven findet sich plötzlich ein Gegenstand, der ganz bestimmt nicht aus dem Sortiment des Supermarkts an der Ecke stammt. Ein Revolver. Herrenlos liegt er dort in einer Pfütze. Obwohl es sie theoretisch nichts angeht, reagiert Emma-Rose pflichtbewusst und kontaktiert die Polizei. Eigentlich lobenswert… doch in diesem speziellen Fall ein fataler und ebenso folgenreicher Fehler. Zwar trifft kurz nach ihrem Anruf eine Streife ein, aber Freund und Helfer sitzen nicht im Wagen. Stattdessen wird Emma-Rose von den Beamten betäubt und schnurstracks in den Kofferraum verfrachtet.

Telefondienst

Am anderen Ende der Leitung befand sich Kay Kowalski. Eine Telefonistin in der Polizeizentrale, die freiwillig Überstunden schiebt. Hauptsächlich deshalb, weil sie ihrer Partnerin aus dem Weg gehen möchte. In der Beziehung kriselt es, doch das ist nicht das größte Drama dieser Nacht. Als mehrere Bombendetonationen in der Stadt gemeldet werden, überschlagen sich die Ereignisse. Tote, Verletzte und eine Welle nicht abreißender Notrufe. Das reinste Chaos. Und dann noch die Kollegen, mit denen es Kay sich vor längerer Zeit verscherzt hatte. Einen hat die Beamtin im Innendienst ganz besonders auf dem Kieker. Einen, der sich auffällig verhält. Und es ist ein nagendes Cop-Gefühl, welches sie auf eigene Faust ermitteln lässt…

Crime-Noir par excellence

Hinter „November“ steckt der erfolgreiche US-Autor Matt Fraction. Der Eisner-Award-Gewinner (für „The Immortal Iron Fist“) definierte für MARVEL den Bogenschützen „Hawkeye“ neu und ist zusammen mit Zeichner Chip Zdarsky für die hochgelobte Indie-Reihe „Sex Criminals“ verantwortlich. In den Staaten mittlerweile abgeschlossen, wurde die Serie bei uns leider nach drei Paperbacks (mit knapp der Hälfte der Story) eingestellt. Sehr schade, denn dass Fraction ein begnadeter Erzähler ist, beweist er nun wieder mit „November“. Darin lernen wir drei Frauen kennen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Neben deren persönlichen Geschichten, überschattet eine verschachtelte Rahmenhandlung das Geschehen. Aufgedeckt wird dieses komplexe Geflecht nur Stück für Stück. Ein schlammiger Sumpf aus Drogen, Korruption, Kriminalität und Gewalt. Also ein klassischer Noir-Stoff, dessen Puzzleteile stets in Bewegung sind.

Eine solch düstere Thematik schreit geradezu nach einer angemessen trostlos wirkenden Umsetzung. Da hat man mit Elsa Charretier ein wahrlich goldenes Händchen bewiesen, denn die Autorin und Zeichnerin (u. a. „The Infinite Loop“, „Love Everlasting“ und „Star Wars“) setzt die Geschichte mit derart geschwungenen Tusche-Strichen um, dass der unvergessene Darwyn Cooke („Parker“) seine Freude daran gehabt hätte. Präzise Linien und kein Strich zu viel. Daraus ergibt sich ein nahezu perfektes Noir-Feeling, welches durch die monochrome Kolorierung von Matt Hollingsworth („Little Bird“, „Seven to Eternity“, „Preacher“) noch veredelt wird. Jede Perspektive erhält eine eigene Farbpalette, wodurch trotz komplexer Handlung stets Übersicht garantiert wird.

Fazit:

Gebannt folgt man der Spur aus Brotkrumen, die Matt Fraction für die Leserschaft ausgelegt hat. Noch ist vieles im Dunkeln, doch die Story hat eine derartige Sogwirkung, dass man unbedingt tiefer in diese kaputte Welt eintauchen möchte. Diese wird von der Zeichnerin Elsa Charretier passend düster in Szene gesetzt. Sehr dicht geschrieben und nicht nur für Krimi-Fans eine unbedingte Empfehlung.

November - 1. Die Frau auf dem Dach

, Elsa Charretier, Schreiber & Leser

November - 1. Die Frau auf dem Dach

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