Crossover 1: Kinder lieben Ketten

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Marcel Scharrenbroich
10

Comic-Couch Rezension vonAug 2022

Story

Ein bärenstarker Einstieg in die „Crossover“-Welt. Cates zeigt voller Freude, dass das Schreiben ihm im Blut liegt. Nicht nur eine Verbeugung vor dem Superhelden-Genre, sondern ein Loblied auf alle kreativen Köpfe.

Zeichnung

In den starken Panels passiert eine Menge… und das Absuchen nach Details bringt zusätzlich Spaß. Die Zeichnungen sind detailliert und die Farben kräftig.

...

Gespaltene Gesellschaft

Klingt erstmal nicht sonderlich übernatürlich, sondern wie etwas, das wir jeden Tag live und in Farbe beobachten können, nicht wahr? Aber abgesehen davon, dass nur allzu reale Probleme stetig wachsen und uns Tag für Tag vor neue Hürden stellen, ist vor einigen Jahren im US-Bundesstaat Colorado etwas passiert, das man wohl ohne Übertreibung als das Event des Jahrhunderts bezeichnen kann. Im Januar 2017 öffnete sich der Himmel und eine Invasion brach über die Menschheit herein. Eine Invasion von fiktiven Superhelden… und Superschurken. Alle bestens und weniger bekannten Comics entsprungen, die jemals einem Autoren-Hirn entsprungen sind. Und sie bekämpfen sich, wie Comic-Figuren dies nun mal machen: Bis aufs Blut, mit reichlich Krach-Bumm und wieder und wieder und wieder…

Das Ereignis, welches als „Crossover“ in die Geschichtsbücher einging, konnte durch eine zum Leben erwachte Comic-Figur eingedämmt werden. Der ehemals gezeichnete Held erschuf ein Kraftfeld, welches sich wie eine Kuppel über Colorado stülpte, und schloss die nun nicht mehr fiktiven Besucher ein. Seitdem prallen Helden und Schurken abgeschirmt von der Menschheit brachial aufeinander, doch die menschlichen Verluste sind hoch.

Im angrenzenden Bundesstaat Utah lebt die junge Ellipse Howard. Von ihren Eltern - zwei Autoren - mit diesem außergewöhnlichen Namen gesegnet, da die grammatikalische Ellipse - dargestellt durch drei Punkte - in Sätzen mit ausgelassenen Satzteilen das „große Unbekannte“ symbolisiert. Außerdem klingt es heroisch und geheimnisvoll. Autoren… so sind sie halt. Ellie, so die gängigere Kurzform, trägt offen zur Schau, auf welcher Seite sie steht. Sie trägt Augenmaske und Handschuhe in der Öffentlichkeit und mag Cosplay. Damit gehört sie zu einer klaren Minderheit, denn der Großteil der Allgemeinheit verteufelt alles, was mit dem „Crossover“ in Verbindung steht. Natürlich auch Comics, die von religiösen Fanatikern (mal wieder) als gedrucktes Werk des Satans gesehen werden. So ist es nicht verwunderlich, dass vor Ellies Arbeitsplatz - einem Comic-Shop - regelmäßig ein wütender Mob demonstriert. Otto, Ellies Boss und zugleich väterlicher Freund, ist davon nicht begeistert, bietet sein Laden doch die letzte Zuflucht für Nerds und Geschichten-Liebhaber aller Art. Dass Ellie zu etwas Höherem bestimmt ist, wird ihr klar, als sie auf das kleine Mädchen Ava trifft, welches in Ottos Shop Schutz gesucht hat. Das Besondere an Ava ist, sie ist eine… von IHNEN.

Doch diese Geschichte hat nicht nur spezielle Pläne mit Ellie und Ava, nein. Sie handelt auch von Ryan Lowe, dem Sohn eines reichen religiösen Fanatikers. Der bibelfeste Hassprediger hat es sogar geschafft, seinen Sohn zu einem Brandanschlag auf Ottos Laden anzustiften. Damit wäre Ryan ein sicherer Kandidat für den Knast, doch eine streng geheime Abteilung der Regierung, die mit außerhalb der Kuppel inhaftierten Event-Besuchern kooperiert, hat besonderes Interesse an dem jungen Kerl. Angeblich sei er „auserwählt“, um einen wichtigen Auftrag auszuführen… doch dafür muss er unbedingt zur Kuppel.

Event-Comic der Superlative

Mit „Crossover“ setzt sich die Superhelden-Branche ein kleines Denkmal. Zumindest im Rahmen der Möglichkeiten, denn Rechtsstreits mit den großen Konzernen möchte man freilich vermeiden. Deshalb lassen sich viele beliebte Charaktere, die nicht nur regelmäßigen Comic-Lesern und Popkultur-Fans Begriffe sind, lediglich erahnen. Die Verweise sind aber eindeutig, auch wenn man in vielen Fällen ganz genau hinschauen muss. Eindeutig im Bilde sind hingegen mehrere Figuren aus dem IMAGE Verlag, wo die „Crossover“-Serie in den Staaten ebenfalls beheimatet ist. Star-Autor Donny Cates („God Country“, „Redneck“, „Venom“, „Guardians of the Galaxy“, „Thor“, „Silver Surfer: Black“ und aktuell „Hulk“), der gleich mehrfach von Nahtod-Erfahrungen berichten kann, erfüllt sich mit „Crossover“ einen langersehnten Traum. Mit großem Tamtam lässt er Welten kollidieren, verfrachtet die regelmäßigen Groß-Events der Comic-Riesen in die Realität und weitet den Begriff Meta-Ebene exorbitant aus. Mit einem uns (noch) nicht vertrautem Erzähler, der uns mit den bisherigen Geschehnissen vertraut macht, werden wir an die Hand genommen, sodass wir zu keiner Zeit allein auf weiter Flur stehen. Gelegentlich driftet die Off-Stimme zwar ab, was aber auch dafür sorgt, dass wir schon mal eine Ahnung davon bekommen, was uns noch alles erwarten wird… oder könnte. Sowieso wird der Spannungs-Pegel konstant hoch gehalten. Das liegt nicht nur daran, dass in dieser durch das Event hervorgerufenen Meta-Welt plötzlich mit Allem zu rechnen ist, sondern auch an der Tatsache, dass ein mysteriöser Killer der Reihe nach bekannte Comic-Autoren abmurkst. So haben beispielsweise Chip Zdarsky („Jughead“, „Stillwater“, „Daredevil“), Scott Snyder („American Vampire“, „Wytches“, „Nocterra“), Robert Kirkman („The Walking Dead“, „Invincible“) und Brian K. Vaughan („Y: The Last Man, „Saga“, „Paper Girls“) schon das Zeitliche gesegnet.

Gezeichnet wird „Crossover“ von Geoff Shaw. Gemeinsam arbeiteten Shaw und Cates bereits am Fantasy-Kracher „God Country“ (ab September 2022 bei CROSS CULT). Auf dieses Werk wird ebenfalls Bezug genommen, weshalb der Titel für viele schon deshalb interessant sein könnte. Generell wäre es von Vorteil, wenn man sich zumindest etwas außerhalb der MARVEL/DC-Komfortzone auskennt, um all die Verweise zu erkennen. Es macht nämlich enorm viel Spaß, Shaws detaillierte Bilder nach Anhaltspunkten abzusuchen, die nicht direkt ins Auge springen. In der Gesamtheit ist der Look von „Crossover“ großartig. In den Panels ist jede Menge los und viele Elemente funktionieren ausschließlich über die visuelle Ebene. So zum Beispiel, dass die Haut der Event-Neuankömmlinge aus Rasterpunkten besteht, wie man sie aus klassischen Comics oder Popart-Gemälden von Andy Warhol kennt. Was Geoff Shaw allerdings weniger beherrscht, ist das zeichnen von Kindern (siehe Seite 62). Der übergroße Kopf von Ava wirkt unfreiwillig komisch. Mit diesem Manko ist Shaw aber ganz und gar nicht allein, denn anatomische Aussetzer beim portraitieren von Kindern sieht man immer wieder. Das ist aber schon der einzige Kritikpunkt.

Kinder lieben Ketten

Der Titel des ersten SPLITTER-Bandes (umfasst die ersten sechs US-Hefte) ist nicht etwa aus der Luft gegriffen, sondern geht auf eine Aussage des „Spawn“-Schöpfers Todd McFarlane zurück. In der amerikanischen TV-Show „The Comic Book Greats“, in der MARVEL-Legende Stan Lee (1922 – 2018) von 1991 bis 1992 abwechselnd Comic-Künstler interviewte, sollten McFarlane und „Deadpool“- und „Cable“-Schöpfer Rob Liefeld nach Lees Vorgaben eine neue Figur namens „Overkill“ entwerfen. Während Liefeld schon den Stift schwang, warf McFarlane in den Raum „The kids like chains“, was der „Venom“-Co-Creator dann auch gleich selbst umsetzte. Sie sehen cool aus und dienen den Figuren als Waffe und stylishes Accessoire… siehe „Spawn“. Dieser Satz blieb bei Donny Cates derart haften, dass er nicht nur den ersten Story-Arc von „Crossover“ danach benannte, sondern gemeinsam mit Ryan Stegman („Absolute Carnage“, „King in Black“) das Imprint KIDS LOVE CHAINS PRESS (kurz KLC PRESS) ins Leben rief. Über IMAGE wird ab September 2022 die erste US-Ausgabe des düsteren Comics „Vanish“ (geschrieben von Cates und gezeichnet von Stegman) in physischer Form erhältlich sein, nachdem man ihn zuvor exklusiv über die Newsletter-Plattform SUBSTACK angeboten hatte.

Bis zum zweiten „Crossover“-Band, welcher die Ausgaben 7 bis 13 enthalten wird und auf den Titel „Die Groschenheft-Plage“ hört, wird man sich noch gedulden müssen. Aktuell ist der Band für Anfang April 2023 gelistet. Im Anhang von „Kinder lieben Ketten“ danken die Verantwortlichen noch mal allen Künstlern, dass sie bei ihnen wildern durften, bevor es dann noch eine Cover-Galerie zum krönenden Abschluss gibt. Sehr gelungen. Jetzt heißt es nur noch… warten.

Fazit:

Autoren-Wunderkind Donny Cates reißt alle Wände ein und lässt die bunten Bilderwelten mit der Realität verschmelzen. Ein Füllhorn kreativer Ideen und ein Muss für Comic- und vor allem Superhelden-Liebhaber. Mehr als nur ein herkömmliches Event… und das ist erst der Anfang!

Crossover 1: Kinder lieben Ketten

, Geoff Shaw, Splitter

Crossover 1: Kinder lieben Ketten

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