Interview:
Jochen Voit und Hamed Eshrat

04.2019 Wie zum Kuckuck kann man eine Lesung zu einem Comic gestalten? Diese Frage stellte ich mir als ich sah, dass Jochen Voit und Hamed Eshrat in einem Club bei mir in der Nähe aus ihrem neuen Werk „Nieder mit Hitler! oder warum Karl kein Radfahrer sein wollte“ lesen wollten. Es wurde eine multimediale Lesung beworben, also dachte ich mir: Okay, dann lesen sie aus dem Comic, während das Publikum die dazugehörigen Seiten auf einer Leinwand zu sehen bekommt. Im Endeffekt hatte ich nicht unrecht, aber so eine tolle Veranstaltung hatte ich echt nicht erwartet! Neben der Projektion der Seiten haben Eshrat und Voit sich mit dem Vorlesen abgewechselt, sodass die Lesung eher einem Hörspiel ähnelte. Zusätzlich dazu gab es auch Geräusche und Musik, die den Eindruck des Hörspiels noch verstärkten. Am Ende der Lesung haben die beiden Macher über die Entstehung des Comics geredet und Eshrat hat dem Publikum ein bisschen seine Arbeitsweise und auch sein Arbeitsplatz gezeigt. Im Anschluss an der Lesung habe ich mit den beiden ein bisschen über den Entstehungsprozess von „Nieder mit Hitler!“, warum Historiker sich nicht vor dem Comic Medium verschließen sollten und wie es dazu kam, dass diese Geschichte erst heute erzählt wird, geplaudert.

Comic-Couch:
Diese Geschichte ist ja alt, die NS-Zeit ist ja kein neues Thema mehr, sozusagen. Warum ist diese Geschichte um Karl Metzner erst jetzt entdeckt worden? Warum erst jetzt veröffentlichen?

Jochen Voit: Die ist einfach jahrelang unterdrückt worden. In der DDR war das einfach kein Thema, denn die DDR hat sich nur um kommunistischen Widerstand gekümmert und das war ein vielfältiger Jugendwiderstand von fünf Jungs, die aus ganz unterschiedlichen Elternhäusern kamen. Der eine war aus einem großbürgerlichen Elternhaus, der Vater war Porzellanfabrikant. Einer war aus einer Kaufmanns-, der andere kam aus einer katholischen Familie. Das waren Zugezogene, die aus dem Westen gekommen waren, die waren wahrscheinlich Zentrumswähler. Dann war der Karl, der kam aus einem sozialdemokratischen Elternhaus. Und da gab es den Joachim, der kam aus einer Nazi-Familie, der Vater war bei der SA. Und dann haben die Jungs auch noch Radio Moskau gehört, also waren sie noch kommunistisch beeinflusst. So haben die fünf die gesamte Bandbreite der Politik von damals dargestellt, und das war in der DDR definitiv zu komplex. Da hat die SED sich nicht die Mühe gemacht, eine Gedenktafel dafür zu machen oder deren Geschichte zu erzählen. Wir waren eigentlich die ersten, die diese Geschichte in Erfurt wirklich recherchieren konnten.

Hamed Eshrat:
Und nach der Wende kommt noch dazu, dass Karl Metzner damit nicht hausieren gegangen ist, weil er eine relativ zurückhaltende Persönlichkeit war. Wäre der jetzt extrovertierter gewesen, dann hätte er vielleicht nach der Wende seine Geschichte vielleicht an die große Glocke gehangen, aber das hat er nun einmal nicht gemacht.

Jochen Voit:
Karl Metzner war so ein bescheidener Mensch, er hat noch nicht einmal sich um diese Rente gekümmert, die es dafür gegeben hätte. Sein Status als Verfolgter des NS-Regimes wurde ihm in der DDR aberkannt, weil er Pfarrer war. Den musste man richtig dazu drängen, dass er diese Rente nehmen sollte.

Comic-Couch:
Warum wurde Karl Metzner als Hauptfigur gewählt? Eigentlich war Jochen Bock der Anführer dieser Widerstandsgruppe, er hat auch die höchste Strafe bekommen. Warum nicht ihn als Hauptfigur für den Comic nehmen?

Jochen Voit:
Wir haben Jochen Bock und auch die anderen untersucht und diese Gruppe ausführlich betrachtet und recherchiert. Wir haben das gemeinsam mit Studierenden der Uni Erfurt gemacht und jahrelang daran gesessen und habe auch natürlich ein Wikipedia-Artikel geschrieben und den haben wir auch so genannt: „Widerstandsgruppe um Jochen Bock“, weil das eben der Rädelsführer war – so wurde er genannt und auch deswegen mit der höchsten Strafe vor Gericht verurteilt. Aber wir – Hamed und ich – haben uns auf diese eine Geschichte von Karl Metzner gestürzt, weil uns interessiert hat, wie das Leben nach 1945 weitergeht. Jochen Bock ist leider 1947 an Tuberkulose – vermutlich eine Folge seiner Haft – gestorben, den konnten wir nicht mehr befragen. Karl war der einzige, der noch lebte. Und er hat, wie Hamed schon gesagt hat, eine bescheidene Persönlichkeit und wir wollten, dass so eine Geschichte mal erzählt wird: Von einem, der NICHT damit hausieren geht. Das war in Erfurt auch total unbekannt, ich lebe da jetzt schon eine ganze Weile in dieser Stadt. Und ganz ehrlich gesagt, mit den ganzen Erfurtern, die ich darüber gesprochen habe, die wussten das alle nicht. Die wussten, dass Karl Metzner ein Pfarrer in der DDR war, das er in der Friedlichen Revolution auch aktiv gewesen ist, aber dass er vorher schon als Fünfzehnjähriger in der Nazi-Zeit im Gefängnis war, weil er Flugblätter gegen Hitler hergestellt hat, das wusste keiner.

Comic-Couch:
Die einzige Widerstandsgruppe, die in das geschichtliche Bewusstsein der Deutschen hängengeblieben ist, ist ja die Weiße Rose um die Geschwister Scholl.

Jochen Voit:
Die Jungsgruppe um Jochen Bock, das ist die Kleine Weiße Rose von Thüringen, die es auch Wert sind, erinnert zu werden. Und man hat sich ja das Bild von den flatternden Flugblättern im Lichthof der Münchner Universität ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Da hat Hamed dem sehr schön ein neues Bild hinzugefügt, nämlich die flatternden Flugblätter auf dem Erfurter Domplatz.

Comic-Couch:
Ihr habt ja schon gesagt, Karl Metzner war eine sehr zurückhaltende Person. Er wollte ja auch eigentlich nicht, soweit ich das verstanden habe, dass seine Geschichte als Comic veröffentlicht wird.

Hamed Eshrat:
Der wollte am Anfang nicht, weil er daraus kein großes Ding machen wollte. Auch mit dem Medium Comic hatte er noch nichts mit am Hut gehabt. Aber da hat er mit seiner Pfarrerin gesprochen und sie meinte zu ihm, dass die jungen Leute das eben so machen würden. Das Gespräch mit seiner Pfarrerin hat ihn dazu motiviert, dem Projekt zuzustimmen.

Jochen Voit:
Karl Metzner hat nicht mit Comics anfangen können, das ist nicht seine Generation. Er hat sich deswegen dann Bedenkzeit erbeten, hat uns zu sich nach Hause zum Kaffee und Kuchen einbestellt. Da war ich schon aufgeregt, weil wenn er das jetzt ablehnt, dann zerschießt er uns das ganze Projekt. Aber er hat eben gesagt, dass wir das machen. Ich war total beruhigt, sonst hätten wir das ja auch nicht machen können. Er hat uns auch private Geschichten von dieser Widerstandsgruppe erzählt, das waren ja pubertierende Jungs, wie sie über Mädchen gesprochen haben, was sie für Interessen hatten, was sie in ihrer Freizeit gemacht haben… Das war schon ein Vertrauensbeweis. Wir haben ihm das fertige Buch ins Altersheim gebracht, kurz bevor er verstorben ist.

Comic-Couch:
Ist es schwieriger oder einfacher, über eine lebende Person zu schreiben? Einerseits bekommt man Informationen aus erster Hand, andererseits können sie auch dazwischen grätschen und sich mehr einmischen.

Hamed Eshrat:
In diesem Fall, also bei historischen Geschichten, war es meiner Meinung nach besser, einen Zeitzeugen zu haben. Ich glaube ich hätte das Projekt jetzt auch so nicht gemacht, wenn die Sympathie nicht dagewesen wäre. Jochen hat mich nach Erfurt eingeladen, ich habe seine Familie kennengelernt – das war alles sehr persönlich. Und auch den Herrn Metzner habe ich sofort kennengelernt. Das hat sich alles gut angefühlt. Hätte ich mich unwohl gefühlt, dann kann ich dann auch nicht zwei Jahre an so einem Projekt arbeiten.

Jochen Voit:
Ich finde, das ist ein Geschenk. Das ist ein absolutes Geschenk, gerade für einen Autor oder Historiker wie mich, sich daran abarbeiten zu können, und auch den Beweis anzutreten, dass das Medium Comic das kann.

Hamed Eshrat:
Die Zeitzeugen gibt es ja auch bald nicht mehr, in ein paar Jahren werden wir auch keine Zeitzeugen mehr haben, die das NS-Regime selbst erlebt haben.

Jochen Voit:
Genau, wir sind an einem Punkt, wo das jetzt gerade anfängt, wo WIR die Erzählung weitertragen müssen. Und wenn wir jetzt so eine Erzählung vorlegen und die Leute mögen das, dann ist glaube ich viel gewonnen. Denn wenn sie diese Geschichten mit ins Grab nehmen, das wäre einfach schade.

Comic-Couch:
Wie kam es zur Zusammenarbeit für den Comic? War es schon von Anfang an als Comic geplant und hattest du, Jochen, Hamed direkt im Blick als Zeichner für dein Projekt?

Jochen Voit:
Als Historiker wollte ich mit dem Projekt auch zeigen, dass es geht. Man kann mit dem Medium Comic arbeiten. Auf dem Comic Salon Erlangen haben Hamed und ich uns dann kennengelernt. Der Comic Salon ist eine tolle Börse, wo Leute sich treffen, wo du auf neue Comics aufmerksam wirst. Wir haben uns am Stand vom avant-verlag kennengelernt, wo Hamed signiert hat. Wir kamen ins Gespräch, waren uns sympathisch und er fand die Geschichte interessant. Ich bin schon mit dem Vorsatz nach Erlangen gefahren, einen Comic-Zeichner „aufzureißen“. Ich war auf „Brautschau“, ich wollte schon jemanden finden, mit dem ich zusammen diese Geschichte mache. Hamed hatte Bock. Vielleicht hat es ja auch mit seiner eigenen Familiengeschichte auch zu tun, dass er aus einem Land (Iran, Anm. d. Red.), wo die Familie selber Erfahrungen mit Repression gemacht hat. Für ihn war das nicht fremd.

Comic-Couch:
Der Comic hat ja zwei Zeitebenen – die NS-Zeit und die DDR. Diese unterscheiden sich auch farblich voneinander. Wie kam es dazu, dass die DDR in einem grau-bläulichen Ton dargestellt wird und die NS-Zeit bunt?

Hamed Eshrat:
Im Nachhinein bedauere ich es ein bisschen, dass es jetzt so gräulich geworden ist. Ich hatte verschiedene Zweifarbigkeiten im Kopf und habe mich dann für dieses Blau-Grau entschieden, das jetzt überwiegend als Grau empfunden wird. Wir mussten ja beide Zeitebenen ein bisschen voneinander differenzieren. Wir wollten die NS-Zeit farbig haben und die DDR-Zeit sollte sich formell unterscheiden. Dadurch ist es zu dieser Zweifarbigkeit gekommen. Das Grau hat sich dann einfach so ergeben.

Jochen Voit:
Die DDR soll nicht diesem Klischee entsprechen, nach dem Motto: Wenn der Wessi über die DDR redet, dass da alles immer so grau in grau war. Das war eigentlich nicht die Intention. Hamed wollte diese Kammerspiel-artige Situation in der DDR zeigen. Auf der einen Seite sitzt Karl, auf der anderen der Vernehmer der Staatssicherheit, und das ist eigentlich eine sehr eintönige Geschichte. Deswegen passt die Zweifarbigkeit auch sehr gut an dieser Stelle. Es geht ja sonst kaum raus aus dem Raum. In der NS-Zeit, da wird ja die eigentliche Geschichte gezeigt. Da ist man draußen unterwegs, in verschiedenen Settings und da macht es schon Sinn, das Ganze farbig zu erzählen.

Das Interview führte Nina Pimentel Lechthoff im April 2019.
Fotos © Jochen Voit und Hamed Eshrat
Cover, Zeichnungen © Jochen Voit und Hamed Eshrat / avant verlag