The Old Guard

Film-Kritik von Marcel Scharrenbroich (07.2020) / Titelbild: © Netflix

Die Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache.“ *

*Johann Wolfgang von Goethe (deutscher Dichter und Naturforscher; 1749 – 1832)

„There's no time for us. There's no place for us…“ (QUEEN „Who Wants To Live Forever“; 1986)

Andy (Charlize Theron) ist die Anführerin der „alten Wache“. Eine Söldnertruppe, die aus Unsterblichen besteht. An Dienst- und an Lebensjahren gemessen, hat Andy die Messlatte bisher am höchsten gelegt. Unzählige Kriege hat sie durchgemacht und der Lauf der Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte schweißte sie mit ihren Kameraden Booker (Matthias Schoenaerts), Joe (Marwan Kenzari) und Nicky (Luca Marinelli) zusammen. Hauptsächlich seelisch vom Leben gezeichnet, ist die „alte Wache“ für die groben Einsätze zuständig. Jedoch immer darauf bedacht, nicht aufzufallen. In der heutigen Zeit, wo alles und jeder mit einem Klick im weltweiten Netz landet, keine Leichtigkeit. Ausgerechnet ihr aktuellster Auftrag bescherte ihnen Bekanntheit. Jedoch nicht bei einem weltweiten Publikum, sondern bei einem milliardenschweren Pharmaunternehmer, der so ziemlich alles dafür tun würde, hinter das Geheimnis der Unsterblichkeit zu kommen.

Im Visier des skrupellosen Merrick (Harry Melling), der seine schwerbewaffneten Männer bereits auf Andy und ihre Jungs angesetzt hat, kommt noch ein ungeplanter Faktor hinzu, dessen Wichtigkeit keinen Aufschub zulässt. Eine „neue“ Unsterbliche erscheint ihnen in ihren Träumen. Eine absolute Seltenheit… und im denkbar ungünstigsten Moment. Eigentlich damit beschäftigt nicht aufzufallen und somit aus Merricks Fokus zu verschwinden, müssen die „Wächter“ sich nun um die neue Rekrutin kümmern. Denn wenn sie von ihr träumen, träumt diese auch von ihnen… was enorme Risiken birgt. Also macht Andy sich auf, die „Neue“ für ihre Zwecke zu rekrutieren. Keine einfache Angelegenheit, denn Nile Freeman (KiKi Layne) befindet sich aktuell im Kampfeinsatz in Afghanistan… und musste gerade auf die harte Tour lernen, dass sie unsterblich ist.

„Hoping for the best, but expecting the worst. Are you gonna drop the bomb or not?“ (ALPHAVILLE „Forever Young“; 1984)

Tja… die erhoffte BOMBE ist NETFLIX mit „The Old Guard“ wahrlich nicht gelungen. Dafür hakt es an zu vielen Ecken und Enden. Tatsächlich fallen mir nur zwei Pluspunkte ein, mit denen wir auch gleich beginnen: Zum einen wäre da Charlize Theron. Punkt. Sollte eigentlich schon ausreichen, da sie nicht nur im Charakter-Fach zuhause ist, sondern spätestens im genialen „Mad Max: Fury Road“ gezeigt hat, dass sie auch Action kann. Sonst vor allem auf der großen Leinwand heimisch, kann die südafrikanisch-amerikanische Oscar-Preisträgerin (2004 für Patty Jenkins‘ („Wonder Woman“) Langfilm-Debüt „Monster“, in dem Theron die reale Serienmörderin Aileen Wuornos verkörpert) trotz reichlich Körpereinsatz auch nicht mehr viel retten… dafür gibt das löchrige Drehbuch einfach nicht mehr her. Darstellerisch ist sie dem restlichen Cast dennoch (größtenteils) haushoch überlegen und auch in den Action-Szenen kommt ihr deutlich ihre „Atomic Blonde“-Erfahrung (basierend auf der Graphic Novel „The Coldest City“) entgegen. Schon in dem Action-Thriller von 2017 hat Theron den männlichen Kollegen gezeigt, wo der Hammer hängt. Und genau diese Szenen sind auch das zweite Highlight in „The Old Guard“. Die Truppe der Unsterblichen agiert wie ein eingespieltes Team, das auf jahrhundertelange Erfahrung zurückgreift. Dementsprechend sind die Fights auch stylisch und entsprechend rasant in Szene gesetzt. Schnell, effektiv und gut choreographiert.

Da hört es dann aber auch schon auf mit der Lobhudelei. Schlaue Köpfe haben mal gesagt, dass ein Film mit seinem Antagonisten steht und fällt… Wenn dieses Sprichwort hier auch zählt, wünsch ich schon mal gute Reise in den Abgrund. Vom Milchbart Merrick, gespielt von Harry Melling (bekannt als Dudley Dursley in den „Harry Potter“-Verfilmungen), geht zu keiner Zeit eine erstzunehmende Bedrohlichkeit aus. Eher erinnernd an einen Ferengi mit Locken, möchte man den bubihaften Schurken lieber zum nächstmöglichen Herrenschneider schleifen, damit seine viel zu großen Anzüge nicht mehr IHN tragen, sondern umgekehrt. Da kann auch dessen Handlanger Copley nichts mehr rausreißen, obwohl der großartige Chiwetel Ejiofor (2014 Oscar-nominiert für „12 Years a Slave“, zu sehen in Roland Emmerichs „2012“, „Der Marsianer“, MARVELs „Doctor Strange“ und zu hören in Disneys Real-Verfilmung von „Der König der Löwen“ als Scar) versucht, größtmögliche Schadensbegrenzung zu betreiben. Vergeblich… denn ähnlich wie Charlize Theron, läuft das Hollywood-A-Kaliber hier ebenfalls auf künstlerischer Sparflamme.

Die restlichen Darsteller bleiben eher blass und kratzen lediglich an der Oberfläche ihrer Charaktere. Enttäuscht war ich von der Newcomerin KiKi Layne, die für ihr Leinwanddebüt „If Beale Street Could Talk“ 2018 noch mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. Ihre Nile Freeman agiert meist hölzern und unbeholfen, was extrem schade ist, da ihre Figur interessante Ansätze hat. Interessant ist auch der Hintergrund der „alten Wächter“, der in krampfhaft implementierten, möglichst philosophisch angehauchten Szenen immer mal wieder angerissen wird. Hier wurden tonnenweise Möglichkeiten verschenkt, um der Truppe einen gewissen Schliff und somit mehr Tiefe zu verpassen. Generell hat die Geschichte um Unsterbliche, die Hin- und Hergerissen zwischen Leben und Tod(eswunsch) umherziehen, Potential, da sie nie einen festen Platz in ihrem Dasein finden werden. Die, die sie lieben, werden alt, sterben… und sie beginnen wieder von vorn.

Das WÄRE auch ein Pluspunkt des Films, wenn es die Story nicht schon gegeben hätte. Denn diese basiert auf dem gleichnamigen Comic, der von Autor Greg Rucka auch zum Drehbuch verwurstet wurde. 2017 veröffentlichte der US-Verlag Image die fünfteilige Reihe von Autor Rucka und dem argentinischen Zeichner Leandro Fernández. Diese erschien als Komplettband auch beim deutschen Splitter Verlag, der „The Old Guard – 1. Erstes Gefecht“ Ende 2017 als Hardcover bei uns verfügbar machte. Die zweite US-Mini-Serie, mit dem Untertitel „Force Multiplied“ ist in ihrer Heimat noch nicht vollständig veröffentlicht, was der aktuellen Lage geschuldet ist. Es ist davon auszugehen, dass eine deutschsprachige Veröffentlichung dementsprechend ebenfalls über Splitter erfolgen wird.

Allerdings sollte selbst Nicht-Kennern der Comic-Vorlage das eine oder andere Detail bekannt vorkommen. So mancher ist bestimmt mit Russell Mulcahys Kult-Action-Fantasy-Keule „Highlander“ (1986) vertraut. Auch hier hatte der Protagonist mit seiner Unsterblichkeit zu kämpfen, was zu innerer Zerrissenheit führte. Dies gelang auch deutlich besser als in „The Old Guard“ und zudem durften sich Christopher Lambert und Sean Connery von QUEEN besingen lassen… was uns dann zum nächsten Punkt führt. Einem, der mir richtig sauer aufgestoßen ist…

„Well I told you once and I told you twice. But ya never listen to my advice…“ (THE ROLLING STONES „The Last Time“; 1965)

Die MUSIK! Was zur Hölle hat man sich denn dabei gedacht??? Gerade genanntes Beispiel, „Highlander“, hat auf besonders positive Weise gezeigt, wie wichtig und auschlaggebend eine gute Musikauswahl sein kann. Es gibt zig, ach was… HUNDERTE Beispiele, wie ein krachender Soundtrack eine Story beeinflussen und intensivieren kann. Dabei müssen es nicht nur epochale Bombast-Scores wie bei „Star Wars“, „Indiana Jones“, „Zurück in die Zukunft“ oder „Terminator“ sein, keineswegs. Es können auch die leisen Töne sein, die die Atmosphäre unterstreichen. Beispielsweise die minimalistischen Synthie-Sounds, die uns in fast allen Filmen von John Carpenter begleiten. Oder Hans Zimmers grandiose „Inception“-Untermalung. Auch die Einbindung bekannter Songs kann Wunder bewirken. Positive Beispiele sind der bereits angesprochene „Atomic Blonde“, welcher mit den NDW (Neue Deutsche Welle)-Songs „Major Tom (Völlig losgelöst)“ und „99 Luftballons“ oder David Bowies „Cat People“ und „Londong Calling“ von The Clash glänzt. Oder Zack Snyders „Watchmen“, wo Bob Dylans „The Times They Are a-Changin“, Simon & Garfunkels „The Sound of Silence“ und Leonard Cohens „Hallelujah“ mit Pauken und Trompeten für Gänsehaut sorgen. SO geht musikalische Untermalung. Das, was „The Old Guard“ da abfeuert, ist dagegen der hinterletzte, Verzeihung, Rotz.

Eine seichte Mischung aus Rap/Hip-Hop und uninspiriertem Electro-Pop säuselt sich über die gesamte Laufzeit durch den Film, ohne auch nur EINMAL dessen Ton zu treffen. Selbst in knallharten Fights dudelt es gelangweilt aus den Boxen. So nutzt „The Old Guard“ Songs von Krtas Nssa, Frank Ocean, KierraLove, Blithe, Chaii, Marshmello feat. Khalid oder Andrea Wasse x Phlotilla, von denen ich ehrlich gesagt noch nie etwas gehört habe… und auch nicht scharf auf weitere Zugaben bin. Über musikalische Geschmäcker lässt sich ja bekanntlich nicht streiten, aber in einem Action-Streifen sind diese Beiträge gänzlich fehlplatziert.

Fazit:

Für mich bleibt „The Old Guard“ unterm Strich ein höchstenfalls durchschnittlicher Actionfilm, der selten über TV-Niveau rangiert. Dass ein erfahrener Kameramann wie Barry Ackroyd, der 2010 für Kathryn Bigelows „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ sogar den Oscar erhielt, am Werk war, überraschte mich sehr. Vor allem, da davon nicht viel zu sehen ist. Bis auf die gut choreographierten Action-Szenen, kommt die Comic-Adaption nur selten über eine sparsame B-Movie-Optik hinaus. Unfreiwillig komisch sind hingegen die Rückblenden, die mittlerweile selbst von LARP (Live Action Role Playing)-Einsteigern glaubwürdiger dargestellt werden. Schade NETFLIX, aber das war nix…

Wertung: 4

Fotos: © AIMEE SPINKS/NETFLIX

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