Film:
Spider-Man: A New Universe

Film-Kritik von Nina Pimentel Lechthoff (04.2019) / Titelbild: © Sony Pictures

Ein neues Multiversum

Warum nur ein Spider-Man, wenn man sechs haben kann?!

Jedes Kind kennt Spider-Man. Die Comic-Figur war zwar schon vor ihrem Leinwanddebüt 2002 sehr bekannt, mit der Reihe von Regisseur Sam Raimi und Hauptdarsteller Tobey Maguire konnte Spidey jedoch endgültig weltweiten Ruhm erlangen. Dass Peter Parker aber nicht der einzige Spider-Man ist, wissen jedoch nur die wenigsten. Nun, zumindest bis Dezember 2018. Mit dem erfolgreichsten Animationsfilm aus dem Hause Sony sind jetzt ein paar andere Spider-Men (und Women!) ins Mainstream gelangt. Allen voran der Protagonist Miles Morales.

Wer ist Spider-Man?

Miles Morales ist ein ganz normales Kind aus Brooklyn, New York. Seine Mutter ist Latina, der Vater Afroamerikaner. Miles ist künstlerisch begabt und Graffiti ist seine Leidenschaft. Weil sein Vater aber Polizist ist, muss Miles seinem Hobby heimlich nachgehen. Eines Abends geht er zusammen mit seinem Onkel Aaron in eine verlassene U-Bahnstation, um mit ihm zusammen eine Wand zu sprayen. Dort wird er von einer Spinne gebissen. Am nächsten Tag beginnen sich seine Spinnenkräfte zu entwickeln und auf der Suche nach Antworten beobachtet Miles, wie der Kingpin Spider-Man aka Peter Parker umbringt. Was er aber nicht weiß, ist, dass der Kingpin durch ein Experiment ein Loch in das Multiversum geschaffen hat, durch das andere Versionen von Spider-Man in Miles‘ Welt gelangt sind. Zusammen müssen die Spider-Menschen (plus ein Spider-Schwein) versuchen, dieses Loch zu schließen und so das Ende der Universen zu stoppen.

Die beste Version von Spider-Man (?)

„Spider-Man: A New Universe“ ist – trotz des unnötigen und dummen deutschen Titels – mein Lieblings-Spider-Man-Film! Die Handlung des Films ist im Kern nichts Neues: Ein Außenseiter-Teenie bekommt Superkräfte, weißt aber nicht wirklich, was er damit anfangen soll und ist überfordert, muss seine Ängste und Selbstzweifel überwinden um am Ende zu dem Helden zu werden, der er schon immer war. Aber die Art und Weise, wie der Film seine Geschichte erzählt, ist unglaublich toll. Auch wenn man Miles Morales nicht kennt, kann man sich direkt in seine Lage hineinversetzen. Vielleicht auch sogarbesser, als bei den anderen Spider-Man-Inkarnationen.

Wie schon gesagt, die Geschichte des jungen Superhelden, der keiner sein wollte, ist nicht gerade neu. Die erste Hälfte des zweiten Spider-Man-Films von Sam Raimi hat ja genau diese Geschichte erzählt. In „Spider-Man: A New Universe“ liegt es aber nicht daran, dass das Superhelden-Dasein mit Miles‘ Privatleben kollidiert. Es ist vielmehr die Frage, ob er überhaupt in der Lage ist, das zu tun, was andere von ihm erwarten. Passend zu diesem Zwiespalt soll Miles für die Schule ein Aufsatz zum Roman „Große Erwartungen“ von Charles Dickens verfassen. Seine Antwort dazu ist ein Graffiti, das seinen Umriss zeigt, mit dem Schriftzug „No Expectations“, also „Keine Erwartungen“. Seine Haltung zum Superhelden-Sein zeigt sich auch in seinem Kostüm. Während die anderen Spider-Leute ausgefeilte Kostüme tragen, ist Miles‘ ein – zu kleines – Kinderkostüm.

Wunderbarer Film, bis hin zu den Nebenfiguren

Die vielen unterschiedlichen Figuren bringen viel Spaß, vor allem, weil sie alle so unterschiedlich sind. Peter Parker aus dem Paralleluniversum ist ein Loser, der neu lernen muss, was es heißt, ein Held zu sein. Gwen Stacy ist die Coole, die Miles mehr als einmal aus der Patsche hilft. Auch die kleineren Figuren Peter Porker, aka Spider-Ham, Spider-Man Noir, Peni Parker und ihrem Spidey-Roboter, sind ein Genuss! Sie sind zwar meistens nur da, um witzig zu sein – was dafür aber sehr gut funktioniert! Was aber am erstaunlichsten ist, ist, dass ihre Stile zum Großen und Ganzen des Films passen. Denn sie sehen nicht aus wie die anderen Figuren des Films. Spider-Ham ist wie eine Figur aus der „Looney Tunes“-Familie konzipiert, sowohl was das Aussehen als auch seine Bewegungen angeht (wenn er läuft, sieht man viele Beine, die sich gleichzeitig bewegen). Peni Parker ist als Anime-Figur gezeichnet, wobei auch hier typische Anime-Elemente aufgenommen werden. Am besten hat mir aber die Charakterisierung von Spider-Man Noir gefallen. Wie sein Name schon andeutet, ist die Figur sehr düster. Er ist der einzige, der Waffen trägt, und sein ganzes Gemüt ist sehr pessimistisch. Er ist in Schwarz-Weiß gehalten und sein Mantel wird immer von einem nicht existenten Wind bewegt. Obwohl diese Figuren ja so unterschiedlich aussehen und auch sehr verschieden animiert werden, passen sie am Ende doch sehr gut zum gesamten Look von „Spider-Man: A New Universe“.

Ein Comic als Film

Wie keine andere Comicverfilmung zuvor schafft es „Spider-Man: A New Universe“, das Medium Comic auf die Leinwand zu bringen. Allein die Art und Weise, wie der Film sich präsentiert, lässt den Comic-Fans das Herz höher schlagen. Viele Teile des Films sind wie ein Comic aufgebaut, wortwörtlich. Denn es gibt Panels und Seiten, die die Vorgeschichte der jeweiligen Spider-Menschen erläutern. Auch die Animationsart ist sehr nah am Medium Comic. Die Macher haben nämlich eine neue Animationsart entwickelt, die die Leinwand zum Comic werden lässt, indem die für – vor allem ältere Comics – typischen Punkte zu sehen sind.

Andere Comic-Elemente sind Textboxen, die die Gedanken von Miles zeigen. In einer tollen Szene werden die Boxen immer größer und drohen Miles zu überwältigen. Mit dem Hauch eines Bruches der vierten Wand nimmt Miles diese wahr und fragt sich, warum diese Textboxen da sind.

Aber was mich wirklich fasziniert hat waren die tollen Bilder, die der Film hatte. Allein das Poster ist schon ein Meisterwerk für sich. Der Film ist bunt, ohne dass man Augenkrebs bekommt; schnell und dynamisch genug, dass die Action den Zuschauer einnimmt, ohne diesen aber völlig zu überfordern.

Fazit:

Wenn man mich fragt, hat „Spider-Man: A New Universe“ vollkommen zurecht den Oscar für den besten Animationsfilm bekommen. Selten habe ich so unglaubliche Bilder auf der großen Leinwand gesehen. Und noch seltener habe ich so eine wunderschöne Comic-Adaption gesehen. Obwohl ich ein sehr großer Fan von Tom Hollands Version von Peter Parker und Spider-Man bin, habe ich doch mein Herz an Miles Morales verloren. Bitte mehr davon!

Wertung: 10  (Zeichnungen: 10  |  Story: 9)


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Bilder & Cover: © Sony Pictures