Film:
Rock ’n’ Roll High School

Film-Kritik von Marcel Scharrenbroich (10.2018)

Hurra, hurra, die Schule… EXPLODIERT!

2.263 Shows + 14 Studioalben + 1 Kinofilm = 22 Jahre Kult

Sie sind laut. Sie sind schräg. Sie sind Kult und sie sind vor allem eins: Punk! Die „Ramones“ lebten Zeit ihres Bestehens den Rock ‘n‘ Roll… mit all seinen Höhen und Tiefen und in vollen Zügen. Ja, sogar weit darüber hinaus. 1974 formierten sich die vier New Yorker Jeffrey Hyman, John Cummings, Douglas Glen Colvin und Tamás Erdélyi, um die Musik-Welt auf den Kopf zu stellen. Von Punk-Fans verehrt und von Musiker-Kollegen geschätzt, blieb ihnen der kommerzielle Erfolg verwehrt. Radio-Stationen weigerten sich ihre Songs zu spielen und auch MTV hielt sich dezent zurück. In ihrem Heimatland lagen die zahlreichen Alben wie Blei in den Regalen der Plattenläden und so blieb die Haupteinnahmequelle der Band das regelmäßige Touren. Bis zu ihrem (im negativen Sinne) legendären Abschiedskonzert am 6. August 1996, welches kurzerhand vom „Billboard Live“-Club ins „Palace“ in Hollywood verlegt wurde, standen die Musiker insgesamt 2.263 mal auf der Bühne und feuerten ihr Song-Feuerwerk ab. Die Location des letzten Live-Gigs war der Band mehr als unwürdig und hinterließ trotz Gastauftritten diverser Kollegen einen faden Beigeschmack. Dass Dee Dee Ramone während des Songs „Love Kills“ den Text vergaß, war nur EIN Tiefschlag während des unrühmlichen Abgangs.

Auch rotierte das Besetzungs-Karussell der Band beinahe ohne Zwischenstopp. Die Ur-„Ramones“ bestanden nur bis 1978. In dem Jahr ersetzte Marc Bell – alias Marky Ramone - Tamás Erdélyi an den Drums, da dieser sich mehr auf seine Tätigkeit als Produzent konzentrieren wollte. Marky sammelte seinerseits bereits Erfahrung bei „Richard Hell and the Voidoids“. In den 80ern und 90ern folgten weitere Neubesetzungen, da Streitigkeiten und Entziehungskuren die Band zwangen, nach Ersatz zu suchen. Abstürze spielten im Leben der „Ramones“ eh – neben der Musik – eine langjährige Hauptrolle. Bereits vor Gründung der Band war man den bewusstseinserweiternden Substanzen nicht abgeneigt. Ganz im Gegenteil… Alkohol, Koks, LSD und Heroin. All dies nagte an den „Ramones“ und wurde für Dee Dee 2002 schließlich zum Verhängnis. Douglas Glen Colvin starb ein Jahr nach dem Tod von Jeffrey „Joey Ramone“ Hyman, der den langen Kampf gegen Lymphdrüsen-Krebs verlor, an einer Überdosis. 2004 verstarb „Johnny Ramone“ John Cummings ebenfalls an Krebs. Er und Joey waren die einzigen Band-Mitglieder, die den „Ramones“ von der Gründung bis zur Auflösung angehörten. Am 11. Juli 2014 tat „Tommy Ramone“, der erste Drummer, es seinen früheren Weggefährten gleich… auch er erlag einem Krebsleiden.

Nachdem der Knesebeck Verlag erst im März 2018 die Graphic Novel „One, Two, Three, Four, Ramones!“ auf den Markt gebracht hat, welche sich ungeschönt und eindrucksvoll der Band-Geschichte widmet und auch vor den dunklen Kapiteln nicht die Augen verschließt (und auch ausführlich auf unserer „Couch“ besprochen wurde), kommt nun auch der filmische Ausflug der vier New Yorker erneut in den Handel… und zwar erstmals in strahlendem HD!

„Wissen eure Eltern, dass ihr Ramones seid?“

Mit diesem Satz auf den Lippen steht die faschistoide Schulleiterin Evelyn Togar (Mary Woronov) ihrer Nemesis gegenüber… ihrem Kryptonit… der Wurzel allen Übels… dem PUNK… in fleischgewordener Form der „Ramones“. Doch beginnen wir am Anfang…

An der „Vince Lombardi High School“ (Vincent Thomas Lombardi gewann als Coach der „Green Bay Packers“ die ersten beiden „Super Bowls“: Anm. d. klugscheißenden Red.) herrscht Ausnahmezustand! Ein Direktor nach dem anderen wird von der aufmüpfigen Schülerschaft verschlissen und ist bereits nach kurzer Zeit ein Fall für den Psychiater… oder direkt für die Tonne. Ein abartiges Geschrammel gequälter Gitarren dröhnt durch die Flure der Schule und lässt das lernfaule Pack enthemmt eskalieren. Ja wo gibt es denn sowas, meine Damen und Herren? Dem Treiben muss doch Einhalt geboten werden: Bühne frei für Miss Togar. Unter ihrer autoritären Leitung soll wieder ein anderer Wind wehen! Mit ihren beiden abgerichteten Schoßhündchen, die speichelleckend ihren Anweisungen folgen und in ihren Schulaufsichts-Uniformen nicht von ungefähr an SS-Soldaten erinnern (passenderweise heißen die unterbelichteten Knallchargen auch noch „Fritz Hansel“ & „Fritz Gretel“) soll die Schülerschaft wieder zur Ordnung gerufen werden. An einer beißen sich die der Rektorin verfallenen Handlanger aber gehörig die Milchzähne aus: Riff Randell (P.J. Soles), ihres Zeichens Schülersprecherin und Rock ‘n‘ Roller… und zudem glühende Verehrerin der „Ramones“. Besonders Sänger Joey hat es der flippigen Schülerin angetan. Kein Wunder also, dass Riff auf der persönlichen Togar-Abschussliste ganz weit oben steht.

Als die „Ramones“ sich auch noch in der Stadt für ein Konzert ankündigen, ist es um Riff und ihre Punk-begeisterten Schulkollegen verständlicherweise völlig geschehen. Für sie geht kein Weg daran vorbei, die Erste in der Schlange beim Ticket-Vorverkauf zu sein… auch, wenn sie dafür ihrer Schulpflicht nicht nachkommen kann. Deckung bekommt Riff dabei von ihrer besten Freundin Kate Rambeau (nicht verwandt oder verschwägert mit dem gleichnamigen Vietnam-Veteranen). Die etwas schüchterne und auf den ersten Blick streberhafte Kate (Dey Young) entschuldigt das Fernbleiben ihrer Mitschülerin mit den aberwitzigsten Ausreden. Als hätte sie selbst nicht genug zu tun… denn sie hat ein Auge auf den Captain des örtlichen Football-Teams Tom Roberts (Vincent Van Patten) geworfen, der seinerseits aber der rebellischen Riff Randell hinterherschmachtet. Als Amor greift Eaglebauer (Clint Howard) helfend ein, der gegen Bezahlung so ziemlich alles regeln kann… schließlich hat er nicht umsonst sein eigenes Büro auf dem Schul-Lokus.

Natürlich riecht Miss Togar den Braten und so kommt es, dass Riff und Kate – nachdem sie die halbe Schule mit Konzert-Karten versorgt haben – plötzlich selber ohne die heißbegehrten Tickets dastehen. Wie zur Hölle soll Riff denn nun den Song, den sie selber geschrieben hat, ihrem großen Idol Joey zukommen lassen? Per Ohr-Post? (Kenner des Films werden den Gag verstehen)

Gaga – Gaga – Hey!

Was sich auf dem Papier noch wie eine typische 70er-Teenie-Komödie liest, die altbekannte und -bewährte Muster aufweist, entpuppt sich in der Realität schnell als Klamauk-Party sondergleichen. Regisseur Allan Arkush, der zusammen mit Joe Dante (Regisseur von „Gremlins“, „The Howling“, „Meine teuflischen Nachbarn“ und „Small Soldiers“) auch für die Story verantwortlich ist, brennt in 93 Minuten ein albernes Gag-Feuerwerk ab, das sich gewaschen hat und in dem die finale Detonation des Schulgebäudes nur wie das krönende Sahnehäubchen wirkt… selbst wenn die Wucht der ursprünglich dezenter geplanten Explosion einige Statisten derart verschreckte, dass sie am nächsten Tag nicht mehr am Set auftauchten. Dante war es auch, der „Rock ‘n‘ Roll High School“ beendete, da der eigentliche Regisseur Arkush kurz vor Ende der Dreharbeiten völlig ausgelaugt ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Wer sich bei den zahlreichen Comedy- und Slapstick-Einlagen an Filme wie „Die nackte Kanone“ oder „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ erinnert fühlt, liegt goldrichtig. Jerry Zucker – seinerseits Drehbuchautor der „Die nackte Kanone“-Reihe und „Kentucky Fried Movie“ sowie Regisseur von „Top Secret!“ und „Ghost – Nachricht von Sam“ – lässt hier als Second Unit Director einiges vom altbekannten ZAZ-Humor (Zucker-Abrahams-Zucker) einfließen.

P.J. Soles, die zuvor bereits in Brian De Palmas Stephen King-Adaption „Carrie“ und John Carpenters Slasher-Klassiker „Halloween“ zu sehen war, sieht man zwar an, dass sie zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon stramm auf die 30 zuging, jedoch merkt man ihr auch den Spaß an. Herrlich überdreht gibt sie die quirlige Riff Randell und darf sogar vor den „Ramones“ den Song „Rock ‘n‘ Roll High School“ während einer launigen Musik-Einlage beim Sportunterricht zum besten geben.

Die bezaubernde Dey Young, die in der Rolle von Riffs Freundin Kate zu sehen ist, trat nach ihrem Debüt unter anderem in Mel Brooks‘ „Spaceballs“, „Running Man“ (ebenfalls eine Stephen King-Verfilmung) und „Red Eye“ von „Scream“ und „A Nightmare on Elm Street“-Schöpfer Wes Craven in Erscheinung. Außerdem war Dey Young die Verkäuferin, die Julia Roberts in „Pretty Woman“ so unhöflich vor die Tür setzte. BUUUUH!

Clint Howard, der Eaglebauer, den Mann für alles, spielt, ist bereits seit frühster Kindheit im Geschäft. Von kleinen Auftritten in „Bonanza“ und „Raumschiff Enterprise“ zum Beginn seiner Karriere, mauserte er sich schnell zum gerngesehenen Nebendarsteller in zahlreichen Groß-Produktionen. Darunter Kracher wie „Tango und Cash“, „Backdraft“, „Rocketeer“, „Apollo 13“, „Im Zwielicht“, „Frost Nixon“ und ganz aktuell „Solo: A Star Wars Story“.

Die eigentlichen Stars des Films, die „Ramones“, wären darstellerisch eigentlich kaum der Rede wert. So unbeholfen und planlos, wie sie durch ihre Szenen stapfen, so amüsant ist das Gehampel auch… also von der Sorte „so-schlecht-dass-es-schon-wieder-gut-ist“. Aber die Jungs sind ja auch keine Schauspieler, sondern Musiker… und Musik gibt es reichlich in „Rock ‘n‘ Roll High School“!

Neben den Songs der vier New Yorker, die mit Knallern wie „I Want You Around“, „Blitzkrieg Bop“, „I Wanna Be Sedated“, „Sheena Is a Punk Rocker“ oder „Teenage Lobotomy“ vertreten sind, sind auch Künstler wie Alice Cooper, Devo, Chuck Berry, The Velvet Underground, Fleetwood Mac und Paul McCartney mit Liedern am Start.

Starke Scheibe!

Anolis hat wirklich ganze Arbeit geleistet und die Roger Corman-Produktion aus dem Jahr 1979 liebevoll restauriert. Der Film, der seine Deutschland-Premiere im TV hatte und aus Zeitgründen um rund drei Minuten gekürzt wurde, glänz in nie dagewesener Qualität… wobei die ursprünglich entfernten Szenen im Original-Ton mit deutschen Untertiteln hier selbstverständlich wieder vorhanden sind. Klare Farben und ein rauschfreies Bild lassen nicht an einen Film erinnern, der fast 40 Jahre auf dem Buckel hat… und zudem aus dem Geburtsjahr des Redakteurs stammt (F#%k!). Ebenso wie das makellose Full HD-Bild lässt auch das Bonusmaterial keine Wünsche offen. Gleich vier(!) Audio-Kommentare habe es auf die blaue Scheibe geschafft, von denen einer vom deutschen Splatter-Papst Jörg Buttgereit („Nekromantik“, „Der Todesking“, „German Angst“) und Regisseur Alexander Iffländer („Angriff der Killertelefonbücher“) eingesprochen wurde. In den weiteren Kommentaren kommen Cast- & Crew-Mitglieder zu Wort. Des Weiteren gibt es ein Wiedersehen mit P.J. Soles, Dey Young und Vincent Van Patten, die sich nach über 30 Jahren zu einer kleinen Reunion treffen und munter aus dem Nähkästchen plaudern. Sehr informativ und überaus sympathisch. Ein weiteres Special blickt zurück auf die Dreharbeiten. Auch hier gibt’s es wieder jede Menge interessanter Details von den Beteiligten Darstellern und den Machern hinter der Kamera zu berichten. Zusätzlich gibt es noch Audio-Outtakes der „Ramones“ während ihres Konzerts im „Roxy“, ein Gespräch zwischen Produzenten-Legende Corman und Film-Kritiker Leonard Maltin, Trailer, TV- und Radio-Spots und Bildergalerien. Fan-Herz, was willst du mehr?

Die Standard-Edition der aktuellen Blu-ray kommt in einem weißen Case und sorgt so für etwas farbliche Abwechslung im Regal. Das genial gezeichnete Comic-Motiv kommt auch voll zur Geltung, da „Rock ‘n‘ Roll High School“ erfreulicherweise über ein FSK-freies Wendecover verfügt. Die Disc selber ist passend im Vinyl-Design gestaltet… eine sehr gute Idee!

Wer es etwas opulenter mag, bekommt hier auch seine Chance. Zusätzlich zur herkömmlichen Blu-ray legt Anolis den trashigen Kult-Film noch im Mediabook auf. Inhaltlich nehmen die beiden verfügbaren Editionen sich nichts, jedoch verfügt das Mediabook über einen interessanten und umfangreichen Buchteil, der diesen Namen auch endlich mal verdient. Zusätzlich ist der Innenteil mit Bildmaterial versehen. Da dürfte also für jeden was dabei sein.

Fazit:

„Rock ‘n‘ Roll High School“ ist nüchtern betrachtet total bescheuert und bodenlos dämlich… und genau DAS liebe ich an dem Film! Eine Gute-Laune-Granate vom dem Herrn! Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wann ich zuletzt so viel Spaß mit einem Film hatte. Wenn man Fan der „Ramones“ ist, ist dies natürlich nur noch förderlich, jedoch nicht zwingend notwendig… denn der Spaß-Pegel stößt beim Schauen sowieso zwangsläufig an die Oberkante der Schenkelklopfer-Skala. Man mag sich gar nicht vorstellen, wenn der ursprüngliche Plan des Studios realisiert worden wäre… dort wollte man nämlich tatsächlich den Disco-Sound der 70er auf Film bannen! Zum Glück wurde dieser Plan verworfen und auch Bands wie Cheap Trick und Van Halen waren aufgrund des niedrigen Budgets schnell aus dem Rennen. Ohne die „Ramones“ wäre der Film auch nicht, was er heute ist… nämlich absoluter KULT!

PS: Falls jemand Mäuse als Haustiere hat, unbedingt vor dem Schauen rausbringen… ihr werdet sehen warum!

Wertung: 9  (Film: 9  |  Blu-ray: 9)
 


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Alle Fotos copyright: Anolis Entertainment