Text:   Zeichner: Jim

Zoe Carrington

Zoe Carrington
Zoe Carrington
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Marcel Scharrenbroich
7101

Comic-Couch Rezension vonNov 2026

Story

Ääääähm, ja…, das war… wild. Ich fühle mich geschüttelt, gerührt und weiß nicht, ob das jetzt was Gutes ist.

Zeichnung

Klare Linien, stimmige Farben und lebensnahe Zeichnungen… was man von der Story nur in den seltensten Momenten behaupten kann.

Back in the UK

Die leidenschaftliche Naturgewalt

Zoe Carrington. Ein Name, der bei Simon noch immer nicht seine Wirkung verfehlt. Zoe war die Art Frau, die einem beim ersten Anblick sämtliche Sinne vernebelt. Geheimnisvoll, charismatisch, entwaffnend und leidenschaftlich. Die Zeit, die er mit ihr während seines ersten Studienjahres in London verbrachte, war kurz…, dafür umso intensiver. Wild, entfesselt und ekstatisch. Und in diesen schweißtreibenden Nächten, die Simon wie das Glück eines ganzen Lebens vorkamen, fragte er sich fortwährend, wieso eine Frau wie Zoe Carrington gerade ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Egal, denn in dieser Zeit kostete er vom Himmel, tanzte auf Wolken, schwebte über den Dingen…, bevor der harte Boden der Realität seinen Höhenflug ruckartig abbremste. Vor seinen Augen verliebte sich Zoe in Leo, der nicht nur gesellschaftlich in einigen Ligen über Simon spielte. So sah er sie das letzte Mal bei der großen Sause zu Leos 20. Geburtstag, die mit viel Prunk und Protz auf dem stattlichen Familienanwesen stattfand.

Der große Traum, die Finanzwelt nach dem Studium aus den Angeln zu heben, scheiterte kläglich. Simon und seine Freunde JP und Rothenberg kehrten nach einem Jahr an der Uni desillusioniert in die französische Heimat zurück. Zehn Jahre sind seitdem vergangen, ein Job in der Bank und das Single-Dasein sind geblieben. Um seine Mutter beim obligatorischen Familienbesuch zu beruhigen, engagiert Simon sogar spontan eine Prostituierte, die sich als seine Freundin ausgeben soll. Aber wem will er eigentlich was vormachen? Wohl am ehesten sich selbst, denn seit der Zeit mit Zoe Carrington scheint er ausgewiesen als „Beziehungsunfähig“ gebrandmarkt.

Simons Leben wird aber von jetzt auf gleich auf den Kopf gestellt, als Zoe sich überraschend bei ihm und seinen Freunden meldet. Leos nächster runder Geburtstag steht an. Und um die gute alte Zeit noch mal aufleben zu lassen, sollen sie alle nach London kommen. Die gute alte Zeit… Zoe… gibt es eventuell doch noch die eine Gelegenheit, der vermeintlich unerreichbaren Traumfrau die wahren Gefühle zu gestehen?

Die abstruse Realität

Wer schon mal Werke des Szenaristen Jim gelesen hat, wird hier bestimmte Parallelen erkennen. Bereits „Eine Nacht in Rom“ und „Helena“ spielten mit ähnlich gelagerten, zwischenmenschlichen Ausgangssituationen. Kein Wunder also, dass Jim selbst diese drei Werke, die im selben Zeitraum als Ideen aufkeimten, als seine „obsessive Trilogie“ beschreibt. Im Vorwort von Zoe Carrington“ geht der Franzose, der bürgerlich Thierry Terrasson heißt, noch etwas spezifischer darauf ein und lässt uns auch am schwierigen Reifeprozess der vorliegenden Arbeit teilhaben.

Und leider, leider ist dieser auch in der Geschichte sehr stark spürbar. Geerdete, zwischenmenschliche Beziehungsdramen mag ich persönlich sehr gern, weshalb ich Jims „Sonnenfinsternis“ (zusammen mit Fane), „Süße Versuchung“ (zusammen mit Grelin) und „Wo sind die großen Tage geblieben?“ (zusammen mit Alex Tefenkgi) jederzeit gegen Alles und Jeden verteidigen würde. Was inhaltlich aber bei „Zoe Carrington“ passiert, lässt sich nur schwer nüchtern zusammenfassen. Ginge man rein nach der obigen Inhaltsangabe, klingt noch alles nach unerwiderter Liebe und einem Beziehungsgeflecht, dem sogar ein spätes Happy End beschieden sein könnte. Dass alles ganz, ganz anders kommt, sei schon fast hintenangestellt, denn der Weg dorthin ist derart abstrus, dass ich die Story schon fast als skurrilen Fiebertraum einordnen möchte. Wirklich rational agiert hier niemand, damit fängt es an. So gut wie jede Aktion der Charaktere endet zudem in einem heillosen Chaos, was irgendwann schlicht nicht mehr nachvollziehbar ist. Wir sind hier im London der Gegenwart und nicht in der verdrehten Welt von „Twin Peaks“, wo ich von Figuren nichts anderes erwarten würde, als dass sie sich sonderbar und gegen jeden Strich gebürstet verhalten. So ließ mich Jims UK-Trip am Ende regelrecht durch die Mangel gedreht, traurig, leicht verstört… und auf seltsame Weise doch ein wenig befriedigt zurück. War es, weil ich die wilde Fahrt überstanden hatte? Weil zwischen den Zeilen doch Substanz aus der Geschichte zu ziehen war? Oder gerade deshalb, weil ich unkonventionelle Stoffe mag, die Alltägliches ad absurdum führen? Darüber habe ich mir lange Gedanken gemacht, komme aber auf keinen Nenner. Vielleicht sollte man einfach mal ins kalte Wasser springen, sehen, was eine Story mit einem macht, und die letztendliche Wirkung schlicht annehmen. Was bleibt mir jetzt auch anderes übrig, nachdem ich pudelnass durch die Themse geschleift wurde?

Fazit:

Selbst für Fans von Jim kann ich hier weder eine klare Kaufempfehlung geben, noch gänzlich davon abraten. „Zoe Carrington“ ist ein hit-and-miss-Titel, der bei jedem Leser anders wirken mag. Dass die Entstehungsgeschichte abenteuerlich war, merkt man ohne jeden Zweifel. Ob dies unbedingt schlecht ist, darüber ließe sich streiten.

Zoe Carrington

Jim, Jim, Splitter

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