Will Eisner - Graphic Novel Godfather

Erschienen: Februar 2021

Couch-Wertung

10
Story
Zeichnung

Story

Akribisch und lückenlos recherchiert. Extrem informativ und in allen Belangen ausführlich.

Zeichnung

Toll aufbereitetes Bildmaterial en masse! Eisners Zeichnungen waren, sind und bleiben zeitlos.

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Marcel Scharrenbroich
Zeitlos und mit Bestand

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Sep 2021

Will Eisner, der Türöffner…

…für die moderne Comic-Form, wie wir sie heute kennen und nicht mehr missen möchten. Abseits von bunten Zeitungs-Strips oder kurzen Cartoons, die schnell konsumiert sind und einzig und allein der kurzzeitigen Unterhaltung dienen. Wer in seinem Leben schon mal einen Comic-Shop betreten hat, wird schnell gemerkt haben, dass das Alphabet der sequentiellen Kunst nicht bei D wie Disney endet, sondern durch die Bank weg alles abdeckt, was man sich nur vorstellen kann. Quer durch sämtliche Themengebiete, Genre-sprengend und -übergreifend, stilistisch frei und oftmals dicht am Puls der Zeit. Dieser war der US-amerikanische Comic-Zeichner William Erwin Eisner (1917 – 2005) mit seinen Schöpfungen weit voraus. Noch heute orientieren sich haufenweise Zeichnerinnen und Zeichner an seinen detaillierten Bildern. Ebenfalls an der stilprägenden Machart seiner Strips, Comics und Graphic Novels. Und damit wären wir auch schon mittendrin…

Graphic Novel

Fragt man, was eine Graphic Novel von herkömmlichen Comics unterscheidet, fallen die Antworten höchst unterschiedlich aus. So richtig definiert ist der Begriff dabei nicht. Heute verwenden wir ihn für komplexere, meist abgeschlossene Geschichten, die sich hauptsächlich an eine erwachsene Leserschaft richten. Häufig in gebundener Form, was einem „richtigen“ Buch damit schon recht nahekommt. Daher wird im deutschsprachigen Raum auch gerne die ziemlich genaue Übersetzung „graphische Novelle“ gebraucht. Außerdem werden die Werke im hübsch-edleren Format somit auch für Buchhandlungen interessant und unterscheiden sich von Standard-Schmökern in Heft-Form, die in der Comic-Hochzeit lediglich zu Unterhaltungszwecken weggelesen wurden und nicht selten im Altpapier landeten. Heute hat sich das „normale“ Comic-Heft weitestgehend rehabilitiert und wird nicht mehr zwingend als „Schundliteratur“, die die Lernkurve der Jüngsten auf eine überschaubare Waagerechte drückt, abgetan. Schon fast unzählige Comic-Verfilmungen, die tiefergreifenden Storys und auch die gehobene Qualität der Hefte (die nicht selten in streng limitierten oder exklusiven Variant-Edition erscheinen) sorgen dafür, dass Sammler penibel auf die teils schwer erschwinglichen Baum-Erzeugnisse achten und sie hegen und pflegen. Und die ehemaligen Wegwerf-Heftchen von früher sind ein heißbegehrte Sammelobjekte. Können sogar einen Lotto-Jackpot wie Taschengeld erscheinen lassen. Kein Wunder, wurde doch erst im April 2021 eine qualitativ extrem gut erhaltene Ausgabe von „Action Comics #1“, dem Erstauftritt von Superman im Jahr 1938, für sagenhafte 3,25 Millionen US-Dollar in einem Auktionshaus versteigert. Aktuell (01.09.2021) steht eine Kopie vom Spider-Man-Debüt „Amazing Fantasy #15“ (1962) zum Verkauf und ist rund eine Woche vor Auktionsende bei unglaublichen 2,35 Millionen US-Dollar angelangt… wer also noch ein wenig Kleingeld übrig hat, darf gerne seine Taler in den Ring werfen. Aber noch mal zurück zur Graphic Novel…

Viele Künstler hätten diesen Begriff sicherlich ebenfalls verwendet, schufen sie doch schon seit den 1920er-Jahren aufwändige Bildergeschichten mit vielschichtigen Inhalten. Will Eisner war es aber, der „Graphic Novel“ zuerst auf eine seiner Veröffentlichungen drucken ließ. Und zwar 1978. Eisner legte mit „A Contract with God and Other Tenement Stories“ ein wahres Autorenwerk vor, bei dem er sich nicht irgendwelchen Vorgaben von Verleger-Seiten beugen musste. Als Kind jüdischer Migranten wuchs er im New Yorker-Stadtteil Brooklyn auf, wo dann auch „Ein Vertrag mit Gott“, so der deutsche Titel des Comic-Romans (1980 erstmals beim Verlag ZWEITAUSENDEINS, danach bei CARLSEN), mit der Handlung ansetzt. Darin verarbeitet Eisner ebenso autobiographische Erlebnisse wie detaillierte Beobachtungen der Metropole der 30er. Bestehend aus vier von einander unabhängigen Kurzgeschichten, die allesamt in der Umgebung eines Mietshauses in der fiktiven Dropsie Avenue stattfinden. Bildgewordenes Theater. Ausdrucksstark, dramatisch und stets existentiell. Damit hob Eisner das Erzählen in Bildergeschichten auf ein ganz neues Level. 1988 und 1995 folgten mit „A Life Force“ und „Dropsie Avenue“ weitere Graphic Novels, die zusammen mit dem wegweisenden Erstling Will Eisners „A Contract with God“-Trilogie bilden. Als wäre das Etablieren einer gänzlich neuen Erzählform, die die kreativen Möglichkeiten der Neunten Kunst mit vielen handwerklichen Kniffen förmlich revolutionierte, nicht genug für eine Lebensleistung, war das Abstreifen der Verlags-Fesseln eigentlich Eisners Rückkehr zum Zeichenbrett. Schon 1940 tastete er sich langsam aber sicher mit frischen Methoden heran, um seinem Schaffen irgendwann die Krone aufzusetzen. Auftritt:

„The Spirit“

Eisner zeichnete bereits begeistert seit frühster Jugend und besuchte kurzzeitig die Art Students League of New York im Stadtteil Manhattan. Diese verließ er auf Grund finanzieller Schwierigkeiten aber schnell wieder, bevor sein Schulfreund Bob Kane (der später mit Bill Finger Batman erfand) ihm das Comic-Magazin „Wow - What A Magazine!“ ans Herz legte. In diesem Magazin wurden sowohl Zeitungsstrips gebündelt sowie neues Material abgedruckt. Dort lernte Eisner den Zeichner, Autor und Herausgeber Jerry Iger (1903 – 1990) kennen, mit dem er nach der Einstellung des Magazins (Ende 1936) sein eigenes Zeichenstudio gründete. Bei „Eisner & Iger“ scharte man schnell namhafte Zeichner um sich und produzierte exklusives Material. Während des aufsteigenden Comic-Booms verließ Will Eisner das Studio, nachdem der QUALITY COMICS-Herausgeber Everett M. "Busy" Arnold (1899 – 1974) ihm ein Angebot machte. Man wollte ein Stück vom Comic-Kuchen abhaben und Eisner sollte seine Arbeit zur Comic-Beilage der Sonntagszeitung beitragen. Ab 1941 erschien Eisners Schöpfung „The Spirit“ nicht nur an den Wochenenden, sondern auch in den Tagesstrips. Allerdings wurde Eisner 1942 zum Militär eingezogen, weshalb die Zeichner Louis „Lou“ Kenneth Fine (1914 – 1971) und Jack Cole (1914 – 1958) während seiner Abwesenheit übernahmen.

„The Spirit“ handelt vom maskierten Verbrechensbekämpfer Denny Colt. Ohne Superkräfte gesegnet, sind die Abenteuer deshalb geerdeter als die seiner Superhelden-Kollegen, die im Alleingang ganze Armeen niedermähen. Das war aber nicht Eisners Baustelle. Ihn sprachen die düsteren Pulp-Geschichten der unterschiedlichen Magazine an. Auch der Film-Noir war eine große Leidenschaft, die in seinen Comics unverkennbar wiederzufinden ist. In den Zeichnungen extrem detailliert und durchzogen von leichtem Humor, avancierte „The Spirit“ schnell zum Hit. Mit experimentellen Perspektiven, außergewöhnlichen Variationen des Titelschriftzugs, der auf immer wieder neue Art und Weise in eine Szene integriert wurde, und technischer Finesse waren Will Eisner und „The Spirit“ bis 1952 Namen, die die Branche nachhaltig beeinflussten. Über die gleichnamige Verfilmung von Comic-Guru Frank Miller („Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters“, „Sin City“, „300“) aus dem Jahr 2008 hüllen wir dann aber doch lieber den Trenchcoat des Schweigens…

Godfather

Alexander Braun, Kunsthistoriker und Kurator zahlreicher Ausstellungen, hat mit „Will Eisner - Graphic Novel Godfather“ das wohl umfangreichste und genauste Werk über den Comic-Pionier vorgelegt, das man sich nur vorstellen kann. Chronologisch wird Eisners Leben und Schaffen beleuchtet. Fotos, Cover, Skizzen, eingescannte Originalseiten… all dies in bestmöglicher Qualität und gebündelt in einem wuchtigen Hardcover im Coffee-Table-Format. Auf hochwertigen 384 Seiten bleiben keinerlei Wünsche offen und machen das Buch aus dem AVANT-VERLAG zum Highlight für Comic-Interessierte.

Der schauraum comic + cartoon in Dortmund bietet passend zum Wälzer eine Ausstellung an, die Pandemie-bedingt digitalisiert wurde und online auf einen Rundgang durch Will Eisners krönendes Vermächtnis einlädt. Beim virtuellen Stöbern durch die zahlreichen Exponate gibt es jede Menge zu entdecken.

Braun hat es mit „Will Eisner - Graphic Novel Godfather“ erneut geschafft, Comic-Geschichte im großen Stil auf Papier zu verewigen. Für die Gesamtausgaben von Winsor McCays „Little Nemo“ und George Herrimans „Krazy Kat.“ erhielt der Dortmunder 2015 und 2020 den renommierten Eisner Award. Was lag da näher, als dem Namensgeber der weltweit größten Auszeichnung im Comic-Bereich die volle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen?

Fazit:

Nicht nur in den Punkten Umfang und Gewicht ein echtes Mammutwerk. Mehr kann man von einem Buch, das einem der einflussreichsten Comic-Künstler überhaupt gewidmet ist, nicht verlangen. Inhaltlich und optisch eine Wucht, die sich wohl kaum noch toppen lässt.

Will Eisner - Graphic Novel Godfather

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