What's The Furthest Place From Here? - Band Zwei (Hardcover)
- Skinless Crow
- Erschienen: Juni 2025
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Die zerbrochene Familie
THE REPLACEMENTS - „Bastards of Young” (1985)
Konnten wir im ersten Band von Matthew Rosenbergs post-apokalyptischer Coming-of-Age-Saga noch hautnah erleben, wie die „Familie“ um Alabama, Prufrock, Oberon, Sid, Mallory, Lafayette, Poly, Ari, Marky, Layla und Slug nach einer folgenschweren Nacht auseinanderbrach, liefert die Fortsetzung einige Antworten. So steigen wir genau an der Stelle ein, an der offenbart wird, was in der Nacht auf dem Dach des Akademie-Unterschlupfs wirklich geschah. Wir erinnern uns noch an die Blutlache und ein zerbrochenes Messer… und daran, dass von der hochschwangeren Sid plötzlich jede Spur fehlte. Die findet sich nun wieder, denn Sid ist in der unwirtlichen Einöde, die einst als die glorreichen Vereinigten Staaten von Amerika bekannt war, allein unterwegs. Im Gepäck hat sie lediglich eine mysteriöse Landkarte, die ihr Slug nach seinem plötzlichen Auftauchen schwer verletzt zusteckte. Genaueres darüber weiß Sid auch nicht, verschwand Slug doch kurz darauf auf unerklärliche Weise. Sid ist aber überzeugt, dass Slug die sagenumwobene Stadt gefunden haben muss. Einen Ort, an dem man nicht täglich ums Überleben kämpfen muss und an dem das gemeinsame Miteinander der unterschiedlichen „Familien“-Reviere nicht bei jedem Aufeinandertreffen brutal aufs Neue ausgehandelt wird.
Kurzzeitig kommt Sid bei den sogenannten Schrottern unter, die ihre Zelte auf einem - oh Wunder - alten Schrottplatz aufgeschlagen haben. Durch sie lernt sie auch den Markt kennen, wo begehrte Waren gehandelt werden und den Besitzer wechseln. Im Grunde ein x-beliebiger Supermarkt, doch in der neuen Welt der reine Luxus. Eigentlich nur als stille Beobachterin zugegen, für die diese eigene kleine Welt noch neu ist, findet sich Sid aber schnell mitten im Geschehen wieder. In den heiligen (Markt-)Hallen findet nämlich eine Auktion statt. Und ein Exponat lässt sie gleich über mehrere Schatten springen. Ein treuer Vierbeiner, in den sich die Teenagerin gleich schockverliebt. Erst recht, nachdem sie erfährt, dass er anderen Bietern als abendlicher Festschmaus dienen soll. Sid setzt beim Bietergefecht alles auf eine Karte und wirft sogar ihren größten Schatz in den Ring: ihre Hall & Oates-Schallplatte „Private Eyes“. Was an einer Pop-Scheibe von 1981 so besonders ist? Prinzipiell nicht viel, jedoch hat sich jede „Familie“ einer bestimmten Lebensweise verschrieben. Was den Schrottern ihr Schrott, ist der Akademie die Musik. So hat jedes Mitglied seinen individuellen Soundtrack… seinen Gott. Und damit setzt Sid sogar aufs Spiel, nie mehr nach Hause zurück zu gelangen. Was sie nicht weiß, ist, dass die Akademie in der ihr bekannten Form nicht mehr existiert.
Oberon, der in besagter Nacht auf dem Dach eigentlich Wache schieben sollte, hat es währenddessen in die Wildnis verschlagen. Notdürftig schlägt er sich als Selbstversorger durch, findet aber in der freien Natur unerwartet Anschluss. Alabama und Lafayette hingegen befinden sich in Gefangenschaft. In einem verlassenen Zoo wurden sie wie Tiere in Käfige gesperrt. Fest davon überzeugt, dass Gitterstäbe sie nicht aufhalten können, schmieden sie schnell Fluchtpläne. Wird es ihnen gelingen zu entkommen? Und wenn ja, wohin soll die Reise gehen? Gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit, die „Familie“ in so einer verdrehten Welt wieder zusammenzuführen?
RICHARD HELL & THE VOIDOIDS - „Blank Generation“ (1977)
Schon vom ersten Band war ich mehr als positiv überrascht, da Autor Rosenberg sich nicht an konventionelle Erzählstile hielt. Sprunghaft wurde in mal kurzen, dann wieder längeren Kapiteln die Szenerie gewechselt. Stets durch einen markanten Satz, der so auf einer der folgenden Seiten auftaucht, eingeleitet. Die Kapitel dann noch in fortlaufende Akte untergebracht, damit dem Leser die Übersicht während der verschiedenen Story-Arcs nicht ganz flöten geht. Und was soll ich sagen… es funktioniert hervorragend. Selbst im vorliegenden zweiten Band, wo wir nun zurückliegende Ereignisse aus anderen Blickwinkeln sehen und sogar einen Blick in die Zukunft werfen, verliert man nicht die Übersicht. Zumindest sollte man das nicht, wenn man mit der Erzählstruktur schon aus dem direkten Vorgänger vertraut ist. Die Zeichnungen von Tyler Boss sind erneut auf sehr solidem Indie-Niveau, auch wenn manche Panels etwas schluderig/unausgereift daherkommen. Ob Zeitdruck hier eine Rolle spielte, kann man nur mutmaßen.
SKINLESS CROW hat wieder eine interessante Auswahl von Variant-Covern in den Anhang gepackt, auf denen unterschiedliche Stile vertreten sind. Wie schon der erste Band, ist auch „Band Zwei“ als Hard- und Softcover-Variante erhältlich.
Fazit / THE STRANGLERS - „No More Heroes“ (1977):
„What’s The Furthest Place From Here?“ lässt mit der Fortführung inhaltlich keine Federn. Zeichnerisch gibt es minimale Ausreißer nach unten, was dem Unterhaltungsfaktor aber keinen Abbruch tut. So langsam fiebere ich sogar mit Charakteren mit, die mir anfangs noch weniger sympathisch waren. So eine ausgewachsene Apokalypse bringt halt nicht nur Sonnenscheinchen hervor, damit muss man klarkommen.

Matthew Rosenberg, Tyler Boss, Skinless Crow




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