Couch-Wertung

6
Story
Zeichnung

Story

Angst, Flucht, Selbstfindung, Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität… wichtige und prägende Themen, die auch ohne LSD-ähnliche Fieberträume funktioniert hätten.

Zeichnung

Schlicht, aber in einigen Momenten durchaus effektiv. Enorm dunkle Passagen und eine denkbar ungünstige Farb-Kombination, klopfen bei rund 320 Seiten ordentlich gegen den Sehnerv.

Leser-Wertung

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Marcel Scharrenbroich
Flucht nach vorn

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Okt 2019

Surrealer Road Trip

Lou und Beatrice kennen sich eigentlich schon lange, allerdings nur oberflächlich. Sie wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft, hatten auf Grund ihres Altersunterschieds aber keine gemeinsamen Interessen und lebten quasi aneinander vorbei. Wie das Schicksal aber manchmal so spielt, sieht man sich immer zweimal im Leben. Und so kommt es, dass die Wege der beiden Frauen sich mitten in der Nacht, an einer abgelegenen Tankstelle, wie durch Zufall kreuzen.

Beatrice, kurz Bea, ist in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgehauen und hat alles hinter sich gelassen. Ziel- und vor allem planlos, irrt sie zu Fuß durch die kalte Nacht, bis sie zum Telefonieren eine Tankstelle ansteuert. Hier trifft die Achtzehnjährige auf Lou, die sich gerade auf dem Weg zu ihrer Großtante in Texas befindet, und eben jenes Etablissement zum kurzen Austreten aufsucht. Lou erkennt Bea sofort wieder, was dieser sichtlich unangenehm ist, da die Siebenundzwanzigjährige ebenfalls Beas Eltern kennt. Vor der Tankstelle geraten sie erneut in recht einsilbiges Geplauder. Bea erklärt, dass sie auf dem Weg nach McKinney sei, um dort Freunde zu besuchen. Da dieser Ort nicht allzu sehr von ihrer Reiseroute abweicht, bietet Lou ihr eine Mitfahrgelegenheit an, nicht wissend, dass Bea diesen Ortsnamen von eine Kaugummipapier aus ihrem spärlichen Reiseproviant hat. Ein nicht unerhebliches Detail, dass wir als Leser der nichtsahnenden und hilfsbereiten Lou voraushaben. Wie gesagt, man kennt sich zwar irgendwie und kann relativ sicher sein, sich nicht einen irren Serienmörder ins Auto geholt zu haben, aber da hört die Vertrautheit zueinander auch schon auf.

Die Fahrt beginnt und mit zunehmender Dauer beginnt das Eis zwischen den beiden Frauen zu bröckeln. Zwar langsam, aber es bröckelt. Es dauert nicht lange, bis Lou herausfindet, dass Beas Zielort nur improvisiert war. Angesäuert, aber sich der jungen Frau irgendwie verpflichtet fühlend, beschließt sie, Bea mit auf den Road Trip zu ihrer Großtante zu nehmen. Dies soll auch nicht ihr letztes Ziel sein, denn Lou befindet sich regelrecht auf der Flucht. Der Flucht vor allem und jedem. Innerlich ausgebrannt, hat sie es in ihrer Heimat nicht mehr ausgehalten und fährt ziellos dem Ungewissen entgegen. Eine Situation, mit der sich Bea nur zu gut identifizieren kann. Schon bald entdeckt die scheinbar ungleiche Zweckgemeinschaft, dass es sehr wohl Parallelen in ihren jeweiligen Leben gibt.

Als sich auch noch eine herrenlose Katze zu dem Duo gesellt, die Bea bei einem Zwischenstopp an einer Raststätte im auftreibenden Schneegestöber zuläuft, machen sie es sich zur Aufgabe, den kleinen Streuner, den sie spontan auf den Namen Diamond taufen, wieder zu seinem Besitzer zu bringen. Das Halsband verrät, dass sie in die Stadt West in West Texas müssen… die allerdings nicht in den Karten verzeichnet ist. Mysteriös wird es, als Lou bei einem nächtlichen Halt von zwei merkwürdigen Männern angesprochen wird. Die ungebetenen Besucher, schick gekleidet mit Anzug und Hut, geben sich als Mitarbeiter vom Verkehrsamt für Fernstraßenverwaltung aus, was aber noch nicht das Ungewöhnlichste an ihrem plötzlichen Auftauchen ist. Merkwürdigerweise fragen die gruseligen – aber höflichen – Herren, ob die beiden Ladys zufällig mit einer Katze reisen würden. Kurz angebunden, lässt Lou die dubiosen Gestalten in der Nacht stehen und braust davon, mit der schlafenden Bea auf der Rückbank. Doch die Herren lassen sich nicht so einfach abschütteln…

Flüchtig

Was als simpler Road Trip beginnt, mündet mit zunehmender Lesedauer in einen surrealen Bilderrausch. Je näher Lou und Bea dem Städtchen West kommen, desto mehr verwischen sich die Grenzen zwischen Realität und surrealen Ergüssen. Ein ziemlich unerwarteter Twist, der die bis zur Hälfte sehr geerdete Story um 180 Grad kippt. Im Grunde bin ich für solche experimentellen und überraschenden Wendungen sehr zu haben, zumal mich der psychedelische Trip in Jim Henson’s „Tale of Sand“ vor allem optisch schon ab der ersten Seite hatte. Hier gelingt der Versuch, eine tiefgründige Botschaft in das immer mehr abdriftende Gerüst zu packen, nur bedingt. Zwar werden im Vorfeld, während der Gespräche zwischen Lou und Bea, bereits wichtige Themen, wie das Hadern mit der eigenen Sexualität, Burnout und Panikattacken angerissen, bleiben für mich persönlich aber zu oberflächlich. Dabei haben mich die Dialoge der Protagonistinnen, die man gerade noch als solche bezeichnen kann, an den Rand des Wahnsinns getrieben, sodass ich selbst beinahe in andere Sphären geglitten wäre. Zerhackstückelte Sätze, Charaktere, die sich pausenlos ins Wort fallen und Aussagen, die auf Grund ihrer Knappheit einen tieferen Sinn nur erahnen lassen, spiegeln für mich keinen realistischen Dialog wieder, den Tillie Walden mit ziemlicher Sicherheit ihren Lesern vermitteln wollte, sondern verhindern, dass man in den Charakteren Identifikationsfiguren erkennen kann. Da wäre so viel mehr drin gewesen. Vor allem, da auf der realen Ebene genügend Platz gewesen wäre, die durchaus interessanten, prägenden und auch relevanten Themen tiefer zu verdeutlichen. Stattdessen bewegen wir uns zunehmend auf bedeutungsschwangerem Level, der mehr Fragen aufwirft, als zu beantworten. So bleibt die Geschichte im Nachhinein betrachtet ebenso flüchtig, wie ihre beiden Protagonistinnen.

Color-Crash

Leider kann „West, West Texas“ auf der künstlerischen Ebene noch weniger überzeugen. Es gibt zwar Momente, die zeichnerisch toll eingefangen wurden und die Graphic Novel über den Durchschnitt heben, jedoch wurden auch hier zahlreiche Chancen vertan, die Geschichte zu etwas ganz Besonderem zu machen. Das fängt an bei der Kolorierung, die für mich persönlich sehr anstrengend geraten ist. Den ohnehin sehr dunklen Bildern wurde durch einen übergroßen Lila-Farbtopf, der sich beißend mit Orange ein Gefecht um die Vorherrschaft auf Tillie Waldens Papier zu liefern schien, kein großer Gefallen getan. Bei über 300 Seiten drückt der kreischende Farb-Mix, angereichert mit einer Menge Schwarz, schon ordentlich aufs Gemüt. Dass diese ungewöhnliche Farb-Kombination auch funktionieren kann, zeigt erneut „Tale of Sand“, ohne dass die beiden Farben Lila und Orange sich gegenseitig ins Aus kicken.

Optisch positiv ist die zweite Buchhälfte hervorzuheben. Die surrealen Parts sind kreativ und mit netten Ideen umgesetzt. Der generell schlichte Zeichenstil setzt der Kreativität aber auch hier Grenzen und man sollte kein explosives Ideen-Feuerwerk erwarten. Die Aufmachung des wuchtigen Klappenbroschur-Wälzers von Reprodukt ist hingegen tadellos.

Fazit:

Eine nur bedingt zu empfehlende Geschichte über aufkeimende Freundschaft, innere Kämpfe und die Flucht nach vorn. Durch die surrealen David Lynch-Vibes, die in der zweiten Hälfte das Ruder übernehmen, lässt sich zwar ordentlich zwischen den (abgehackten) Zeilen lesen… jedoch sollte man eine Lupe parat haben. Leider hat Tillie Walden ziemlich viel Handgepäck auf dem Road Trip ihrer Protagonistinnen verloren, um „West, West Texas“ zu einer uneingeschränkten Empfehlung werden zu lassen.

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