Wer hat mein Pferd vergewaltigt?
- Skinless Crow
- Erschienen: November 2024
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Kleine Abrissbirne auf Rache-Tour!
Der Comic, für den sämtliche Trigger-Warnungen erfunden wurden
Okay, so viel vorweg: IHR habt bewusst auf diesen Titel geklickt. Scheinbar wollt IHR wissen, um was es sich bei diesem Titel dreht und ob er trotz (oder gerade wegen?) des verstörenden Namens eventuell für EUCH interessant sein könnte. Ein Blick auf das schon aussagekräftige Cover sollte eigentlich genügen, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Und ich sag’s Euch gleich… BESSER wird’s nicht. So, damit spreche ich mich von jeder Schuld (und womöglich später auftretenden Belastungsstörungen bei den Lesern) frei. Los geht’s…
Ins falsche Loch „geflüstert“
Die herzallerliebste Nancy und ihr Pferdchen Jeremiah sind die besten Freunde auf der gaaaaanzen weiten Welt! Sie gehen gemeinsam durch dick und dünn und galoppieren am liebsten voller Lebensfreude über die Weide. Hach, wie schööööön… zumindest so lange, bis ein hinterhältiger Triebtäter sich am armen Jeremiah vergeht. Und die kleine Nancy muss alles von ihrem Zimmer aus mitansehen! Ein mittelschwerer Schock… und der flüchtige Täter entkommt auch noch unerkannt in die Schwärze der Nacht. Sofort kümmert sich das Mädchen um den (offensichtlich) traumatisierten und durch K.O.-Tropfen ausgeknockten Jeremiah, agiert aber so geistesgegenwärtig, dass sie noch Spuren sichern kann. Mit einer… hm, ja… Sperma-Probe sucht sie das nächste Labor auf, hat aber bereits einen konkreten Verdacht. Erst am Vortag wurden sie und Jeremiah von einem merkwürdigen Typen mit einer Hakenhand beobachtet. Seeeeehr verdächtig! Um ihre Intuition zu bestätigen, muss Nancy aber erstmal in die (leider leere) Tasche greifen, denn der DNS-Onkel will Cash sehen. So gerät Nancy schnurstracks in eine Gewaltspirale, die an Blutrünstigkeit und Absurdität keine Grenzen mehr kennt.
Ich habe… Fragen
Und zwar am meisten an mich selbst gerichtet, denn ich hatte wahrscheinlich viel mehr Spaß an dem Comic, als ich sollte. Man muss einem derben Humor schon offen gegenüberstehen, sonst knallt einem fast im Seitentakt die Kinnlade auf den Tisch. Johnny Ryan, Autor und Zeichner von „Wer hat mein Pferd vergewaltigt?“, zieht ohne Zweifel sämtliche Register des „schlechten“ Geschmacks, denn beim Umnieten des armen Pferdchens bleibt es nicht. Ohohooo nein, es wird gemeuchelt, gesplattert, verstümmelt und gegen so ziemlich alles geschossen, was selbsternannte Moralapostel nachts ruhig schlafen lässt. Nancy zieht als selbsternannter Racheengel eine Blutspur hinter sich her, der John Wick, Paul Kersey, Oh Dae-su oder Beatrix Kiddo nur voller Neid folgen könnten. Selbst die Gitter des knallharten Kindergefängnisses können sie auf ihrem brutalen Feldzug auf der Suche nach Genugtuung nicht stoppen. FÜR JEREMIAH!!!
Tja, und erdacht hat sich den kranken Scheiß ein (wahrscheinlich sehr kranker) Mann namens Johnny Ryan. Geboren in Boston, Massachusetts, schrieb John F. Ryan IV (klingt gleich viel seriöser, nicht wahr?) für die preisgekrönte Show „Looney Tunes Cartoons“ und den Animationsfilm „Ein klebriges Abenteuer: Daffy Duck und Schweinchen Dick retten den Planeten“, doch seine Wurzeln liegen im Underground-Comic. 1994 veröffentlichte er seine politisch inkorrekten „Angry Youth Comix“ noch im Selbstverlag, bevor er damit 2001 bei FANTAGRAPHICS unterkam. Über Comics wie „Blecky Yuckerella“, „The Comic Book Holocaust“ und „Prison Pit“ bis hin zu „Wer hat mein Pferd vergewaltigt?“, seinem aktuellsten Werk, ist Ryan seinem ziemlich simplen Cartoon-Stil weitestgehend treugeblieben. Anders wäre er wohl auch nie damit durchgekommen! Malt man sich jetzt einen eher realistischen Zeichenstil aus, dann… NEIN, das möchte man nun wirklich nicht. Der Comic ist – entgegen dem bunten Cover – komplett in schwarz/weiß. Die wohl beste Alternative, das blutige Treiben für Leserinnen und Leser gerade noch erträglich zu machen.
Schlussendlich muss ich mir wohl eingestehen, dass dieser zutiefst verstörende Humor mein Komik-Zentrum aus mir unerfindlichen Gründen ordentlich gekitzelt hat und ich nun mal anfällig für diese spezielle Art der Unterhaltung bin. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich nicht nur einmal laut losprusten musste. Und so beweist der Schweizer Verlag SKINLESS CROW nach Ed Piskors (1982 – 2024) „Red Room“ einmal mehr, dass es er sich neben seinem tollen Indie-Programm nicht vor kontrovers heißen Comic-Eisen fürchtet. „Wer hat mein Pferd vergewaltigt?“ ist der erste – in sich abgeschlossene – Band aus SKINNLESS CROWs „Märchen des Grauens“-Reihe.
Fazit:
Wer schon beim Titel oder dem Blick aufs Cover Schnappatmung bekommt, sollte es gleich lassen. Der Comic überschreitet so einige Grenzen und überrascht bis zur vollen Eskalation immer wieder mit Derbheiten unter der Gürtellinie und per-/diversen Tabubrüchen. Wer mit Leichenschändung (in Strichmännchen-Cartoon-Optik) kein Problem hat und auch abgetrennte Pillemänner gut wegstecken kann (also psychisch…, nicht… äääh… Ihr wisst schon), sollte mal einen Blick in die groteske Chaos-Welt von Johnny Ryan werfen. Als hätten „Der Pferdeflüsterer“ und „Lady Vengeance“ ein Kind gezeugt… ABER AUF CRACK!

Johnny Ryan, Johnny Ryan, Skinless Crow

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