Wasserschlangen

Erschienen: Mai 2021

Couch-Wertung

10
Story
Zeichnung

Story

Ein surreales Meisterwerk, das Grenzen sprengt. Wir brauchen unbedingt mehr von Tony Sandoval.

Zeichnung

Befremdlich, verstörend, gleichzeitig gefühlvoll und auf eine bizarre Art und Weise wunderschön und einzigartig.

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Marcel Scharrenbroich
Ein Comic-MONSTER, das sich an allen Sinnen festsaugt!

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Aug 2021

Cruel Summer

Die junge Mila verbringt den Sommer weitestgehend allein. Zieht sich in die Natur zurück, genießt die Abgeschiedenheit. Die Ruhe. Beim Schwimmen trifft sie dann auf das Mädchen Agnes, das sie vom Ufer aus beobachtet hat. Im ersten Moment noch überrascht, fühlt sich Mila jedoch schnell zu Agnes hingezogen. Die abenteuerlustige Fremde weckt etwas in ihr, das sie bisher nicht kannte. Vor allem Agnes‘ Zähne üben einen unnatürlichen Reiz auf die Tochter eines Zahnarztes aus. Mila geht das Mädchen nicht mehr aus dem Kopf. Auch nicht ihre Zähne, von denen Agnes behauptet, dass sie Geister wären. Wandelnde in einer Zwischenwelt. Bei einem weiteren Treffen möchte sie Mila mehr über deren Abenteuer erzählen. Klingt verrückt… jedoch ebenso faszinierend. In Agnes‘ Zimmer kommen die beiden sich näher. Küssen sich. Speziell für Mila ein mehr als magischer Moment, der ihre Hormone Achterbahn fahren lässt. Doch auch denkwürdig für Agnes, die kurz darauf einen glitschigen schwarzen Kraken hochwürgt. Geschockt ergreift Mila die Flucht…

Nur der Anfang eines skurrilen Abenteuers. Von Agnes‘ Bruder erfährt Mila, dass Agnes bereits vor elf Jahren starb. Ein weiterer Schock. Hatte sie sich mit einem Geist angefreundet? Diesen sogar geküsst? Mila kann diese überraschende Neuigkeit kaum verarbeiten und sucht Gewissheit. Sie sucht Agnes. Und diese erzählt ihr die Geschichte, wie sie als kleines Kind erstmals auf den schwarzen Kraken traf…

Der Sommer neigt sich dem Ende zu. Der Herbst naht… und mit ihm eine erbitterte Schlacht.

Was. Zur Hölle. Habe ich. Da gerade. Gelesen?

Eine berechtigte Frage, die ich mir nach dem Zuklappen des übergroßen Hardcover-Albums stellte. Und zwar so lange, bis ich das Buch wendete, versuchte mein ratterndes Hirn zu leeren, und erneut begann. Und ich kann jetzt schon sagen, dass es bei diesen beiden Lese-Durchgängen nicht bleiben wird. „Wasserschlangen“ verlangt regelrecht danach, dass man sich länger damit beschäftigt. Wir haben vordergründig eine Coming-of-Age-Geschichte, die allerdings nur einen Teil des verschlungenen Genre-Potpourris einnimmt. Lovecraft’sche Horror-Elemente finden sich ebenso, wie surreale Elemente, die an die markante Phantastik eines Tim Burton erinnern. Die Grenzen verschieben sich immer weiter. Die Übergänge sind fließend, und irgendwann fragt man sich, wann genau die Geschichte in übernatürliche Sphären abdriftete. Und tat sie dies überhaupt? Man wird unweigerlich an einen Punkt kommen - manch einer früher, andere wiederum später -, wo man aufhört Fragen zu stellen, sich einfach nur noch treiben lässt. Ein Gefühl, dass die Geschichte und ihre berauschenden Bilder die Oberhand gewinnen. Bahnt sich dieses Gefühl an, lasst es zu. Es hilft ungemein.

Das Comic-Jahr 2021 hat bislang wahrlich viele Höhepunkte hervorgebracht. Quer durch alle Genres, scheint die Kreativität der Schaffenden schier unerschöpflich. Der mexikanische Künstler Tony Sandoval setzt dem Ganzen schon verfrüht die Krone auf, da mich „Wasserschlangen“ auf so vielen Ebenen fasziniert. Die Story setzt voraus, dass man sich voll und ganz auf sie einlässt. Sie antwortet nur selten auf Fragen, bietet aber viele Möglichkeiten zum Entschlüsseln. Das mag ich persönlich sehr. Grenzen sprengende Unterhaltung der anspruchsvolleren Art, bei der Spielraum zur Verfügung steht, der mit der Fantasie der Leser gefüllt werden will. In Sandovals Horror-Märchen für Erwachsene scheint vieles möglich, jedoch nichts unmöglich. Zarte Gefühlsbande, beängstigende Bilderfluten, abenteuerliche Schlachten in schwer greifbaren Traumwelten. Ein Ausnahme-Werk, welches zu keiner Zeit vorhersehbar ist.

Mit unförmiger Formel zur Höchstform

Wem der Look der Figuren auf dem Cover schon nicht gefällt: lasst es direkt ganz sein. Ist man aber ungewohnt anmutenden Stilen von Haus aus nicht abgeneigt: greift zu! Übergroße Köpfe mit entarteten Gesichtszügen auf spindeldürren Körpern können im ersten Moment befremdlich wirken. Lässt man sich aber auf Tony Sandovals eigenwilliges Charakterdesign ein, wird man der kreativen Umsetzung schnell verfallen. Denn selten habe ich eine Symbiose von Wort und Bild gesehen, die in sich harmonischer erscheint. Als würden Puzzleteile ineinandergreifen. Die kafkaeske Geschichte erweckt den Eindruck, dass sie ohne die verträumt-verzerrten Bilder nicht existieren könnte. Unmöglich die erzielte Wucht erreichen könnte. Und umgekehrt verhält es sich genauso.

Sieht man nun einmal von der Stil-Frage ab, die entweder auf den ersten Blick für Zustimmung sorgt oder eben nicht, durchzieht „Wasserschlangen“ auf der vermeintlich realen Ebene eine zarte Melancholie. So zart, wie eine Brise des Sommers, der langsam aber sicher sein letztes lauwarmes Lüftchen über diese farblich entsättigte Welt pustet. Die grau-düstere Welt übt noch mal einen ganz eigenen Reiz aus und nur wenige farbliche Highlights stechen kräftig hervor.

2019 war „Watersnakes“, so der Originaltitel, gleich dreimal in wichtigen Kategorien für den renommierten Eisner Award nominiert. Dem wohl wichtigsten Preis der Comic-Branche. Vollkommen verdient und vielleicht sogar ausschlaggebend dafür, dass wir nun auch in den Genuss dieser phantastischen Arbeit kommen, die gleichzeitig Tony Sandovals Debüt auf dem deutschsprachigen Markt darstellt. Das Sonderformat, welches der CROSS CULT Verlag für diese Veröffentlichung gewählt hat, ist dabei goldrichtig. Zusätzlich verfügt das Buch noch über einen Schutzumschlag, was man auch nicht mehr alle Tage sieht.

Fazit:

Mehr geht nicht. „Wasserschlangen“ ist ein Biest von einem Comic. Eher ein Gesamtkunstwerk. Ein tiefschwarzer Onyx, der jedem Brillanten die Strahlkraft raubt. Tony Sandoval legt die künstlerische UND erzählerische Messlatte in schwindelerregenden Höhen ab.

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