Was du nicht siehst

Erschienen: September 2014

Couch-Wertung

8
Story
Zeichnung

Story

Ein trauriges Einzelschicksal, das über den Tellerrand blicken lässt und geschickt ein melancholisches Gesamtbild einfängt.

Zeichnung

Cartoonartige Inszenierung mit ungewöhnlicher, aber passender Farbgebung und überzeugender Symbolsprache.

Leser-Wertung

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Marcel Scharrenbroich
(K)eine Liebesgeschichte

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mär 2018

Das Unvermeidbare

Monotonie kann der Todesstoß für jede Beziehung sein. Kehren erstmal der Alltag und die Langeweile ein, verdunkelt sich jede noch so rosa-rote Brille und immer mühsamer flatternde Schmetterlinge lassen sich bald nur noch in Graustufen erahnen. Ein einzelner Satz kann schmerzhafter sein als jede noch so scharfe Klinge. Eine Klinge, die sich eiskalt ins Herz bohrt und es in zwei Hälften bricht. Gesagtes ist gesagt… alles Folgende ist nur noch Schadensbegrenzung und wirkt so belanglos, wie ein kalter, kurz zischender Wassertropfen auf einem glühend heißen Stein, der in seiner Form mal einem Herzen ähnelte… Der Bruch ist da und allgegenwärtig. Kein Restaurator der Welt kann diese Sprung kitten oder übermalen. Das vollkommene Auseinanderbrechen ist nur eine Frage der Zeit.

So ergeht es auch Will, dessen Beziehung auf sehr dünnem Eis steht. Als an einem Sonntagmorgen eine unsichtbare Macht, in Form eines undefinierbaren Schatten, in seinen Körper fährt, seine Lippen formt und ihn die Worte „Du bist einfach nur noch langweilig“ zu seiner Freundin sprechen lassen, wird eine unaufhaltsame Maschinerie in Gang gesetzt, die auf das Unvermeidbare hinausläuft. Vorwürfe und Misstrauen läuten das Ende der Beziehung ein und Wills Gedanken fahren, auf dem direkten Weg Richtung Einsamkeit, Achterbahn. Fokussiert aufs Smartphone, das schier unendlich auf eine erhoffte Nachricht warten lässt und tief versunken, starr auf den leeren Posteingang-Ordner des E-Mail-Postfachs blickend, entgeht Will eine Welt, die Chancen und Möglichkeiten bietet… wenn man nur hinsieht.

Öffne die Augen

Doch nicht nur Will, der vollkommen mit sich selbst beschäftigt durch einen nebeligen Tunnel in Richtung der Endstation, mit dem Namen „Einsamkeit“, taumelt, scheint immun für die Dinge, die außerhalb seines Blickfeldes passieren. „Was du nicht siehst“ reißt auch eine Menge anderer Einzelschicksale an. Menschen, die ungenutzten Gelegenheiten nachtrauern. Menschen, denen ihr verlorenes Zeitgefühl erst zu spät bewusst wird. Menschen, denen die Magie, die das Leben bieten könnte, verwehrt bleibt… weil sie nicht hinsehen.

Für uns sind nur die Dinge, die wir sehen können greifbar. Fantasie ist Fantasie. Das Unvorstellbare wird mit dem Unmöglichen gleichgesetzt und KANN deshalb nicht geschehen… nicht in unserer Wirklichkeit. Aber ist dem wirklich so? Bisher hat niemand Bäume gesehen, die sich selbst entwurzeln und tänzelnd durch den Wald schreiten. Niemand sah Gespenster, die nachts an Fenstern vorbeischweben. Pelzige Außerirdische, die zum Zeitvertreib Asteroiden Richtung Erde schleudern sind vollkommen utopisch und deshalb auch vollkommen ausgeschlossen. Vielleicht… vielleicht aber auch nicht… hätte mal jemand hingesehen.

Eine kurze Geschichte, die lange nachwirkt

So unscheinbar das kleinformatige, recht dünne Buch des britischen Autors und Illustrators Luke Pearson auch daherkommen mag, umso größer sind doch die Fragen, die es aufwirft. Seine poetische Momentaufnahme, die vordergründig über das Scheitern einer Beziehung berichtet, erzählt in seiner Symbolsprache so viel mehr. Eine melancholische Geschichte, dessen geschickt eingeflochtene Metaphern den Leser nachdenklich stimmen. Was Luke Pearson, der durch seine erfolgreiche und preisgekrönte Kinder- und Jugendbuch-Reihe „Hilda“ (ebenfalls erschienen bei Reprodukt) international auf sich aufmerksam machte, mit „Was du nicht siehst“ auf überschaubaren vierzig Seiten mitteilt, schaffen andere Comic-Bücher nicht auf Dreihundert und mehr. Eine kleine Perle, die der Reprodukt-Verlag in einem schicken, matten Hardcover-Format veröffentlichte und die den Leser nachdenklich stimmt.

Pearsons cartooneske Zeichnungen, die rein optisch auch ein jüngeres Publikum ansprechen würden, richten sich eindeutig an eine erwachsene Zielgruppe. Seine rundlichen Charaktere und die fantastischen Auswüchse sind in ungewöhnlichen schwarz-weiß-orange-Farben getaucht und tragen den melancholischen Grundton der ungewöhnlichen Geschichte… zu der man gerne hinsieht.

Fazit:

Trotz seines geringen Umfangs gelingt es Autor Luke Pearson den Leser mit „Was du nicht siehst“ (im Original: „Everything We Miss“) an der richtigen Stelle zu kitzeln. Er stellt die wichtige Frage nach dem, was passiert, wenn wir an bestimmten Punkten in unserem Leben in die falsche Richtung blicken und was uns durch diese verpassten Möglichkeiten, die dort offenbart werden, verwehrt bleibt. Seine dazu dargestellten Ausuferungen ins Fantastische bieten Raum für Interpretationen und Spekulationen. Spekulationen über eine Welt, die uns vielleicht bisher nur durch fehlende Weitsicht und übertriebener Fokussierung auf uns selbst verborgen blieb. Augen auf!

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