Text:   Zeichner: Barbara Stok

Vincent

Vincent
Vincent
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Marcel Scharrenbroich
7101

Comic-Couch Rezension vonOkt 2026

Story

Das Künstlerleben ist schwer. Das merkt auch van Gogh, dessen psychischer und körperlicher Verfall hier Hauptthema ist.

Zeichnung

Gewöhnungsbedürftig, aber nach kurzer Zeit durchaus zugänglich. Die an Werke des Künstlers erinnernden Farben stechen besonders hervor.

Genie und Wahnsinn: Eine schmale Grenze

In den Wahn gemalt

1888 beschließt der Maler Vincent van Gogh, der Großstadt Paris den Rücken zu kehren. Es geht in die Provence, wo der Niederländer sich neue Inspiration erhofft. Stets am Existenzminimum lebend, könnte der Ortswechsel gleich auf mehreren Ebenen Früchte tragen. Vorrangig soll der Aufenthalt van Goghs Gesundheit dienen, doch von Luft und Liebe allein lässt es sich schwer leben. Finanziell anhängig von seinem jüngeren Bruder Theo, könnte eine gesteigerte Produktivität – inspiriert von der Flora und Fauna der neuen Heimat – dafür sorgen, dass die Malerei ihn unabhängig macht. Der Kunsthändler Theo van Gogh verkauft derweil die Gemälde seines Bruders, die dieser ihm überlässt, und finanziert Vincent dafür den Lebensunterhalt. Braucht er Geld, korrespondiert er schriftlich mit Theo. Das meiste Geld fließt umgehend in neue Malutensilien. Und kaum in der Provence angekommen, stürzt sich Vincent voller Elan in die Arbeit.

Er malt wie ein Besessener. Unzählige Motive. Zahlreiche davon gleich mehrfach. Als er dann ein Häuschen in Arles mietet, reift sein Traum, dort ein Atelier für die aufstrebenden Stimmen der Kunst zu etablieren. Ein Künstlerhaus, in das er den französischen Maler Paul Gauguin einlädt. Dieser nimmt an, sieht den Aufenthalt in Arles doch nur als Zwischenstation, während Vincents Psyche immer mehr zu entgleiten droht. Der Traum, die Kunstwelt zu revolutionieren, wird durch seine manischen Episoden, die auch Bruder Theo vom gemeinsamen Zusammenleben in Paris kennt, immer mehr zum Albtraum.

Überraschend „künstlerisch“

Die Niederländerin Barbara Stok („Die Philosophin, der Hund und die Hochzeit“), geboren 1970 in Groningen, widmet sich in ihrer Comic-Biografie „Vincent“ der wohl produktivsten Schaffensperiode des mit nur 37 Jahren verstorbenen Malers Vincent van Gogh (1853 – 1890). Der Begründer der modernen Malerei, dessen Stil – wie auch der von Paul Cézanne, Paul Gauguin, Georges Seurat oder Henri de Toulouse-Lautrec – dem Post-Impressionismus zugeordnet wird, hinterließ neben fast 2.000 Werken (darunter Gemälde und Zeichnungen) auch unzählige Briefe. Die meisten davon geschrieben im Austausch mit seinem Bruder Theo. In Stoks Graphic Novel immer wieder präsent, um auch einen Blick in die Vergangenheit der Brüder zu ermöglichen. Dabei ist es tragisch, den seelischen und körperlichen Verfall des Malers hautnah mitzuerleben. Erstaunlicherweise funktioniert das auf rund 140 Seiten nicht nur erzählerisch, sondern weitestgehend auch stilistisch.

Hier lag nämlich meine größte Sorge, denn Stoks Illustrationen könnten einfacher kaum sein. Die Charaktere unterscheiden sich nur minimal, doch markante Details machen den Unterschied. Im Falle von Vincent van Gogh recht einfach, indem Stok sein rotes Haar und den Bart als besondere Merkmale herausstellt. Viel mehr braucht es auch nicht, denn der Niederländer ist der alleinige Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. So ist man als Leser schnell auf ihn fokussiert und übersieht recht schnell, dass es sich bei den Bildern nicht um feinst ausgearbeitete Kunst mit Detailtiefe handelt. Viel mehr funktioniert die Graphic Novel durch die natürlich helle (augenscheinlich ebenfalls schlichte) Farbgebung. Hier wird man unweigerlich an die Arbeiten van Goghs erinnert, die wohl jeder schon mal irgendwo gesehen hat.

Vincents Erben

Wer es gerne detaillierter möchte, dem sei der künstlerisch höchst anspruchsvolle Film „Loving Vincent“ aus dem Jahr 2017 ans Herz gelegt. Der erste Spielfilm, bei dem jede einzelne Szene mit realen Schauspielern in Öl nachgemalt wurde. Ein internationales Team von Künstlerinnen und Künstlern arbeitete sechs Jahre an dem Projekt, um – inspiriert von van Goghs Stil – rund 60.000 Bilder zu erstellen, die das Leben und den tragischen Tod des Malers in 80 Film-Minuten ästhetisch eindrucksvoll und bis dato einzigartig beleuchten. 2023 folgte das historische Drama „Das Flüstern der Felder“, basierend auf dem Roman „Die Bauern“ von Władysław Reymont und ebenfalls unter der Regie von Dorota Kobiela und Hugh Welchman, welches das gleiche Prinzip nutzt, in diesem Fall aber zeitgenössische polnische Künstler als Inspirationsquelle herangezogen hat.

Wer es gerne komplett realistisch hat, wäre mit Julian Schnabels Biopic „Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit“ von 2018 bestens bedient. Als wäre Willem Dafoe in der Hauptrolle (die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte) nicht Grund genug für eine Sichtung, bekommt man hier großartige Bilder und einen durchweg starken Cast, darunter Rupert Friend, Oscar Isaac, Mads Mikkelsen und Emmanuelle Seigner. Wie auch Barbara Stoks Graphic Novel, folgt der Film den letzten Lebensjahren van Goghs und damit seiner Zeit in Arles mit Paul Gauguin.

Fazit:

Ein kleines, aber feines Buch, welches der CARLSEN Verlag da als schönes Hardcover herausgebracht hat. Wer sich für Kunst und speziell das Schaffen von Vincent van Gogh interessiert, sollte sich von der vordergründigen Einfachheit der Bilder nicht abschrecken lassen. Man kommt gut rein und verweilt dank der einladenden Farben gerne für ein Stündchen oder zwei in der malerischen Provence.

Vincent

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