Is God a DJ?
Hier bitte eine geläufige Bezeichnung für „Gesamtansicht eines dicht besiedelten Gebietes, welches durch seine Einwohner geprägt, in seiner Ansicht durch Strukturwandel, sozialem Gefüge, Lebens- und Sicherheitsgefühl wiederum unterschiedlich von diesen wahrgenommen wird“ einfügen
Wenn ich diesen Text gleich mit dem prägenden/stigmatisierenden Begriff „Stadtbild“ beginne, fliegen hier und da bestimmt ein paar Sicherungen raus. Selbst wenn mich auch nach Wochen der endlosen Debatten noch immer verwundert, dass eine simple Beschreibung dessen, was sich kürzlich erst zum Jahreswechsel nicht nur auf deutschen, sondern europäischen Straßen abspielte, zu Schnappatmung, aufgeplusterter Empörtheit und womöglich sogar spontaner Selbstentzündung führt, trifft diese nun wohl für immer negativ konnotierte Umschreibung den Comic-Nagel in diesem Falle direkt auf den Kopf. Das „Stadtbild“ ist in „Vernon Subutex – Teil Zwei“ nämlich nicht nur präsent, sondern der stumme Hauptdarsteller. Wobei das eigentlich falsch ist, denn Paris SCHREIT förmlich auf jeder mit Details vollgepackten Seite. Die gerne als „Stadt der Liebe“ romantisierte Metropole pulsiert, lebt und atmet. Nicht nur das, sie zuckt, röchelt und tanzt zum Beat, der durch die Straßen und Gassen wabert. Und Vernon Subutex gibt den Takt vor. Er dirigiert, dreht die Regler in knallroten Cowboyboots bis zum Anschlag. Von seinen feiernden Anhängern fast schon kultisch verehrt, schaffen die Sounds, die er auflegt, eine ganz eigene Bewegung. Happenings, die den Alltag vergessen lassen. Das Leben auf der Straße. Perspektivlosigkeit. Trauer. Wut. Angst. Der Messias hinter den Turntables. Wortkarg, im Hintergrund… und dennoch omnipräsent. Er lässt die Musik für sich sprechen. The Clash, David Bowie, Donna Summer, Nirvana und Leonard Cohen… sie alle fungieren als Sprachrohr des Maestros. Singen aus einer Kehle, um die Botschaft zu verbreiten… tanzt! Tanzt und… LEBT!
Vom Banlieue ins Milieu
Nachdem der titelgebende Vernon bereits im ersten Band die soziale Treppe heruntergepurzelt war, schlug er sich erfolgreich als Lebenskünstler durch den Alltag. Nach dem Couch-hopping bei alten Freunden und Weggefährten, hat es ihn letztendlich auf die Straße verschlagen. Täglich sitzt er auf einer klapprigen Bank, lauscht dem Treiben der Stadt, bevor er sein Nachtlager in umliegenden Parks aufschlägt. Er lauscht aber auch den Geschichten der Menschen, die mitteilungsbedürftig sind. Geschichten voller Tragik, selten heiter, dafür umso häufiger skurril und bisweilen höchst kriminell. Und er lauscht dem Vermächtnis des verstorbenen Rockstars Alex Bleach. Dessen Nachlass befindet sich in Vernons Besitz. Pure Lebensfreude, komprimiert in Nullen und Einsen. Ein USB-Stick mit dem Besten, was Musik zu bieten hat. Ja, Alex Bleach hat den Schlüssel gefunden… und Vernon Subutex ist bereit, die vibrierende Tür für alle zu öffnen.
Aus Drei mach Zwei
Mit mehr als 360 Seiten überragt dieser zweite und abschließende Band seinen eh schon wuchtigen Vorgänger noch einmal. Virginie Despentes, Autorin der Roman-Trilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ (KIEPENHEUER & WITSCH), überarbeitete ihr Werk für die Comic-Adaption vollständig, um die Geschichte für das grafische Medium zu optimieren. Ein geglücktes Unterfangen, auch wenn der Comic nur fortgeschrittenen Lesern bzw. Comic-Routiniers zu empfehlen ist. Der bisweilen recht wilde Zeichenstil des Franzosen Rénald Luzier, aka Luz, hat reichlich Underground-Charakter und kann oft herausfordernd sein. Definitiv kein Comic-Buch, welches man „verschlingt“ oder nebenbei liest. Die Vielzahl an Charakteren und Handlungssprüngen erfordern Aufmerksamkeit und Konzentration, sonst kann es einen bei dem hohen Tempo schnell aus der Kurve tragen. Das ändert aber nichts daran, dass „Vernon Subutex“ als Gesamtkunstwerk reichlich Eindruck bei mir hinterlassen hat. Eine musikalische, hin und wieder psychedelische Milieustudie zwischen Abgrund, Hoffnung und kurzen Herzschlägen voller Lebensfreude.
Fazit:
Eine gelungene Fortführung/Vollendung einer höchst ambitionierten Comic-Adaption. Einen kleinen Abzug gibt es für ausufernde Abzweigungen, die die eigentliche Hauptfigur etwas zu sehr in den Hintergrund stellen.

Virginie Despentes, Luz, Reprodukt



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