Vergiss mich nicht

Erschienen: Oktober 2021

Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Eine emotionale Reise ins Ungewisse. Bringt die Alzheimer-Erkrankung die Geschichte noch in Fahrt, ist es aber das Familien-Thema, welches den Motor namens „Vergiss mich nicht“ am Laufen hält.

Zeichnung

Ein fragiler Funny-Look, der nicht zu aufdringlich ist, um die Story ins Lächerliche zu ziehen. Nicht schön schlicht…, sondern schlicht schön.

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Marcel Scharrenbroich
WER SIND SIE???

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Dez 2021

„Warum behält man mich hier? Mir gefällt es hier nicht, und ich habe nichts Böses getan“

Eingesperrt in einem Gefängnis ohne Schlösser. In vier Wänden. Nicht den eigenen, sondern fremden Wänden. Gefangen in einer unbekannten Welt, die mit jedem Tag ein Stück unbekannter wird. Ringen nach Wörtern. Nach verblassten Gewohnheiten. Der klägliche Versuch eine Vergangenheit festzuhalten, die sich mit aller Kraft losreißen und immer weiter entfernen möchte. Ohne ersichtlichen Grund. Was heute ist und gestern war, ist längst verschwunden. Und was sich im Laufe eines Lebens fest eingebrannt hat, einen Menschen scheinbar für sein ganzes Leben prägte, ihn zu dem machte, der er ist, bald ebenfalls…

Marie-Louise lebt in einer Senioren-Residenz. Eine nette Umschreibung für den Ort, der aller Voraussicht nach die letzte Station ihrer Lebensreise sein wird. Gefallen tut es ihr dort nicht. Sie möchte weg. Nach Hause. Deshalb hat Marie-Louise auch schon mehrere gescheiterte Fluchtversuche aus der Einrichtung unternommen. Aktuell den dritten. Deshalb werden ihre Tochter und Enkelin Clémence ins Heim gerufen, da man dort für die körperliche Unversehrtheit der Dame verantwortlich ist. Zum Schutz von Marie-Louise (und selbstverständlich zur Absicherung der Einrichtung) schlagen die Verantwortlichen eine medikamentöse Behandlung vor. Eine „chemische Zwangsjacke“, wie Clémence es recht treffend auf den Punkt bringt. Eine Tatsache, mit der sich die Enkelin nicht abfinden kann und nicht abfinden will. Um ihre Großmutter, bei der sie größtenteils aufwuchs, da ihre Mutter beruflich stark eingespannt war, noch einmal lächeln zu sehen, handelt die angehende Schauspielerin kurzentschlossen. Clémence packt sich kurzerhand Marie-Louise, verfrachtet sie in ihr Auto und braust los. Ziel soll das Elternhaus von Marie-Louise sein. In der Hoffnung, dass ihr „Omilein“ noch einmal in schönen Erinnerungen schwelgen kann. Wie Clémence das allerdings der bereits alarmierten Polizei erklären soll, steht noch auf einem ganz anderen Zettel…

In eigener Sache

Bis vor gut zwei Jahren hatte ich mit Demenz und Alzheimer im Speziellen nur aus emotionaler „Distanz“ zu tun. Wobei dies nur halbwegs zutrifft, da ich die Schicksale während meiner Zivildienstzeit im Jahr 2002 nur schwer beiseiteschieben konnte. Für die überschaubare Zeit von zehn Monaten war ich in einer Pflegeeinrichtung für Senioren tätig, wo ich nach einer Einarbeitungszeit und einer gewissen Routine eine Frühstücksgruppe leitete und in beinahe allen Bereichen (außer der körperlichen Pflege) zur Hand gehen durfte. Arztbesuche, Betreuung an den Wochenenden, Unterstützung bei den Mahlzeiten, Vorbereitung geregelter Abläufe, Organisation, Reinigung, Wäsche, Ausflüge, Spaziergänge und stundenlange Gespräche mit Bewohnern. All dies gehörte zur Tagesordnung und mir wurde schon nach wenigen Tagen bewusst, wie entlastend eine helfende (wenn auch nicht gelernte) Hand sein kann. Sei es von Zivildienstleistenden, Praktikantinnen oder den zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, um das schwer arbeitende Personal wenigstens etwas zu entlasten. Viele dieser Einzelschicksale begleiteten mich noch nach dieser Zeit. Hauptsächlich aus zwei Gründen. Zum einen verlor ich plötzlich ein engstes Familienmitglied. Der Anruf erreichte mich mitten beim Frühstück mit „meinen Leutchen“. Das Angebot, für die verbleibenden fünf Monate aus dem Dienst genommen zu werden, lehnte ich aber ab. Darüber bin ich noch heute sehr froh, da die zehn Monate zwar nicht immer einfach waren, dafür aber bleibende Eindrücke und charakterliche Prägung hinterlassen haben. Das geht nahtlos in den zweiten Punkt über. Einen zweiwöchigen Lehrgang mit zahlreichen Unterrichtseinheiten. Unter anderem zum Thema Alzheimer. In einer buntem, tollen Zivi-Truppe, die in Rekordzeit zusammenwuchs, lernten wir in Experimenten hautnah, was „Altern“ bedeutet. Vor allem „würdevolles Altern“. Ein gegenteiliges Beispiel aus einer osteuropäischen Einrichtung hat sich in Form von Videomaterial bis heute eingebrannt. Und genau deshalb können wir für jede Einzelne und jeden Einzelnen dankbar sein, der sich heute für den Beruf einer Pflegekraft entscheidet. Ein psychischer und physischer Knochenjob, dessen Bedeutung man gar nicht hoch genug hängen kann. Seit knapp zwei Jahren besuche ich regelmäßig ein Familienmitglied mit fortschreitender Demenz. Nicht immer einfach, wenn man die Person sein ganzes Leben lang kennt und bei jedem Besuch in ihren Augen ablesen kann, dass sie gedanklich versucht, ihr Gegenüber sinnvoll irgendwo unterzubringen. Noch hat es jedes Mal >Klick< gemacht… aber das wird nicht immer so sein.

Alix Garin erzählt in „Vergiss mich nicht“ davon, dass Marie-Louise nach ihren beiden Fluchtversuchen mit Medikamenten ruhiggestellt werden soll. Eine Aussage, die ich eher skeptisch sehe, da solche „pflegeleichten“ Sedierungen bestimmt angewendet werden, jedoch mit Sicherheit nicht Gang und Gäbe sind. Wäre dem so, hätte ich als Zivi ein ziemlich laues Leben gehabt, denn es verging so gut wie keine Woche, in der ich mich mal nicht auf die Suche nach Bewohnern auf Wanderschaft gemacht hätte. Glücklicherweise immer mit Erfolg. Ebenso verhält es sich mit der körperlichen Reinlichkeit der Bewohner. Da wird in der Regel natürlich drauf geachtet. Defizite sollten unbedingt angesprochen werden, wobei mündige Bürger aber nicht einfach gegen deren Willen unter die Dusche gezerrt werden dürfen. Ein „Nein“ muss respektiert werden, so schwer dies auch zu akzeptieren ist. Generell wird die Pflege in der Graphic Novel recht schnell und einseitig abgewatscht, was ich mich diesem Absatz so nicht im Raum stehen lassen wollte. Schwarze Schafe gibt es zwar überall, doch sie führen nicht die Herde an. Eigene Beobachtungen, Erfahrungen sowie Berichte aus dem Freundes- und Bekanntenkreis beweisen (zum Glück!) das Gegenteil. Sollte der Pflegeberuf - was natürlich für Senioren-Einrichtungen UND Krankenhäuser gilt - aber weiterhin als selbstverständlich angesehen und dessen körperliche und seelische Anforderungen finanziell nicht attraktiv entlohnt werden, sehe ich persönlich Schwarz für die kommenden Jahre… und die eigene Zukunft.

Fragil

„Vergiss mich nicht“ verläuft nach dem Motto, dass der Weg das Ziel ist. Der Road-Trip des ungleichen Duos steht im Mittelpunkt. Dabei ist es nicht nur die betagte Marie-Louise, die auf Grund ihrer Demenz-Erkrankung Fehler macht. Nein, Cleménce ist weit über ihre Kurzschlusshandlung hinaus anzumerken, dass sie mit der Situation heillos überfordert ist. Gerade das gefiel mir an Alix Garins Geschichte so sehr. Cleménce wird quasi gezwungen, sich mit den Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Da ist es nur konsequent, den Blick ausschließlich aufs vermeintliche Ziel zu richten. Ihre Bauchentscheidungen sind es dann auch, die die beiden in haarsträubende Situationen verwickeln. Manchmal etwas arg nah daran, zu dick aufzutragen, für den Unterhaltungswert jedoch durchaus fördernd.

Ebenso dünn, wie das Eis, auf dem Clémence und Marie-Louise wandeln, sind auch Garins Zeichnungen. Ihr meist feiner Strich wirkt fast schon zerbrechlich. Näher am Funny-Look als am Realismus, was der Geschichte aber kaum etwas an Glaubwürdigkeit und absolut nichts in Sachen Tiefe nimmt. Die zarte, unaufdringliche Aquarell-Kolorierung passt sich sehr gut an und ist äußerst harmonisch. Die Rückblenden in die Kindheit von Clémence, die Aufschluss über die Beziehung zu ihrer oft abwesenden Mutter und der starken Bindung zu ihrer Großmutter offenbaren, kommen bis auf wenige Akzente weitestgehend farblos aus. Verschiedene Grautöne heben dies erzählerisch noch heraus.

Fazit:

Ein anrührender Road-Trip, auf den uns der SPLITTER Verlag da im hochwertigen Bookformat mitnimmt. Enkelin und Oma schmeißen sich Hals über Kopf in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Die Tatsache, dass Clémence mehr mit dem Herz als mit dem Kopf denkt und mit dem Thema Alzheimer nicht auf Du und Du ist, macht sie als Identifikationsfigur nahbarer. Eine tragikomische Fahrt mit ungewissem Ausgang und zugleich ein toller Beitrag zu einem Thema, das uns alle irgendwann mal betreffen könnte.

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