Trees 1: Ein Feind

Erschienen: November 2020

Couch-Wertung

8
Story
Zeichnung

Story

Ein rasanter Start in eine düstere Zukunftsvision. Viel Abwechslung, viel Atmosphäre und das stetige Gefühl einer unsichtbaren (und gleichzeitig mehr als deutlich sichtbaren!) Bedrohung, die sekündlich ausbrechen könnte.

Zeichnung

Gut, aber nicht sehr gut. Der rau-kratzige Stil passt zur Story. Highlights sind die ungewöhnlichen Blickwinkel und besonders denkwürdige Einzelbilder und Splash-Pages.

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Marcel Scharrenbroich
Gekommen, um zu bleiben

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Aug 2021

Extraterrestrische Schattenspender und irdische Unheilsbringer

Vor zehn Jahren lernte die Menschheit, dass sie nicht allein im Weltall ist. Ohne Vorwarnung landeten gigantische Gebilde, deren Beine sich tief in die Erde bohrten. Wie turmhohe Bäume ragen sie seitdem in die Luft. Ein weltweites Phänomen, das das Leben auf der Erde nachhaltig beeinflusst… und Forscher quer über den Erdball noch immer vor Rätsel stellt.

Doch damit dieses einschneidende Ereignis in der Menschheitsgeschichte folgenreiche Auswirkungen hat, bedarf es noch nicht mal das konkrete Eingreifen der (noch?) friedlichen Invasoren. Diese verhalten sich nämlich seit ihrer aufsehenerregenden Ankunft still. Um sie herum begann das hektische Treiben. Ganze Gebiete wurden abgeriegelt, Studien geführt und – wie sollte es anders sein? – Gegenmaßnahmen der kriegerischen Art unternommen. Es stellte sich jedoch heraus, dass Atom- und Biowaffen in der Nähe der „Bäume“ ihre Wirkung verloren. Unbrauchbar wurden. Einziges „Lebenszeichen“ der Besucher, ist das unregelmäßige Ablassen von Abfällen. Ein Vorgang, der sich erfreulicherweise gerade erst zum sechsten Mal ereignete, da die ätzende und alles zersetzende Flüssigkeit ganze Stadtteile überschwemmen kann. Und da die Landung meist in bevölkerten Metropolen stattfand, gleicht jede Entsorgung einer Katastrophe.

Unterm Strich lässt sie also sagen, dass unsere Welt neben altbekannten Problemen nun noch einen weiteren Krisenherd hinzubekommen hat. Und ebenso, dass die Menschen selbst im Angesicht außerirdischen Lebens nicht viel hinzugelernt haben und weiter altbekannten Mustern folgen: Misstrauen, Krieg, Machtspiele. Doch…

…es geschehen auch gute Dinge.

Beispielsweise in der „Sonderkultur-Zone“ Shu, einer abgeriegelten Stadt in China, die ihr Dasein im Schatten eines „Baumes“ fristet, und in der künstlerische Freiheit und Selbstverwirklichung noch großgeschrieben werden. Dorthin verschlägt es Tian Chenglei, einen jungen Künstler, der in der großen, weiten Welt Inspiration sucht. Er möchte dort lernen und zeichnen. Doch eigentlich ist der Junge aus der ländlichen Provinz eher auf der Suche. Auf der Suche nach sich und seinem Platz in dieser turbulenten Welt. An die Hand genommen wird er von der Transfrau Zhen, die den schüchternen Chenglei aus seinem Schneckenhaus holt und ihm ganz neue Möglichkeiten eröffnet.

Hier hören die positiven Dinge allerdings auch schon auf, denn blicken wir zeitgleich nach Italien, sehen die Dinge deutlich düsterer aus. In der sizilianischen Gemeinde Cefalù tut sich eine faschistische Gruppierung auf und versucht mit reichlich krimineller Energie die Macht zu ergreifen. Die junge Eligia steht unter dem Schutz des skrupellosen Tito, möchte sich jedoch immer mehr aus dessen Einfluss freischwimmen. Diese Möglichkeit erscheint ihr in greifbarer Nähe, als sie den alten Luca Bongiorno trifft. Und der Professor hat eine Menge Wissen, welches er an Eligia weitergeben möchte.

Wechseln wir vom sonnigen Sizilien in die frostige Einöde Norwegens. In Spitzbergen befindet sich eine bemannte Forschungsstation, deren Betreiber die Ankömmlinge aus dem Nirgendwo seit ihrem Eintreffen eifrig studieren. Viel zu vermelden gab es in letzter Zeit nicht… bis der Wissenschaftler Marsh am Fuß eines „Baumes“ schwarzen Mohn findet. Eine Pflanze, die es dort überhaupt nicht geben dürfte. Wie besessen versucht Marsh, dem Phänomen auf den Grund zu gehen… und macht eine Entdeckung, die alles verändern könnte.

Über Kunst lässt sich (nicht?) streiten

„Trees“ wurde vom erfolgreichen britischen Autor Warren Ellis geschrieben. Seine internationale Comic-Karriere startete er 1994 bei MARVEL und tingelte seitdem kreuz und quer durch alle erfolgreichen Verlage. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen „Transmetropolitan“, „Iron Man: Extremis“, „Planetary“, „Gravel“, „The Authority“ oder auch die Graphic Novel „RED“, die 2010 mit Bruce Willis, Morgan Freeman und John Malkovich verfilmt und 2013 im Kino fortgesetzt wurde. Mitte 2020 hatte es sich dann aber ausgetingelt, nachdem bekannt wurde, dass Warren Ellis sich zahlreicher Entgleisungen gegenüber Frauen schuldig gemacht haben soll. Demnach hat der Autor parallel mehrere Beziehungen unterschiedlicher Intensität geführt und seine Position ausgenutzt, um die Frauen zu manipulieren, was in einigen Fällen wiederum zu sexuellen Handlungen führte. Nach dem Öffentlich werden dieser Fehltritte, meldeten sich immer mehr Geschädigte und riefen eine Website ins Leben, auf der sie über ihre Erfahrungen berichten. Über 100 Fälle dieser Art sind mittlerweile bekannt. Ellis wurde daraufhin von allen großen Verlagen und ebenfalls von NETFLIX, für deren Animationsserie „Castlevania“ er alle Drehbücher schrieb, fallengelassen. Im Juni 2021 wurde kommuniziert, dass Warren Ellis damit begonnen hat, Kontakt zu einem Teil der Geschädigten zu suchen. Ob dies jedoch aus Reue geschah oder eher daran lag, dass alle potentiellen Arbeitgeber sich von ihm distanzierten, sei mal dahingestellt. Ebenso, ob man es von dieser Tatsache abhängig macht, seine Werke weiterhin zu konsumieren. Hier stellt sich wieder die Frage, inwieweit man als Leserin oder Leser in der Lage ist, Kunst und Künstler voneinander zu trennen. Ginge es danach, wären alle Filme von Kevin Spacey, sämtliche Produktionen aus Harvey Weinsteins Produktionsschmieden, Werke von H. P. Lovecraft oder jüngst auch die breite Comic-Palette eines Frank Miller tabu. Ein zweischneidiges Schwert.

Trotzdem hatte ich mit „Trees“ – trotz Magengrummelns – eine gute Zeit. Die Story stellt interessante Fragen und fühlt sich trotz der permanenten Anwesenheit außerirdischen Lebens zu keiner Zeit wie eine Alien-Invasions-Geschichte an. Auch die Tatsache, dass die Menschen sich nach zehn Jahren mittlerweile an den Besuch von Oben gewöhnt haben, setzt einiges an erzählerischer Finesse voraus. Wir erfahren – nicht zuletzt durch den dynamischen Wechsel der verschiedenen Erzählstränge – eine Menge über die letzten Jahre. Nur, dass sich dies niemals wie eine erzwungene Rückblende anhört, sondern beinahe beiläufig aus den unterschiedlichen Situationen und Gesprächen ergibt. Das erste Hardcover aus dem CROSS CULT Verlag enthält die ersten acht US-Hefte, was dann deckungsgleich mit dem ersten amerikanischen Paperback wäre. Und mit besseren Cliffhangern hätte man diesen Serienstart nicht beenden können…

Der Zeichenstil von Jason Howard ist weitestgehend überzeugend. Nicht spektakulär, aber der Geschichte angemessen. Die rauen Schraffuren passen zum dystopischen Setting und auch die farbliche Intensität passt sich gekonnt den Vorgängen an. Immer wieder gibt es größere Panels oder gar imposante Splash-Pages, die ich fast schon als überragend bezeichnen würde. Dafür (und für die perspektivische Vielfalt!) lege ich noch ein Pünktchen drauf.

Fazit:

Allein durch ihre stumme Anwesenheit treiben die Invasoren die Spaltung der Menschheit weiter voran. Dabei ist es anhand der verschiedenen Handlungsstränge spannend zu sehen, welche Auswirkungen die außerirdische Ankunft vor zehn Jahren auf die Welt hatte. An einem Punkt, wo Panik und Überraschung längst gewichen sind… und Platz für langwierigere Probleme einräumte. Es bleibt spannend, welche Abgründe sich noch auftun werden.

Trees 1: Ein Feind

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