Tinkerville Blues

Wertung wird geladen
Marcel Scharrenbroich
9101

Comic-Couch Rezension vonNov 2025

Story

Kleine Episoden, die das „Stadtbild“ von Tinkerville im Laufe der Jahrzehnte zeigen. Losgelöst interessant und Charakter-fokussiert, als großes Ganzes gesehen sogar großartig und clever miteinander verwoben.

Zeichnung

Stets atmosphärisch und das jeweilige Jahrzehnt passend wiedergebend. Sehr dynamisch und farblich stimmig angepasst.

Kleinstadt-Geheimnisse

Unter dem Brennglas

Da soll noch mal jemand sagen, das Kleinstadt-Leben wäre langweilig. Oberflächlich betrachtet stimmt das vielleicht sogar… aber schaut man genauer hin, findet man Dramen, Ängste und unerfüllte Wünsche. Eigentlich so, wie nahezu überall. Nur mag dies in einer ländlichen Kleinstadt, wo jeder jeden kennt, mehr auffallen, als in Großstädten, in denen die Menschen oft nebeneinanderher leben, anstatt miteinander. Tinkerville ist so eine Kleinstadt. Und hält man dort mal die Lupe drauf, kristallisieren sich menschliche Abgründe und tieftraurige Einzelschicksale heraus.

So werfen wir in „Blätter“ einen kleinen, aber intimen Blick hinter die Fassade einer äußerlich intakten Familie. Im Jahr 1940 träumten die Brüder Luke und Jimmy jedoch davon, was das Leben zu einem späteren Zeitpunkt bereithalten würde. Im Idealfall ohne ihren strengen Vater, der vor allem Luke, dem jüngeren der beiden, das Dasein zur Hölle machte. Doch sie würden aufeinander aufpassen, das hatten sie sich versprochen…

Von Versprechen und Loyalität handelt auch die Geschichte „Napalm“, die uns von der Trauerfeier des gerade verblichenen Sheriffs Bob McCullan zurück ins Jahr 1952 katapultiert, inmitten des Koreakriegs. Bob und sein Freund Jimmy hatten sich freiwillig zum Militärdienst gemeldet. Im Krisengebiet überwachten sie die Herstellung von Napalm durch die Südkoreaner. Zur Herstellung tödlicher Bomben. Tödlich ist ein gutes Stichwort, denn während ihrer Schicht kam es zu einem Zwischenfall, über den die Kameraden einen Jahrzehnte überdeckenden Mantel des Schweigens legten.

Geschwiegen wird in „Soul Train“ nicht. Wir schreiben das Jahr 1972 und der Disco-Sound ist ganz groß in Mode. Es wird getanzt, gefeiert und pure Musik gelebt, Baby! Allerdings geht nicht nur der Soul ins Blut, sondern auch andere Substanzen. Amber hängt an der Nadel, dabei hatte sie sich ein Party-Leben als weißes Girl im schwarzen Soul Train erträumt: Trevon Thibodeaux versprach ihr das Blaue vom Himmel, machte sie jedoch abhängig und schickte sie auf den Strich. Bis sein einstiger Freund Darnell sich gegen ihn stellte, bei der Polizei verpfiff und mit Amber aus dem Staub machte. Wohin? In Ambers alte Heimat Tinkerville…

Dort angekommen, sucht Amber nun ihre „Wurzeln“. Nach Jahren der Abwesenheit kann sie nun endlich wieder ihren Vater in die Arme schließen. Die Freude des Wiedersehens verhallt jedoch schnell. Es wird klar, wie tief die Gräben zwischen Vater und Tochter wirklich sind.

Spin-off

Chronologisch würde nach dieser Geschichte der separat erhältliche Band „Die Spinne“ einsetzen, welcher bereits im Jahr 2019 von KULT COMICS erstveröffentlicht wurde. Ein waschechter Psycho-Thriller, dessen Ereignisse gleich auf das Ende von „Wurzeln“ folgen und die Geschehnisse um Amber, Jimmy, Darnell und Bob weiterführen. Von Kleinstadt-Romantik und lokaler Kauzigkeit ist dann nicht mehr viel übrig, nachdem „Die Spinne“ aus heiterem Himmel einen U-Turn hinlegt und sich zum atemlosen Noir-Thriller wandelt.

Zeitgleich zur Veröffentlichung des Spin-offs „Tinkerville Blues“ wurde „Die Spinne“ in einer erweiterten Fassung erneut in den Handel gebracht. Zeichner Andreas Möller fertigte ganze 32 Seiten an, um die Story von Michael Mikolajczak auszudehnen. Wie bereits bei der Erstauflage, gibt es auch bei der erweiterten Neuausgabe sowohl das Standard-Hardcover, als auch eine limitierte Vorzugsausgabe mit signiertem Exlibris.

Künstlerisch umgewöhnen muss man sich nun nicht, denn Andreas Möller bleibt seinem Stil in „Tinkerville Blues“ treu. Tatsächlich ist dieser sogar ein Ideechen facettenreicher. Das zeigt sich besonders in dynamischen Tanz- uns Skate-Szenen, die dann auch farblich sehr ins Auge springen.

Vielschichtig

Damit, dass „Tinkerville Blues“ schließlich in „Die Spinne“ mündet, endet das Leseerlebnis aber nicht. Der Kurzgeschichten-Band hält mit „Kojote“, „Home Sweet Home“ und „Skate or Die“ nämlich noch weitere Storys bereit, die nach der Handlung des Hauptwerks angesiedelt sind. Nicht nur daran merkt man, dass Mikolajczak und Möller dieser Kleinstadt-Mikrokosmos mit seinen teils verschrobenen Charakteren am Herzen liegt.

Ganz besonders mag ich, dass Mikolajczak zwar von Einzelschicksalen erzählt, diese aber nicht ausschließlich im Fokus stehen. Zum einen behält er als Autor stets das große Ganze im Blickfeld, denn – wie bereits beschrieben – stehen die einzelnen Segmente in direktem Zusammenhang. Zum anderen fügt er aber nicht selten eine tiefere Ebene hinzu. So zum Beispiel in „Napalm“. Wie ich weiter oben schon schrieb, stehen hier Vertrauen und Loyalität im Mittelpunkt. Während dies bildlich und oberflächlich auf die Beziehung zwischen den Kameraden und Freunden Bob und Jimmy übertragen wird, kommt textlich aber noch die historische Ebene hinzu. Soll heißen, dass Jimmy, der in „Napalm“ von ihren gemeinsamen Erlebnissen berichtet, auch den Koreakrieg mit Daten und Fakten thematisiert. Und dort spielt besonders das Thema Loyalität eine politisch-zeitgeschichtliche Rolle. Erzählerisch ganz toll gelöst und eine absolute Freude, die „kleinen“ Geschichten weiter zu durchleuchten.

Fazit:

„Tinkerville Blues“ ist mehr als nur ein Spin-off. Es ist auch mehr als eine Sammlung von Kurzgeschichten, die lose durch ihren Handlungsort zusammengehalten werden. Das Kaff im Nirgendwo steht stellvertretend für einen x-beliebigen Ort, den man als Ansässiger nun einmal Heimat nennen mag. Schaut man mal genauer hin, lassen sich überall interessante Geschichten finden… aber auch Tragik und Schicksalsschläge. Gräbt man dann ein bisschen tiefer, fördert man eventuell sogar die Leichen im Keller zu Tage.

Tinkerville Blues

Ähnliche Comics:

Deine Meinung zu »Tinkerville Blues«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Alita:
Battle Angel

Der „Große Krieg“ ist seit 300 Jahren vorbei. Unter der gigantischen Himmelsstadt Zalem, der letzten ihrer Art, befindet sich Iron City. Hier sind alle Strukturen zusammengebrochen, was die Straßen - speziell nach Einbruch der Dunkelheit – zum gefährlichen Pflaster werden lässt. Im Jahr 2563 sind Cyborgs keine Seltenheit mehr und viele von ihnen verdienen sich ihr Geld als Kopfgeldjäger… sogenannte Hunter-Warrior. Titelbild: © 2019 Twentieth Century Fox

mehr erfahren