Time before Time - Band 01 (Hardcover)

Wertung wird geladen
Marcel Scharrenbroich
9101

Comic-Couch Rezension vonSep 2025

Story

Spannend und voller Wendungen. Ich bin gespannt, wohin die Reise mit Tatsuo und Nadia noch geht.

Zeichnung

Stylish und modern. Joe Palmers aufgeräumte Zeichnungen halten sich dezent zurück.

Zeiten ändern sich… mich… oder dich

Unbegrenzte Möglichkeiten / Unbegrenzte Fallstricke

Wer sich als Autor – egal ob für filmische Stoffe, Romane oder eben Comics – auf Zeitreise-Thematiken einlässt, hat entweder eine wasserdichte Story in petto oder schwer einen am Helm. Kaum ein Sci-Fi-Subgenre liefert mehr Hürden, über die man schneller stolpern könnte, als ein DeLorean auf 88 Meilen pro Stunde beschleunigt. Was mit H. G. Wells‘ Roman „Die Zeitmaschine“ bereits 1895 begann, ist noch heute ein beliebtes Thema, an dem sich die Kreativen gerne austoben. Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Robert A. Heinlein („Entführung in die Zukunft“), Stephen King („Der Anschlag“), Andreas Eschbach („Das Jesus-Video“), Connie Willis („Die Jahre des schwarzen Todes“), Michael Crichton („Timeline“), Stephen Baxter („Zeitschiffe“), Kerstin Gier („Rubinrot“) oder Wolfgang Jeschke („Der letzte Tag der Schöpfung“) verpackten das Zeitreise-Thema so unterschiedlich wie spekulativ. Was beispielsweise passiert, sollte man sich selbst begegnen, oder wie die Zukunft beeinflusst wird, sollte man die Vergangenheit ändern (Stichwort: Hitler frühzeitig alle Lichter auspusten) bzw. ob dadurch ein parallel verlaufender Zeitstrahl mit neuem Status Quo erzeugt wird, existiert nur in der Theorie. Spannend ist es aber allemal, denn fast jeder dürfte sich schon einmal gefragt haben, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er die eine oder andere Entscheidung anders getroffen. Vermurkstes noch mal geradebiegen, Unfälle verhindern, verblichenen Liebsten noch einmal in die Augen blicken… höchst menschliche und nachvollziehbare Wünsche, was das konstante Interesse an der Thematik durchaus erklärt. Vielleicht auch schlichter Abenteuer-Drang oder historische Neugier. Mal bei den Dinosauriern reinlünkern? Ötzi zu Lebzeiten das eiskalte Händchen schütteln? Den Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung über die Schulter schauen? Den Bau der Cheops-Pyramide beaufsichtigen? Eine La-Ola-Welle bei den ersten Olympischen Spielen starten? Ja, die Möglichkeiten wären unbegrenzt… aber wohl auch das Chaos, welches daraus resultieren würde, könnten Hans und Franz plötzlich nach Lust und Laune den Lauf der Dinge ändern.

So ist es extrem beliebt, ein solches Chaos verfilmt zu sehen. Und wenn wir ehrlich sind, sollten die meisten dort gezeigten Szenarien uns eine Warnung sein… was aber dem Unterhaltungsfaktor selten einen Abbruch tut. Abseits der seichten Blockbuster finden sich sogar echte Perlen, bei denen die Macher durchaus interessante und tiefgründige Aspekte herausgearbeitet haben. Zum Beispiel „Predestination“, basierend auf Heinleins Kurzgeschichte, der Indie-Streifen „The Endless“, der düstere Coming-of-Age-Klassiker „Donnie Darko“, Terry Gilliams dystopisches Meisterwerk „12 Monkeys“, das Thriller-Drama „Frequency“, der folgenschwere „Butterfly Effect“, die deutlich unterbewertete deutsche Produktion „Die Tür“, der Jack-the-Ripper-Krimi „Flucht in die Zukunft“, der spanische Geheimtipp „Timecrimes“ oder die kleine B-Produktion „The Caller“ aus 2011.

Wie aber die Drehbuchautorin Jantje Friese eine Serie wie „Dark“ auf die Beine stellen konnte, ohne komplett den Durchblick zu verlieren, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Wild miteinander verflochtene Familiengeschichten auf gleich mehreren Zeitebenen und dazu noch in verschiedenen, miteinander kollidierenden Welten. Uff… da wird einem schon beim Zuschauen schwindelig, lässt einen aber ebenso fasziniert zurück. Denn grobe Logik-Schnitzer lassen sich in den immer komplexer werdenden Staffeln nicht ausmachen. Und dann ist da ja noch der unumstrittene Klassiker der abenteuerlichen 80’s-Familienunterhaltung: „Zurück in die Zukunft“. Selten war ein altes und neues Publikum sich dermaßen einig, sodass ein Franchise ausnahmsweise mal keinen Generationenkrieg heraufbeschwört. Regisseur Robert Zemeckis und Drehbuchautor Bob Gale haben 1985 mit Michael J. Fox und Christopher Lloyd nicht nur eins der sympathischsten Duos der Filmgeschichte auf das Publikum losgelassen, sondern eine clever durchdachte Familiengeschichte erzählt, die die Zeit überdauert und noch heute massenweise neue Fans generiert. Leichtfüßig, humorvoll und ein Paradebeispiel dafür wie man wissenschaftlich höchst komplizierte Stoffe universell verständlich auf Blockbuster-Niveau bügelt.

Von „Flash Gordon“ bis „Doctor Who“, von „Spirou“ bis hin zu diversen Disney-Charakteren, ist das Reisen durch die Zeit natürlich auch im Comic-Medium beliebt. Im Superhelden-Genre Gang und Gäbe, gibt es aber auch abseits der „Avengers“ oder „X-Men“ großartige Stoffe, die sich dem Herumfuhrwerken in der Zeit widmen. In jüngerer Vergangenheit konnten so „Paper Girls“, „The Many Deaths of Laila Starr“ (beide CROSS CULT) und „Starhenge“ (SKINLESS CROW) begeistern. Letztgenannter Verlag hat eine weitere Serie im Programm, die es aktuell auf drei verfügbare Bände bringt. Reisen wir also noch mal zurück ins Jahr 2024 und schauen uns den ersten Band von „Time before Time“ mal etwas genauer an:

Es wird einmal sein werden…

In der Zukunft ist das Reisen durch die Zeit möglich. Fakt! Nehmen wir das mal als Gegeben hin. Das „Wie?“ und „Warum?“ soll auch nicht Dreh- und Angelpunkt sein, sondern das, was diese bahnbrechende Technologie für Folgen mit sich bringt und welche Gefahren sie birgt. Dass das Zeitreisen nämlich einen ausschließlich positiven Effekt hat, sollte man sich gleich mal abschminken. Denn wo viel Licht, da auch viel Schatten. Soll heißen, dass man die Technik nicht nur zum Wohle der Menschheit einsetzt. Dieses Credo hat sich das Unterwelt-Unternehmen, welches man weitläufig als „Syndikat“ kennt, auf die Fahne geschrieben. Für einen ordentlichen Batzen Kohle können interessierte Kunden einen Trip in die Epoche ihrer Wahl buchen. So können Verbrecher unbemerkt (und vor allem mit noch(!) weißer Weste) in der Vergangenheit abtauchen, betuchte Familien der dystopischen Gegenwart entfliehen oder begehrte Waren Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte durch die Zeit transportiert werden. Tatsuo Edwards ist ein Schmuggler für das „Syndikat“. Er bringt Kunden zum gewünschten Ort oder Lieferungen von A nach B. Nicht ohne Folgen, denn die Reisen mit den sogenannten Pods wirbeln die Organe der Reisenden ordentlich durcheinander. Langzeitfolgen nicht ausgeschlossen! Nicht nur deswegen möchte Tatsuo dem „Syndikat“ eher gestern als heute den Rücken kehren. Allerdings steht er bei seinem Boss finanziell in der Kreide. Im Geheimen plaudert er deshalb mit seinem Arbeitskollegen und Freund Oscar darüber, einen Pod zu stehlen und irgendwo/irgendwann abzutauchen. In der Theorie machbar, doch für Oscar durchkreuzt sich der Plan schon mit dem nächsten Auftrag. Von seinem Vorgesetzten erfährt Tatsuo, dass Oscar in den 3400er-Jahren gefangen genommen wurde. Zwar gelang ihm die Flucht, doch was für Tatsuo nur ein kurzer Augenblick war, war für Oscar ein halbes Leben voller Leid. Nun sitzt er als gezeichneter Greis vor seinem Freund, der mehr als zuvor alles zu hinterfragen beginnt.

Viel Zeit bleibt ihm aber nicht, denn als Tatsuo den Pod für den nächsten Job startklar machen will, wird ihm von einer jungen Frau eine Waffe vor die Nase gehalten. Sie verlangt von dem Schmuggler, ins Jahr 2042 gebracht zu werden. Genauer gesagt, den 19. Juni 2042. Nicht ganz einfach, denn das „Syndikat“ hat gegen den unerlaubten Ausflug etwas einzuwenden. Unter Dauerfeuer wird der Pod derart eilig durch die Zeit manövriert, dass eine genaue Zielführung zweitrangig ist. So landen Tatsuo und Nadia Wells, die sich als FBI-Agentin entpuppt, etwas abseits vom geplanten Kurs mitten im Nirgendwo. Und ehe sie sich versehen, haben nun beide Waffen vor der Nase. Und zwar von Mitgliedern der sogenannten „Union“… den Erzfeinden des „Syndikats“.

Spannende Story mit gutem (Zeit)fluss

Ich bin mehr als überrascht, dass die Geschichte – trotz des Herumhüpfens auf dem Zeitstrahl – derart zugänglich ist! Ob es daran liegt, dass ich mir das Hirn bereits bei mehreren Zeitreise-Filmen, -Serien, -Büchern und -Comics verrenkt habe, kann ich nur mutmaßen, aber die Autoren Rory McConville und Declan Shalvey bemühen sich redlich, den Einstieg nicht zu überfordernd zu gestalten. Mit Tatsuo Edwards bekommt man gleich einen Sympathieträger an die Hand, der in anfänglichen Gesprächen mit Oscar und seinem Boss Helgi alles Wissenswerte mit uns Lesern teilt. Der englische Zeichner Joe Palmer, den ich bisher überhaupt nicht auf dem Zettel hatte, sorgt mit seinem aufgeräumten Artwork dafür, dass die Panels nicht zum Bersten gefüllt sind und vom Geschehen ablenken. Der kantige Look der Charaktere gefällt mir gut und erinnert sehr an die animierte „Men in Black“-Serie der späten 90er, falls die noch jemand auf dem Schirm hat. Also ein durchaus moderner Anstrich, dem die unaufdringlichen Farben von Chris O’Halloran noch in die Karten spielen.

Wie bereits erwähnt, sind bislang drei Bücher der Reihe erschienen. Damit sollte SKINLESS CROW, wenn man sich an den US-Veröffentlichungen von IMAGE hält, nun die Hälfte der Geschichte veröffentlicht haben. Zuerst in 29 Einzelheften herausgebracht, bringen es die Trades nämlich auf sechs Ausgaben. Neben den Hardcover-Varianten bietet der Schweizer-Verlag auch alle bisher erschienenen Bände im kostengünstigeren Softcover an.

Fazit:

Ein spannender Thriller mit gut geschriebenen Figuren und stylishem Look. Wer auf Zeitreisen steht, sollte sich „Time before Time“ am besten schon vorgestern zulegen, denn übermorgen könnte es zu spät gewesen sein… oder so ähnlich. Arrrrgh… meine Synapsen brennen!!!

Time before Time - Band 01 (Hardcover)

Rory McConville, Declan Shalvey, Joe Palmer, Skinless Crow

Time before Time - Band 01 (Hardcover)

Deine Meinung zu »Time before Time - Band 01 (Hardcover)«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Alita:
Battle Angel

Der „Große Krieg“ ist seit 300 Jahren vorbei. Unter der gigantischen Himmelsstadt Zalem, der letzten ihrer Art, befindet sich Iron City. Hier sind alle Strukturen zusammengebrochen, was die Straßen - speziell nach Einbruch der Dunkelheit – zum gefährlichen Pflaster werden lässt. Im Jahr 2563 sind Cyborgs keine Seltenheit mehr und viele von ihnen verdienen sich ihr Geld als Kopfgeldjäger… sogenannte Hunter-Warrior. Titelbild: © 2019 Twentieth Century Fox

mehr erfahren