Thomas Mann - 1949: Rückkehr in eine fremde Heimat

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Kirsten Kohlbrei
9101

Comic-Couch Rezension vonMai 2026

Story

Biographie mit Zeitgeschichte verknüpft. Lebendig und informativ.

Zeichnung

Persönliches Empfinden wird empathisch aufs Papier gebracht. Schauplätze authentisch abgebildet.

Deutsche Reise

Der deutsche Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann ging nach der Machtergreifung der NSDAP 1933 als Regierungskritiker mit seiner Familie zunächst in die Schweiz, 1938 emigrierten die Manns in die USA.

Erst nach 16 Jahren im Exil, kehrte Thomas Mann im Juli 1949 nach Deutschland zurück.

Der Comic-Band erzählt von der Rückkehr des Autors in sein, in Besatzungszonen aufgeteiltes, Heimatland.

Goethe-Preisträger eines geteilten Deutschlands

Anstoß des Besuchs war die Verleihung des Goethepreis der Stadt Frankfurt, den der Prämierte trotz nicht abreißender Kritik an seiner Auszeichnung selbst entgegennehmen wollte. Begleitet von Ehefrau Katia sowie Tochter Erika trat Mann seine Europa-Reise an, die ihn von Schweden über England und der Schweiz zum Abschluss in die deutsche Heimat führte. Tragisch überschattet wurden die Reisepläne durch die Nachricht des Selbstmords von Sohn Klaus, die die Familie im Mai 1949 in Stockholm erreichte.

Am 24. Juli 1949 kamen Katia und Thomas Mann in Frankfurt am Main als erste Station ihrer Deutschlandreise an. Dort trafen sie auf Georges Motschan, ein Verehrer und alter Bekannter aus Schweizer Zeiten, der sich angeboten hatte, die Rolle des Chauffeurs zu übernehmen und vielmehr als das, in den langen Autofahrten ein vertrauter Gesprächspartner war. Tags darauf wurde der Preisträger vor der Paulskirche, dem Ort des Festakts der Vergabe, von einer jubelnden Menge begeistert empfangen, gleichwohl jedoch als jüdisch durchsetzter, habgieriger Nestbeschmutzer beschimpft.

In seiner viel beachteten Dankesrede zum Goethejahr, die Mann wenige Tage später auch im Weimarer National-Theater hielt, wo ihm ebenfalls umstritten der eigens gestiftete Goethe-National-Preis verliehen wurde, betonte er ausdrücklich, dass sein Besuch Deutschland als Ganzem und keinem Besatzungsgebiet gelten würde.

„Wer sollte die Einheit Deutschlands gewährleisten und darstellen, wenn nicht ein unabhängiger Schriftsteller, dessen wahre Heimat, wie ich sagte die freie, von Besatzungen unberührte deutsche Sprache ist.“

Blick zurück nach vorn

Die Reise durch Deutschland, mit weiteren Aufenthalten in München, Nürnberg und Bayreuth,   konfrontierte den Heimkehrer einerseits mit den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft, andererseits wurde sie für Thomas Mann zur Bestandsaufnahme der aktuellen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Situation des besetzten Landes.

Nun selbst vor Ort wurden Erinnerungen wach an die Schilderungen seiner Kinder Erika und Klaus nach deren Rückkehr in die deutsche Heimat. Auf einen Besuch ihrer Villa in München, die nach der Emigration von den Nationalsozialisten besetzt worden war, verzichteten die Manns auf den Rat des Sohnes. In Nürnberg hatte die Tochter als Beobachterin für die USA am Prozess teilgenommen und darüber auch dem Vater berichtet.

Nach den vielen Begegnungen mit Verantwortlichen aus Politik und Kultur belastete den Schriftsteller die bildliche Vorstellung „wie viel Blut wohl an den Händen klebt, die ich heute habe drücken müssen.“ Der ernüchternden Gewissheit, dass Handlungsträger des NS-Staats weiterhin oder wieder wichtige Positionen im sich im Aufbau befindenden Deutschland bekleideten, standen hoffnungsvolle Begegnungen mit politisch gleichgesinnten Bekannten aus früheren Zeiten, die die Jahre des Nazis-Regimes überdauert hatten, gegenüber. In Ostdeutschland begegnete ihm dazu die starke politische Einflussnahme der russischen Besatzungsmacht. Thomas Mann erlebte aber auch, wie er als Autor mit seinem Werk generell in Deutschland präsent war, etwa durch Straßennamen und dass ihm in bestimmten Personenkreisen große Wertschätzung entgegengebracht wurde, so wie von den Mitgliedern der 1949 neugegründeten Thomas Mann Gesellschaft Nürnbergs.

Erschöpft von der anstrengenden Reise und mit vielen ost- und westdeutschen Eindrücken wieder in Frankfurt eingetroffen, nahm das Ehepaar Mann am 3. August 1949 einen Zug nach Amsterdam und kehrte von dort per Schiffspassage zurück nach Amerika. Ins Tagebuch schrieb Thomas Mann:

„Bin gesund geblieben, habe schlecht und recht standgehalten.“

Fachlich untermauerte Erinnerungs-Sequenzen

Der Blick auf die Verfasser der Graphic Novel zeigt welch hoher eigener Anspruch bei der Erstellung des Bandes geltend gemacht wurde. Neben Autor Julian Voloj und Illustratorin Magdalena Adomeit war der Literaturwissenschaftler und Thomas Mann-Experte Friedhelm Marx an der Entstehung als fachlicher Berater beteiligt. Ein Vorgehen, das für die Verlässlichkeit von verwendeten Fakten und erzähltem Geschehen bürgt.

Entstanden ist eine eindrucksvolle Darstellung zu einem kleinen Kapitel der Literaturgeschichte, die biographische Elemente mit Zeithistorie harmonisch verknüpft.

Volojs Reisebeschreibung bildet den Reiseverlauf mit den einzelnen Stationen, Begegnungen und Vorkommnissen detailliert ab. Schön dazu am Ende die genaue Datenübersicht. Sein Bericht ist jedoch mehr als nur ein Protokoll. Vielerorts sind informativ Facts über Person und Werk sowie Zitate von Thomas Mann eingefügt. In Rückblenden werden Erinnerungen des Heimkehrers eingeblendet, Gedanken und aufkommende Gefühle benannt. In der Vorausschau wird die Rückkehr des Schriftstellers nach Amerika beschrieben und die Konsequenzen, die sich für seinen weiteren Aufenthalt in den USA durch den Deutschlandbesuch ergaben.

Adomeits realistische Bilder sind über weite Strecken in linearen Panels angeordnet, werden aber zwischendurch von auch ganzseitigen Illustrationen unterbrochen. Generell gedeckte Farben werden konsequent von beklemmenden Blau-Grau-Tönen und Schwarz abgelöst, sobald Geschehnisse der Nazi-Herrschaft thematisiert werden. Damit wird eindrucksvoll an die Schrecken dieser Jahre erinnert, ebenso wie die Bilder der Ruinenlandschaften eine Vorstellung von der allerorts sichtbaren Zerstörung im Land als Kriegsfolgen des deutschen Angriffskriegs geben.

Fazit:

Die neunte Kunst trifft Literaturgeschichte. Zusammen mit der kleinen Reisegruppe um Thomas Mann geht es auf die besondere Fahrt durch Deutschland 1949. Wissenschaftlich fundiert gibt die Darstellung der Heimkehr, als bedeutsame Episode in der Biographie des Autors, tiefgehenden Einblick in dessen Geisteshaltung und seine Empfindungen während jener Tage. Die Reisebeschreibung fängt dabei gekonnt die Stimmung im Land, mit polarisierenden gesellschaftlichen Meinungen und politischem Klima, ein. Im Gleichklang mit den Illustrationen wird das von Zerstörung noch schwer gekennzeichnete Nachkriegsdeutschland lebendig.

Thomas Mann - 1949: Rückkehr in eine fremde Heimat

Friedhelm Marx, Julian Voloj, Magdalena Adomeit, Knesebeck

Thomas Mann - 1949: Rückkehr in eine fremde Heimat

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