The Rocketeer (Neue Edition)

The Rocketeer (Neue Edition)
The Rocketeer (Neue Edition)

Erschienen: Oktober 2020

Erschienen: Oktober 2020

Couch-Wertung

8
Story
Zeichnung

Story

Charmant, leicht verdaulich und mit Abenteuer-Flair der alten Schule. Ich hatte ein paar sehr amüsante Stunden mit der vollen Ladung „Rocketeer“.

Zeichnung

Solide Zeichnungen, die in meinen Augen unter der digitalen Kolorierung von 2009 leiden. Das Bonusmaterial wartet dagegen mit künstlerischen Schwerkalibern auf.

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Marcel Scharrenbroich
Pulp meets Pin-Up

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mär 2021

Der Mann will hoch hinaus…

Eigentlich ist die Story schnell erzählt: Wir schreiben das Jahr 1938. Der Kunstflieger Cliff Secord ist ein tollkühner Draufgänger und zeigt regelmäßig sein Können bei Flugschauen. Der Kick am Steuerknüppel reicht ihm aber nicht, denn er möchte hoch… beziehungsweise noch höher hinaus. Im übertragenen Sinne. Denn Cliff möchte seiner hübschen Freundin Betty etwas Besseres bieten. Einen anderen, gehobeneren Lebensstil. Betty ist nämlich gerade dabei, die Erfolgsleiter emporzuklettern. Um unter dem glänzenden, aufgehenden Stern nicht gänzlich zu verblassen, bietet sich für Cliff genau die richtige Gelegenheit, um das Fotomodel zu beeindrucken…

Als zwei Ganoven, die sich eine wilde Verfolgungsjagd mit den Ordnungshütern liefern, in Cliffs alter Propellermaschine den notgedrungenen Ablageort für ihr Diebesgut finden, kann der erstaunte Showflieger sein Glück kaum fassen. In dem deponierten Bündel, das Cliff aus der Cockpit-Kanzel befreit, befindet sich eine Art Rucksack. Kein gewöhnlicher Rucksack, sondern eher etwas in der Art von „Raketenantrieb“. Anbei einige wichtige Dokumente. Diese besagen, dass es sich bei dem Fund um Regierungseigentum handelt. Regierungseigentum, das satte 200 Meilen pro Stunde auf den Tacho knallt, Baby! Na, wenn DAS nicht der Glücksgriff des Jahres… ach was, des JAHRZEHNTS ist!!!

Cliff denkt gar nicht daran, das gute Stück dem rechtmäßigen Besitzer oder gar der Regierung auszuhändigen. Dafür ist er viel zu sehr damit beschäftigt, sich den Dollarzeichen zu widmen, die in seinen Augen aufblitzen. Mit dem Ding wäre er DIE Attraktion bei allen Shows… und er könnte Betty endlich das Leben ermöglichen, das sie verdient. Und sie müsste sich nicht mit Marco, diesem schmierigen, aalglatten Kotzbrocken von Fotografen, rumtreiben… dessen Absichten Cliff eh glasklar sind.

Unverzüglich sucht Cliff seinen Tüftler-Freund Peevy auf. Dieser soll ihm einen windschnittigen und stylishen Helm zusammenklöppeln, damit er als „Raketenmann“ wie eine Kanonenkugel durch die Luft sausen kann. Peevy lässt sich breitschlagen und Cliff ignoriert unbeeindruckt dessen Warnungen. Dies soll sich beim ersten Einsatz rächen, aber es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen. Lange Zeit hat Cliff Secord eh nicht, um sich die Wunden zu lecken, denn hättet Ihr gedacht, dass niemand nach dem wertvollen Regierungsgut sucht? Seht Ihr… Cliff scheinbar schon.

Bettie und der Rocket Man

Die Überschrift dieser Rezension lautet „Pulp meets Pin-Up“, und seid Euch gewiss, von beidem gibt es zuhauf. Wäre die Kolorierung nicht (darauf kommen wir gleich noch zu sprechen), könnte man meinen, dass der Comic aus der Zeit käme, in der er spielt: den 30ern. Tut er aber nicht. Erschaffen wurde der „Rocketeer“ erst 1982. Und zwar vom amerikanischen Comic-Zeichner, Drehbuchautor und Produzenten Dave Stevens (1955 – 2008).

Dass Stevens eine große Vorliebe für Pin-Up-Models hatte, erkennt man auch ohne Blick in die informativen Texte im Buch. Dieser Vorliebe ist es nicht nur zu verdanken, dass Cliff Secords Freundin sich den Vornamen mit der berühmt-berüchtigten Bettie Page teilt, sie sieht auch noch aus, wie dieser Ikone aus dem Gesicht geschnitten. Inhaltlich bleibt die Comic-Betty (die sich wirklich nur durch die Schreibweise von ihrer Inspiration abhebt) erschreckend blass und darf höchstens in aufreizenden Posen oder als hilfebedürftige Madame in Nöten glänzen. Erfreulicherweise sind wird da heute nicht nur im Comic ein paar Schritte weiter. Für das damalige Akt- und Fetisch-Model Bettie Page (1923 – 2008) war „The Rocketeer“ nach dem Ende ihrer Karriere nochmals ein gewaltiger Schub und rückte sie wieder ins Rampenlicht. Es entstand sogar eine Freundschaft zwischen Dave Stevens und seiner Muse. Nach Comic-Auftritten in „The Betty Pages“, herausgegeben vom US-Publisher BLACK CAT COMICS, war das Model in gezeichneter Form auch bei DARK HORSE nicht untätig und ist seit 2017 kontinuierlich bei DYNAMITE unterwegs. Gleich mehrere Mini-Serien erschienen dort bislang, in denen die Comic-Inkarnation der Original-Bettie deutlich mehr Eier beweist, als ihr doch zu einfach gestricktes „Rocketeer“-Pendant.

Kommen wir noch mal auf die Kolorierung zurück: Die Zeichnungen generell sind auf recht gutem Niveau und die abenteuerlichen Retro-Stories haben durchaus ihren Charme. Lediglich die neue Farbgebung hat etwas an sich, das mich immer wieder rausgeworfen hat. 2009 wurden die Comics für die US-Gesamtausgabe von IDW von der Künstlerin Laura Martin modernisiert. Sie bekamen einen digitalen Anstrich, was man leider in jedem Panel sieht. Ich bin nicht grundsätzlich gegen digitale Kolorierungen, keineswegs. Es gibt tonnenweise Beispiele, bei denen ich mir nichts anderes vorstellen möchte, aber im Fall von „The Rocketeer“ beißt sich der glattgebügelte Stil mit dem Retro-Flair vergangener Tage. Neukolorierungen sind ja immer wieder mal Thema, wenn es um Wiederveröffentlichungen alter Klassiker geht. Positive Beispiele wären „Hard Boiled“ (CROSS CULT) oder der wuchtige erste „Swamp Thing“-Band von PANINI. Noch abenteuerlicher wird es, wenn selbst Modern Age-Comics neu eingefärbt werden, um sie mit Ach und Krach in eine Nische zu pressen… zuletzt so geschehen mit „Supergirl - Einfach super!?“ (PANINI), der schon für die US-Ausgabe in poppige Blau/Gelb-Töne umgemodelt wurde, um in die erfolgreiche Young Adult-Reihe von DC ink zu passen. Es ist und bleibt eine Frage des persönlichen Geschmacks, jedoch sollte man aufpassen, wie und womit man einen Comic verschlimmbessert.

Pfeil im Tank

Nicht erst durch MARVELs und DCs mal mehr mal weniger zusammenhängende Uni- und Multiversen eroberten die (zumindest meist optisch nur) eindimensionalen Comic-Figuren die Kino-Leinwände. Spätestens Tim Burtons „Batman“ zeigte 1989, dass gezeichnete Helden auch die Massen in die Lichtspielhäuser locken und die Kassen ordentlich zum Klingen bringen können. Da ließ man sich auch bei DISNEY nicht lumpen und zog mit. Beziehungsweise übertrug man Tochter-Gesellschaft TOUCHSTONE die Verantwortung, damit das familienfreundliche Image bei eventuellen Anzüglichkeiten oder Brutalitäten keinen Riss in der blitzblanken Fassade bekommen könnte. 1990 war es ausgerechnet der quietschbunte „Dick Tracy“, der für den Mäuse-Konzern ins Rennen ging. Die 30er-Jahre-Comic-Strip-Ikone konnte neben Warren Beatty, der auch Regie führte, mit hochkarätigen Hollywood-Stars der Güteklasse A aufwarten. So versammelten sich Madonna, Al Pacino, Dustin Hoffman, Charles Durning, Mandy Patinkin, Colm Meany, James Caan und der immer gern gesehene Dick Van Dyke, um ein grelles und die Maskenbildner forderndes Spektakel abzufeuern, welches 1991 gleich drei Oscars abräumen konnte. Damit teilt sich der Film noch heute das Podest mit „Black Panther“, der 2019 ebenfalls dreimal die Krallen nach dem begehrten Goldjungen ausfuhr. Bei einem Budget von 47 Millionen Dollar, welches bei den großen Studios heute nur noch für ein müdes Lächeln sorgen würde (zum Vergleich: Der desaströse „Wonder Woman 1984“ verschlang satte 200 Milliönchen), konnte „Dick Tracy“ mehr als das Doppelte seiner Kosten wieder einspielen, weshalb man bei DISNEY weiter an diesem Konzept festhielt.

1991 betankte Regisseur Joe Johnston („Jumanji“, „Captain America: The First Avenger“) den Raketen-Rucksack und ließ den „Rocketeer“ über die Leinwand fliegen. In die Titelrolle schlüpfte Bill Campbell („Bram Stoker’s Dracula“, „4400 - Die Rückkehrer“), während die strahlend schöne Jennifer Connelly („Die Reise ins Labyrinth“, „Dark City“, „A Beautiful Mind“) als Jenny Blake die Frau an seiner Seite spielte. Als Antagonisten konnte man Ex-007 Timothy Dalton („Flash Gordon“, „Doom Patrol“) gewinnen. „Rocketeer“-Schöpfer Dave Stevens schrieb sogar am Drehbuch mit und der großartige James Horner (1953 – 2015; „Aliens“, „Braveheart“, „Titanic“) sorgte für die musikalische Untermalung. All dies half leider wenig und letztendlich konnte der Film nur mühsam seine Kosten wieder einspielen. Dabei lag es mit Sicherheit nicht an der filmischen Qualität, denn noch heute ist der Streifen äußerst beliebt. Vielmehr hat Kevin Costner den Raketenmann im Alleingang vom Himmel geschossen. Zeitgleich, im Juni 1991, startete in den USA nämlich „Robin Hood - König der Diebe“, gegen den „Rocketeer“ den deutlich Kürzeren zog. Als dann rund zwei Wochen später noch James Camerons „Terminator 2 - Tag der Abrechnung“ anlief, war der Ofen ganz aus, da die beiden Schwergewichte das Rennen um den Film des Jahres unter sich ausmachten. Schade und irgendwie unverdient, denn „Rocketeer“ funktioniert auch nach dreißig Jahren noch und ist auf charmante Weise gealtert… Verzeihung, ich meinte „gereift“.

Fazit:

Dave Stevens schuf Anfang der 80er eine Liebeserklärung an die Pulp-Stoffe der 30er-Jahre. Interessant, dass diese auch rund 40 Jahre nach ihrer Entstehung noch funktioniert. Obwohl das klischeebeladene Rollenbild gerade heute noch mehr heraussticht, kann man mit der Gesamtausgabe ein paar schöne nostalgische Stunden verbringen. Das reichhaltige Bonusmaterial wertet den schönen Band nochmals auf.

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