Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Eine Geschichte wie ein Hammer- und Sichelschlag… selbst, wenn nur die Hälfte stimmt.

Zeichnung

Detailliert und ansprechend in Szene gesetzt. Die Figuren besitzen das gewisse Etwas und überzeugen durch charakteristische Merkmale, die sie erkennbar voneinander abheben.

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Marcel Scharrenbroich
Willkommen in Absurdistan

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mär 2018

Keine Widerworte!

Falls dem Leser das Lachen im Halse stecken bleibt und man durch ständiges Kopfschütteln gefährlich nahe am Schleudertrauma vorbeischrappt, dann hat einen die Geschichte an der richtigen Stelle erwischt und der groteske Funke ist übergesprungen. Wer sich mal einen Blick hinter die politischen Kulissen von sabberndem Machtgehabe, gierigen Ministern und deren skrupellosen Machenschaften gönnen möchte, sei herzlich zu „The Death of Stalin“ eingeladen. Doch vor der Trauerfeier kommt das Trauerspiel…

Wenn der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion sagt „Spring!“, hat als einzig erlaubte Resonanz höchstens die Frage „Wie hoch?“ zu gelten! Wenn der Generalsekretär auch noch auf den Namen Josef Wissarinowitsch Stalin hört, spart man sich diese Frage besser direkt und springt unaufgefordert… und wenn dieser dann eine Schallplatte eines gerade live im Radio ausgestrahlten Konzertes verlangt, welches erschreckenderweise nicht aufgezeichnet wurde, gibt man dieses unter keinen Umständen zu. Unter KEINEN Umständen… wenn man nicht im Gulag landen will. Nein, man fordert das Orchester einfach auf, das ganze Konzert noch einmal zu spielen, da es ja schließlich eine Ehre ist für Herrn Stalin musizieren zu dürfen. Wem diese Ehre nicht genug ist, dem bietet man einfach so viel Geld an, BIS es ihm eine Ehre ist. Man will den Generalsekretär ja nicht verärgern, denn WO geht es sonst hin? Richtig… in den Gulag.

Dass es den Diktator kurz nach dem Erhalt der angefragten… Verzeihung, der ANGEFORDERTEN Schallplatte aus den Schuhen haut, sollte aber nicht den Musikern angelastet werden. Einen Hirnschlag hat meines Wissens bisher nämlich noch kein Orchester der Welt ausgelöst. Nach diesem einstimmenden Prolog, der damit endet, dass Genosse Stalin zusammenbricht, beginnt die eigentliche Geschichte… und die ist an Absurdität kaum zu übertreffen.

Machtspielchen

Als in der Nacht das Telefon von Lawrenti Pawlowitsch Beria, dem Innenminister und Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (halten wir es kurz: KPdSU), klingelt und dieser bei seiner schweißtreibenden Schreibtischarbeit – mit einer jungen Gespielin – gestört wird, kann er sich bei der Neuigkeit über den Zustand des Generalsekretärs ein erstes diabolisches Grinsen kaum verkneifen. Jeder treue Gefolgsmann würde was als erstes tun? Genau… einen Arzt, Rettungswagen oder jedwede sonst verfügbare Hilfe für Rettungsmaßnahmen anfordern. Doch nicht so Beria. Kaum in Stalins Residenz angekommen, reißt er dessen private Aufzeichnungen an sich und informiert seine Komitee-Kollegen, um ein Treffen einzuberufen… während Stalins Leben weiterhin am seidenen Faden hängt.

Bis zum Eintreffen der anderen Mitglieder – Georgi Maximilianowitsch Malenkow, Nikita Chruschtschow, Anastas Mikojan, Lasar Kaganowitsch, und Nikolai Bulganin – sind bereits wertvolle Stunden vergangen und kaum ist man komplett – Wjatscheslaw Molotow (Erfinder des gleichnamigen IN-Getränks) hat man erstmal nicht angerufen… soll eh demnächst verhaftet werden – geht das machtgierige Tauziehen der anwesenden Herren auch schon in die erste Runde.

„Communism Academy 2: Jetzt geht’s erst richtig los!“

Natürlich müssen auch die Kinder des sterbenskranken Generalsekretärs informiert werden. Swetlana Allilujewa Dschugaschwili, Stalins Tochter, wird aus einer Vorlesung zum Krankenbett ihres Vaters gebracht, während sein Sohn, dessen Hobbys - Frauen und Alkohol - ihn sehr vereinnahmen, nicht auffindbar ist… vorerst nicht. So richtig haarsträubend wird die Geschichte aber erst nach dem Ableben von Josef Stalin. Die Obduktion des Leichnams (Todesursache: Schlaganfall), durch das „sorgfältig zusammengestellte“ Ärzte-Team, wird kurzerhand in die Garage verlegt. Mitten in ihrer Arbeit platzt Sohnemann Wassja herein und richtet die vermeintlichen „Mörder“ seines Vaters… besser gesagt, er pustet alle anwesenden Herren in Weiß einfach aus der Jacke.

Von den Proben zur Beisetzung, bis zur Herrichtung des Leichnams… vom Massaker an der sowjetischen Bevölkerung, die erst öffentlich eingeladen wurde, um Abschied vom Genossen Stalin zu nehmen, am nächsten Tag aber wieder ausgeladen wurde, bis zur öffentlichen, anklagenden Rede des Sohnes vor der Presse… von den skrupellosen Machenschaften des Zentralkomitees, das steif am runden Tisch im Politbüro über die Zukunft des Landes entscheidet, bis zum unrühmlichen Ausgang für eines seiner Mitglieder… Haarsträubend. HAAR-STRÄU-BEND!

Der Stoff wäre was für Hollyw… was? Haben die schon? Ach sooooo!

Jap, bereits am 29. März 2018 startet „The Death of Stalin – Hier regiert der Wahnsinn“ in den deutschen Lichtspielhäusern... allerdings hat nicht direkt Hollywood mitgemischt, denn es handelt sich um eine französisch-britische Co-Produktion. Der schottische Regisseur Armando Iannucci bringt die bitterböse Politsatire auf die große Leinwand und kann ein namhaftes Ensemble um sich versammeln: Steve Buscemi, Simon Russell Beale, Paddy Considine, Rupert Friend, Jason Isaacs, Michael Palin, Andrea Riseborough und Jeffrey Tambor konnten für die Graphic Novel-Verfilmung gewonnen werden und dürfen ihr Können in dieser rabenschwarzen Komödie unter Beweis stellen.

Dass es nach der Uraufführung Verbotsforderungen aus sowjetischen Regierungskreisen gab, dürfte anhand der brisanten Thematik nicht verwundern…

Realsatire aus französischer Feder

Zeichner Thierry Robin plante schon eine Stalin-Biographie bevor Autor Fabien Nury mit „The Death of Stalin“ an ihn herantrat. Robin befürchtete, auf Grund seiner Detailverliebtheit, jeden Rahmen zu sprengen und gab seine eigene Idee auf. Diese Wahl war bestimmt nicht die Schlechteste, denn das Endergebnis überzeugt auf ganzer Linie. Seine markanten Charakter-Zeichnungen – speziell die, der überzeichneten Gauner-Visagen der KPdSU-Mitglieder – passen wie die Faust aufs Auge und auch der Wechsel von klassisch angeordneten Panels zu Bild-in-Bild-Montagen und dynamischen Perspektiven ist gelungen und sorgt für Abwechslung. Die häufigen, schwarzen Schattierungen verleihen den Bildern die nötige Tiefe und tragen zur Atmosphäre bei. Ebenso die blassen Erdtöne bei der Farbwahl, die zwar kräftig daherkommen, aber nicht überstrahlen und somit dem Comic-Look der Charaktere einen gewissen Realismus verleihen.

Szenerist Fabien Nury („W.E.S.T.“, „Es war einmal in Frankreich“, „Atar Gull“) orientierte sich beim Schreiben von „The Death of Stalin“ an wahre Begebenheiten… was umso erschreckender ist. Allerdings gibt er auch zu, zugunsten der Dramaturgie, einige Freiheiten genutzt zu haben. So kamen beispielsweise die sowjetischen Bürger, die von Stalin Abschied nehmen wollten, nicht durch den wahllosen Kugelhagel des feuernden Militärs ums Leben, sondern starben durch eine Massenpanik… was das traurige Resultat leider nicht besser macht. Auch betont Nury, dass einige Begebenheiten in seiner Geschichte so passiert sein KÖNNTEN.

Im Bonusmaterial, am Ende des Buches, finden sich neben einigen Worten des Autoren/Zeichner-Duos auch zahlreiche unveröffentlichte Seiten, sowie Charakter-Zeichnungen und Skizzen von Thierry Robin. Ein ausführliches Nachwort wurde von Jean-Jacques Marie verfasst, einem auf die Geschichte der Sowjetunion spezialisierten Historiker und Stalin-Biographen. Marie geht hier auch auf die inhaltliche Überzeichnung in „The Death of Stalin“ ein und stellt einige Fakten klar.

Das knallrote Hardcover - mit schwarzer Stalin-Zeichnung - überzeugt durch hochwertige Qualität beim Druck und bei der Papierauswahl. Die dicken Seiten des großformatigen Bandes aus dem Hause Splitter, bieten den großartigen Zeichnungen von Robin genügend Platz zur Entfaltung.

Fazit:

Eine bitterböse Mischung aus Fiktion und historischen Tatsachen, die hinter die verschlossenen Türen blickt und das Ableben eines Alleinherrschers thematisiert. Ein absurder Machtkampf voller Intrigen und Denunziationen, Abhörungen und Verhaftungen von Bürgern und einem Politbüro, dessen Mitglieder sich auf ihrem machtgierigen Weg gegenseitig über die Klinge springen lassen würden. Grotesk… aber schwer unterhaltsam!

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