Text:   Zeichner: Posy Simmonds

Tamara Drewe

Tamara Drewe
Tamara Drewe
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Marcel Scharrenbroich
9101

Comic-Couch Rezension vonOkt 2026

Story

Posy Simmonds erschafft im fiktive Ewedown einen ganz eigenen Mikrokosmos voller Intrigen, Sehnsüchte und Eitelkeiten. Großartig erzählt!

Zeichnung

Etwas düstere, unheilschwangere Illustrationen, die in entsättigten Farben speziell im weiteren Verlauf der Geschichte den richtigen Ton treffen.

Mittelklasse-Drama im ländlichen Süden Englands

Dorf-Romantik… und -Tragik

Im urigen Dörfchen Ewedown, gelegen in der Grafschaft Dorset in Südwest-England, geht es eigentlich ziemlich ruhig zu. Die Dorfjugend kommt aus purer Langeweile auf dumme Ideen, während Fuchs und Hase sich regelmäßig zur selben Zeit Gute Nacht sagen. Das Ehepaar Beth und Nicholas Hardiman unterhält etwas abgelegen ihr Anwesen Stonefield. Bestehend aus einem Hof mit mehreren Gebäuden, dient Stonefield als Refugium für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die in der Abgeschiedenheit Ruhe suchen, um sich voll und ganz auf ihre Arbeit konzentrieren zu können. Nicholas ist selbst Schriftsteller und Autor der erfolgreichen Krimi-Reihe „Doctor Inchcombe“. Während er über neuen Ideen brütet, hält Gattin Beth ihm den Rücken frei. Nicht selbstverständlich, denn Nicholas hat es in der Vergangenheit mit der Treue nicht allzu genau genommen. Dennoch steht Beth seit 25 Jahren fest an seiner Seite, während der stattliche Andy sich um die handwerklichen Arbeiten auf dem Stonefield-Gut kümmert.

Der Alltag wird aufgebrochen, als die Klatsch-Kolumnistin Tamara Drewe plötzlich in ihren Geburtsort zurückkehrt, wo sie sich um den Verkauf des Häuschens ihrer verstorbenen Mutter kümmern will. Und es dauert nicht lange, bis die hübsche Tamara allen Männern im Ort den Kopf verdreht. Darunter auch Andy und Nicholas.

Ihr Auserwählter wird aber der Ex-Drummer einer angesagten Band, mit dem Tamara sich in eine leidenschaftliche Affäre stürzt. Ben Sergeant, so der Name des Rüpel-Rockers, hat sogar im einwohnerschwachen Ewedown einen kleinen aber harten Fan-Kern, was die Schülerinnen Jody und Casey auf den Plan ruft. Endlich ist mal was los in dem Kaff, was vor allem Jody, die heillos in Ben verschossen ist, auf zweifelhafte Spontan-Ideen bringt. Während Tamaras und Bens Abwesenheit dringen die Mädchen in Tamaras Haus ein, saufen, durchstöbern den Kleiderschrank der Konkurrentin und nutzen ihren Rechner für die Verbreitung verhängnisvoller E-Mails.

Damit bringen sie einen Stein ins Rollen, der die Idylle des Dörfchens unter seiner immer schwerer wiegenden Last zu begraben droht. Intrigen, Eifersucht, Affären und verletzende Worte sind nur der Anfang, während sich gleich mehrere Katastrophen anbahnen, aus deren Ausmaße die gesamte Stonefield-Belegschaft kreativ schöpfen könnte.

„Immer Drama um Tamara“

Es hätte eigentlich schon viel früher „KLICK!“ machen müssen, aber es brauchte einige Seiten, bis mir klar wurde, dass mir die Geschichte doch sehr vertraut vorkam. Zuerst ging ich davon aus, dass ich eventuell die Erstauflage der Graphic Novel, die bereits 2010 bei REPRODUKT erschien, gelesen haben könnte. Dem war nicht so, denn dann fiel mir wieder die Verfilmung von Stephen Frears („Mein wunderbarer Waschsalon“, „Grifters“, „High Fidelity“) aus dem Jahr 2010 ein, die ich sogar in meiner Besprechung von „Cassandra Darke“ (ebenfalls von Posy Simmonds) Anfang 2020 kurz erwähnte. Unter dem deutschen Titel „Immer Drama um Tamara“ veröffentlicht, bekam man zuerst die typischen RomCom-Vibes, was leicht in die Irre führen konnte. Im Vergleich deutlich leichtfüßiger als die doch eher tragische Graphic-Novel-Vorlage, geizte die Verfilmung weder mit bissig-britischem Witz, hitzigen Wortgefechten noch mit leicht überzeichneten Figuren. Gepaart mit der warmen Land-Ästhetik, die in den Zeichnungen nur bedingt durchschimmert, kommen die dramatischen Twists in der Verfilmung vielleicht gerade deshalb noch wuchtiger aus dem Nichts. Perfekt besetzt mit Gemma Arterton („Die Girls von St. Trinian“, „Prince of Persia“, „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ in der Titelrolle, ist „Tamara Drewe“ aber keineswegs die Art von Mittelpunkt-Figur, der unweigerlich alle Publikums-Herzen zufliegen, sondern eher Dreh- und Angelpunkt für allerlei Ent- und Verwicklungen, bei denen gleich ein ganzes Ensemble glänzen kann.

Königin der Mittelklasse

Die 1945 in Berkshire geborene Posy Simmonds arbeitete bereits seit 1969 als Cartoonistin. Zuerst mit täglichen und dann wöchentlichen Strips für „The Sun“ und später „The Guardian“, widmete sie sich Ende der 80er vermehrt dem Schreiben und Illustrieren von Kinderbüchern. Ihr erstes Kinderbuch „Fred“, über einen faulen aber liebenswerten Kater, der das Zeitliche segnet, erschien erst im Sommer 2026 als vollständig überarbeitete Neuausgabe bei REPRODUKT. Den Zeitungen blieb Simmonds aber weiterhin treu und so wurden ihre Geschichten „Gemma Bovery“, „Tamara Drewe“ sowie „Cassandra Darke“ über eine Zeitspanne von mehreren Jahren als Fortsetzungs-Geschichten zuerst im „Guardian“ abgedruckt, bevor sie gesammelt in Buchform erschienen. Ihr messerscharfer Blick auf die „Normalos“ der britischen Mittelklasse wurde zum Aushängeschild. Mit entlarvender Ehrlichkeit schaffte es Simmonds stets, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten und ebenso den Kulturbetrieb zu durchleuchten. In ihrer Karriere bereits mehrfach als „Cartoonist of the Year“ geehrt, folgte 2002 die Ernennung zum Member of the British Empire. Auf dem diesjährigen „Comic-Salon Erlangen“ wurde Posy Simmonds der renommierte Max-und-Moritz-Preis für ein herausragendes Lebenswerk verliehen.

Sowohl bei „Gemma Bovery“ als auch bei „Tamara Drewe“ schöpfte Simmonds Inspiration aus literarischen Klassikern. Während die Parallelen zu Gustave Flauberts „Madame Bovary“ (erstmalig 1857 als vollständiger Roman erschienen) bei erstgenanntem Werk quasi auf der Hand liegen, nahm sich Simmonds für „Tamara Drewe“ den 1874 veröffentlichen Roman „Am grünen Rand der Welt“ von Thomas Hardy als Grundlage.

Inhaltlich hat die Künstlerin uns derart viel zu erzählen, dass der Comic-Part immer wieder um fließende Textpassagen ergänzt wird. Freilich auch dem Umstand geschuldet, dass die Erstveröffentlichung zwischen 2005 und 2006 im „Guardian“ im wöchentlichen Turnus erfolgte und entsprechend Informationen untergebracht werden wollten. Erzählt aus unterschiedlichen Blickwinkeln, könnte man der wörtlichen Übersetzung von „Graphic Novel“ als Gesamtwerk aber wohl schwer noch näher kommen.

Fazit:

Entschleunigt, beeindruckend nüchtern und doch stets ereignisreich. Eine Verkettung von Schicksalen und tragischen Ereignissen, denen man sich in der ländlichen Idylle nur schwer entziehen kann. Sehr textlastig, aber nie langatmig. Der perfekte Comic-Roman für kühle Herbst-Abende.

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