Couch-Wertung

10
Story
Zeichnung

Story

Eine deutsch-deutsche Geschichtsstunde, die zu keiner Zeit mit dem erhobenen Zeigefinger wedelt und dennoch lehrreich wirkt. Ein humorvolles Abenteuer, das diesen Spagat spielend und sympathisch bewältigt.

Zeichnung

Tolle Architektur und tolle Kolorierung. Flix zeichnet Spirou… und Flix KANN Spirou! Mehr muss dazu nicht gesagt werden.

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Marcel Scharrenbroich
Rettung in höchster Not

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Sep 2018

„Einmal mit Profis, ey.“

Happy Birthday, herzlichen Glückwunsch und bon anniversaire, Spirou! Seit sagenhaften 80(!) Jahren erlebt der Hotel-Page in der markanten, roten Uniform nun schon spannende Abenteuer und teilt diese mit einer treuen, weltweiten Leserschaft. Seit 75 Jahren steht im dabei der Reporter und treue Freund Fantasio zur Seite und auch deren putziger Begleiter Pips ist nicht mehr wegzudenken. Erdacht wurde Spirou vom Franzosen Robert Velter, der die Figur für das Comic-Magazin des Verlages Dupuis kreierte und ihn zunächst mit allen möglichen Alltags-Situationen konfrontierte. Zwischenzeitlich übernahm der Belgier Jijé die Reihe und führte neben Fantasio auch den bezeichnenden Humor in die Geschichten ein. Als sein Landsmann André Franquin 1946 das Ruder übernahm, entwickelten sich die Charaktere langsam und tauchten in längeren Abenteuern auf, die sie um die ganze Welt schickten und in eine bis heute andauernde Kontinuität warfen.

Franquin erdachte auch das Fabeltier „Marsupilami“, das im palumbischen Dschungel beheimatet ist und neben seinen eigenständigen Stories ein wiederkehrender Charakter im „Spirou“-Universum wurde. Ebenso war es mit dem chaotischen Verlags-Boten „Gaston“, der seine ersten Gehversuche auch im „Spirou“-Magazin machte und später seine eigene, von Franquin betreute Reihe bekam. Franquin folgten im Laufe der Jahrzehnte noch einige Kreativ-Teams, die „Spirou und Fantasio“ mit weiteren Abenteuern versorgten und seit 2005 dürfen sich - neben den regulär erscheinenden Alben - auch von Dupuis ausgesuchte Künstler an dem Kult-Duo ideenreich austoben. Wem diese Ehre zuteilwird, darf sich geadelt fühlen und auch mal voller Stolz selbst auf die Schulter klopfen, denn neben „Asterix“, „Lucky Luke“ und „Tim & Struppi“ bilden „Spirou und Fantasio“ wohl unbestritten die Speerspitze der europäischen Comic-Kunst und zählen in ihrer Heimat - ebenso unbestritten - zum allgemeinen Kulturgut.

Wenn die Wahl dann auf einen deutschen Künstler fällt und diesem dann (unter dem wachsamen Auge des Verlages… also mehr oder weniger) freie Hand gelassen wird und die Handlung seiner Geschichte die Protagonisten auch noch nach Deutschland führt… ja, dann ist das schon eine kleine Sensation.

Nach dem Lesen von „Spirou in Berlin“ wurde mir klar, warum die Wahl auf den in Berlin lebenden Comic-Zeichner und -Autor Felix Görmann – besser bekannt als Flix – fiel. Und es stellte sich mir die Frage, für wen es im Endeffekt die größere Ehre war… für Flix oder den Verlag Dupuis? Denn, um eine Bewertung schon fast vorweg zu nehmen: Spirous und Fantasios Deutschland-Abenteuer ist ein grandioser Spaß geworden! Der Carlsen Verlag hat sich nicht umsonst ins Zeug gelegt und glaubte an das Können des Künstlers, welches letztendlich auch die kritischen Belgier überzeugte. Flix, dessen Werke seit 1998 in Büchern, Blogs und Tageszeitungen veröffentlicht werden und auch mehrfach ausgezeichnet wurden (unter anderem mit dem „ICOM Independent Comic Preis“, dem „Max und Moritz-Preis“ und dem „Rudolph Dirks-Award“), schafft das Kunststück, sich nicht weit von den Ur-Charakteren zu entfernen und gleichzeitig seine eigenen frischen Impulse einzuarbeiten. Auch gelingt die schmale Gratwanderung zwischen dramatischer Geschichtsstunde und humorvoller Spannung exzellent.

So… und während ich mir weitere Superlative einfallen lasse, die ich dann weiter unten zum Besten geben kann, gehen wir erstmal näher darauf ein, um was es in „Spirou in Berlin“ überhaupt geht:

„Bananenplantagen auf Usedom.“

Klingt wie ein guter Plan, denn die DDR ist pleite! Irgendwie muss Zaster her, aber hoppigaloppi! Auf dem Weltmarkt nur ein unbedeutender Fleck in der Landschaft, kann man dort nur mit Braunkohle dienen… dem einzigen Gut, dass es jenseits der Mauer im Überfluss gibt. Oder vielleicht Schnaps… doch wie wussten schon die „Hosen“ einst: Kein Alkohol ist auch keine Lösung. Oder vielleicht doch Krieg? Denn… DER geht ja bekanntlich immer. Die Verantwortlichen in der Ost-Berliner Stasi-Zentrale klammern sich im Winter ’88 an Strohhalme… Moment… gab es die überhaupt damals? Egal… auf jeden Fall trifft es sich gut, dass ein mysteriöser Unbekannter die Sitzung der ratlosen Herren stört. Und er trägt die Lösung aller Probleme in seinem Köfferchen spazieren: DIAMANTEN!

Während die Dinge im zweigeteilten Deutschland ihren Lauf gehen, herrschen im beschaulichen Brüssel ganz andere Probleme. Wir schreiben mittlerweile das historische Jahr 1989. Ein Jahr, in dem bekanntlich viel passieren sollte. Davon ahnt der rasende Reporter Fantasio natürlich noch nichts und ist händeringend auf der Suche nach einer guten Story, da sein Chef ihm schon gehörig auf die Pelle rückt. Spirou schafft es derweilen sogar auf die Titelseite, indem er ein hilfloses Kätzchen vom Baum pflückt. DAMIT schafft man es schon auf die Titelseite??? Da kiekste, wa? Aber et bringt ja nüscht… und bevor Fantasio sich noch das letzte Haupthaar vom Schädel rupft, machen die beiden Freunde sich auf zum Erfinder Graf von Rummelsdorf. Vielleicht findet sich ja dort eine auflagenträchtige Top-Story.

Nun ja, nicht ganz… aber was nicht ist, kann ja noch werden. Der Graf steckt mitten in lautstarken Umbauarbeiten, als ein Bote ihm eine Einladung überbringt. Er soll dem internationalen Mykologen-Kongress in Ost-Berlin beiwohnen. Trotz der Aussicht, einen dort beheimateten, extrem seltenen Pilz zu finden, zerrupft von Rummelsdorf den Wisch schneller, als dem verblüfften Fantasio ein „Ei verbibbsch!“ über die Lippen kommen würde… sieht dieser doch in der Reise in die DDR den perfekten Aufhänger für die heiß-ersehnte Titelseite.

Noch am gleichen Abend sucht der Reporter den Grafen noch mal auf, um ihn von dieser – nicht ganz uneigennützigen – Chance zu überzeugen, doch dessen Villa ist verlassen. Sieht nach einem hektischen und spontanen Aufbruch aus. Ist von Rummelsdorf doch kurzentschlossen nach Berlin aufgebrochen? Spirou und Fantasio heften sich an seine Fersen. Schon bald stellt sich heraus, dass der Graf nicht freiwillig in den Osten gereist ist und viel größere Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen… Das erste große Deutschland-Abenteuer des Duos… Verzeihung… des TRIOS – denn natürlich ist das knuffige Eichhörnchen Pips auch mit von der Partie – hat gerade erst begonnen und die mysteriöse Figur mit dem Diamanten-Koffer ist im Begriff, sich zu enttarnen!

„DIE MAUER MUSS WEG!“

Auf nur einer einzigen Seite fasst Flix das Grundgerüst der Deutschen Demokratischen Republik zusammen und trifft in acht Panels den Nagel auf den Kopf. Während Fantasio noch von der augenscheinlich friedvollen Idylle Ost-Berlins geblendet ist, lernt Spirou recht früh die dunklen Seiten der Stadt kennen, vor denen auch der Reporter bald nicht mehr die Augen verschließen kann. Flix verharmlost und beschönigt nichts und dem Leser wird klargemacht, dass ein Fluchtversuch in den Westen bleihaltig geahndet wurde. Trotz aller Missstände im Honecker-Regime verteufelt der gebürtige Münsteraner die DDR nicht, sondern zeigt sie, wie sie war. Dazu gehören auch Reminiszenzen an die schönen Dinge des Ostens. Wachgerufene Kindheitserinnerungen an „Unser Sandmännchen“, „Herr Fuchs und Frau Elster“, „Lolek und Bolek“ oder „Der kleine Maulwurf“ dürfen ebenso wenig fehlen, wie die Erwähnung der erfolgreichen DEFA-Produktion „Die Legende von Paul und Paula“ mit Angelica Domröse und Winfried Glatzeder. Auch auf die (n)ostalgischen Ampelmännchen, die mittlerweile sogar eine eingetragene Marke sind, hat Flix nicht verzichtet… auch, wenn sie etwas zweckentfremdet wurden.

Ein Blick aus dem strahlend-grünen Westen offenbart einen Blick über die schier unüberwindbare Mauer, auf ein in grau getauchtes, tristes Brandenburger Tor. Überhaupt kommen die architektonischen Zeichnungen des Künstlers sehr gut zur Geltung, was vor allem in einem eindrucksvollen Groß-Panel vor dem „Palasthotel“ deutlich wird. Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass auch Trabis vorkommen? Nicht? Mmmh… gut: Es kommen Trabis vor. TRABIS!!! Für die jüngeren Leser: Der Trabant war ein Auto-ähnliches Fortbewegungsmittel, das aus beklebten Schuhkartons bestand und mit Tesa und Spucke zusammengehalten wurde. Angetrieben wurde es mit zwei 1,5 Volt-Batterien. Die angebotene Sport-Variante hatte zudem einen mundgeklöppelten Holz-Tennisschläger im Kofferraum… samt schwarz-weiß Foto eines Tennisballs.

„Haba! Hub-Hunga! Hop-Hop!“ *

„Spirou und Fantasio“ haben im Laufe der Jahrzehnte schon eine Menge an optischen Veränderungen durchgemacht, was besonders in den „Spezial“-Ausgaben zum Tragen kommt. Künstler wie Yoann, Zidrou, Emile Bravo oder Lewis Trondheim - dessen „Herrn Hases haarsträubende Abenteuer“ oder die schrulligen Detektiv-Geschichten um „Maggy Garrisson“ allesamt Erfolge waren - drücken dem „Spirou“-Universum ihren unverkennbaren Stempel auf. In diese Riege namhafter Autoren und Zeichner darf sich nun auch Flix – als erster Nicht-französischsprachiger Künstler – einreihen.

Seine Spirou-Version versprüht den klassischen Charme, ohne ihn plump zu adaptieren. Ideenreich bewahrt sich Flix seinen individuellen Stil. Seine (im positivsten Sinne) zerfransten und kratzigen Outlines gestalten sich dynamisch und wirken so einer plastischen Sterilität entgegen. Jedes Panel ruft dem Leser „Handarbeit!“ entgegen und schafft somit eine sympathische und wohlige Atmosphäre. Diese ist auch der farbenprächtigen und klaren Kolorierung von Marvin Clifford und Ralf Marczinczik zu verdanken, die die Geschichte ins rechte Licht rücken und die Geschehnisse farblich perfekt und warm abstimmen. Clifford, dessen Schöpfungen „Schisslaweng“ - wo er urkomisch und treffend aus dem Alltag eines Comic-Schaffenden plaudert - und die Gaming-Parodie „Shakes & Fidget“ - die die Pixel-Welt der „World of Warcraft“-Zocker humorvoll und augenzwinkernd persifliert – ebenfalls in gedruckter Form erhältlich sind, ist zudem Flix‘ Atelier-Kollege und zeigt auch in seinen Web-Comics, was er künstlerisch drauf hat. Alles in allem sieht es nach perfektem Team-Work aus, was das harmonische Gesamtbild von „Spirou in Berlin“ treffsicher beweist.

Fazit:

Der Deutschland-Aufenthalt von „Spirou und Fantasio“ ist komplett geglückt und man kann Flix zu „Spirou in Berlin“ nur gratulieren. Dass ich mit dieser Meinung nicht alleine bin, zeigen die zahlreichen Käufer, die dafür gesorgt haben, dass die erste Auflage rasend-schnell über die Ladentheken ging. Eine Veröffentlichung in Spirous Heimat dürfte somit nur eine Frage der Zeit sein... vor allem, da Flix‘ bisherige Arbeiten schon in neun Sprachen übersetzt wurden und er weit über die heimatlichen Grenzen hinaus bekannt ist.

Auf diesem humorvoll-hohem Niveau werden nicht nur langjährige Liebhaber der Reihe (die mit Sicherheit Verweise auf frühere Geschichten entdecken werden), sondern auch neugierige Laien im „Spirou“-Universum ihre helle Freude haben… „Spirou in Berlin“ wäre der perfekte Einstieg.

 

* Hasse jut jemacht!

Spirou in Berlin

Spirou in Berlin

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