Somna

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Marcel Scharrenbroich
6101

Comic-Couch Rezension vonSep 2025

Story

Verschenktes Potenzial. Ein spannendes Setting, welches nur oberflächlich genutzt wurde. Leider bleiben die Charaktere über weite Strecken blass und bekommen zu wenig Spielraum, um mit ihnen zu connecten.

Zeichnung

Zwei Künstlerinnen, zwei Stile. Das macht in diesem Fall richtig Sinn und kann sich sehen lassen. Nicht Lotays beste Arbeit, aber eine ziemlich gute.

Zwischen Ekstase und Kontrollverlust

…der Teufel ist real, und er schläft nicht.

Der Schauplatz ist ein ruhiges englisches Dorf um 1600. Hier lebt Ingrid mit ihrem Gemahl Roland, der im Auftrag der Regierung Hexen jagt und sie auf den Scheiterhaufen bringt. Ein grausiges Schauspiel, welches meist die gesamte Dorfgemeinschaft auf den Marktplatz zieht. Nicht jedoch Ingrid, denn die verabscheut dieses barbarische Treiben. So auch, als mit Greta (nein, nicht DIE Greta… zumindest noch nicht) ein weiteres Gemeindemitglied als Hexe gebrandmarkt und entsprechend verurteilt wird. Ingrids beste Freundin Maja kann sie verstehen, hat aber gleichzeitig ein Auge auf den trauernden Witwer Sigurd geworfen. Die treue Ingrid ist sichtlich empört, kann sich von unreinen Gedanken aber nicht freisprechen. Während der asketische Roland höchstens für seinen Job brennt, bleibt die Leidenschaft in der Ehe gänzlich auf der Strecke. Lediglich in Ingrids Träumen geht es heiß her. Zugleich erotisch, aber auch finster und bedrohlich, denn eine mysteriöse Gestalt dringt immer tiefer in das Bewusstsein der jungen Frau. Unterschwellige Botschaften, verführerische Versprechungen, prickelnd heiße Berührungen. Verbotene Ausflüge in unsittliches Terrain, was auch Folgen in der trostlosen Realität mit sich bringt. Ingrid schlafwandelt… und so ein nächtlicher Trip führt sich abseits des Dorfes zu einer alten Jagdhütte. Dort erblickt Ingrid – irgendwo zwischen nächtlichem Wahn und rauer Wirklichkeit – ihre Freundin Maja mit dem angeblich trauernden Sigurd. Diese Beobachtung gewinnt an Brisanz, als Majas Gatte Harald ermordet aufgefunden wird.

Im Dorf beginnt es zu brodeln. Und Maja steht als unfreiwillige Geheimnisträgerin nicht nur zwischen Stühlen, sondern auch gefährlich nah am Kipppunkt, ihren Verstand zu verlieren, während ihr nächtliches Phantom sie weiterhin in ihren (Alb)träumen umgarnt.

I can’t get no sleep…

So interessant sich diese Geschichte – eingerahmt ins finstere Zeitalter der Hexenverbrennung – auch anhört, so dünn ist sie letztendlich. Richtig nah kommen wir den Figuren nicht, denn trotz eines ansehnlichen Umfangs wird hier erzählerisch auf der Sparflamme gekocht. Treibend sind ausschließlich die Bilder von Becky Cloonan und Tula Lotay, die als Duo gleich zwei sehr unterschiedliche Zeichenstile präsentieren. Klassisch und markant auf der realen Ebene (= Cloonan), dann malerisch und künstlerisch verspielt in den nächtlichen Traumverwirrungen (= Lotay). Segen und Fluch zugleich, denn fürs Auge wird richtig viel geboten, was auf der anderen Seite aber die Story eiskalt verdrängt.

Lotay (bürgerlich Lisa Wood) bekam 2024 für ihre Arbeit an „Somna“ ihren zweiten Eisner Award. Den ersten erhielt sie im Jahr zuvor für „Barnstormers“ (SPLITTER), in dem ihr Stil noch eine ganze Ecke cineastischer zum Vorschein kam. Die Amerikanerin Becky Cloonan verbuchte für „Somna“ – nach ihrem im Selbstverlag veröffentlichten Comic „The Mire“ von 2012 – ebenfalls den zweiten Eisner Award. Cloonan kann zudem schon auf eine langjährige Karriere zurückblicken und wurde 2012 die erste weibliche Künstlerin, die die „Batman“-Hauptserie für DC zeichnete. Als Autorin brachte sie erfolgreich die „Batgirls“ Cassandra Cain und Stephanie Brown, „Gotham Academy“ und „The Punisher“ (2016) auf den Weg.

Ursprünglich in drei Heften im Magazin-Format beim noch recht jungen US-Publisher DSTLRY erschienen, legt CROSS CULT die Geschichte als Einzelband im Hardcover vor. Qualitativ über jeden Zweifel erhaben, finden sich am Ende des Buches noch haufenweise Extras. Darunter Cover und Variant-Motive, die die durchgängigen Front- und Rückenmotive der US-Ausgaben zierten, Thumbnails aus der Entwicklungsphase des Comics, Tuschezeichnungen und Skizzen beider Künstlerinnen sowie die Kurzgeschichte „Welch verdorbene Flamme brennt in dir?“.

Fazit:

Die Story ist leider nur wenig überraschend und trotz dünner Handlung durch die ausschweifenden Traumsequenzen noch künstlich in die Länge gezogen. Auf erzählerischer Ebene höchstens durchschnittlich, obwohl reichlich Potenzial vorhanden gewesen wäre. Aus der spannend-abstoßenden Epoche der Hexenverbrennung hätte man Tiefgreifenderes herausarbeiten können, als sich seitenlang in (angedeutet) erotischen Träumen zu suhlen. Zumindest überzeugen Becky Cloonan und Tula Lotay mit ihrem zeichnerischen Können. Eine gelungene Arbeitsteilung, die optisch – dank der abgeteilten Ebenen zwischen Traum und Wirklichkeit – auch noch Sinn ergibt.

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