Politisch höchst UNkorrekt… gerne mehr davon!
Ach SO geht das!
HUCH!? Wenn Oliver Ottitsch zum Stift greift, wird jenen, die sich gerne über Alles und Jeden echauffieren, die sich lieber die Zunge abkauen würden, bevor sie einer noch so verschwindend geringen, selbstdefinierten Minderheit auch nur ansatzweise auf den bunten Schlips treten, der Schweiß der Empörung in Sturzbächen Richtung Kimme fließen. Das Erfolgsrezept des Österreichers ist einfach: Finger rein in die Wunde… und so lange drehen, bis einer lacht. Natürlich schafft man das nicht, wenn man sofort in unterwürfige Schockstarre gerät, sobald man – mal mehr, mal weniger – heiße Eisen anfasst. So zum Beispiel den Tod, dem Ottitsch 2021 mit „Die Liebe ist stärker als der Tod“ (erschienen bei SCHERZ & SCHUND) gleich ein ganzes Buch gewidmet hat, dem ach so heiligen Christentum, der angeblich stets nach allen Seiten geöffneten LGBTQ+-Community oder dem Islam. WAS??? Hat er etwa Islam gesa… JA, hat er! Und in aufgeklärten Zeiten dürfen und müssen wir auch „Traditionen“ in den Fokus stellen, die in einigen Teilen der Welt bis heute praktiziert werden. Etwa weibliche Genitalverstümmelung, das Steinigen von Frauen oder das öffentliche Hinrichten von Homosexuellen. Themen, vor denen man gerne mal die Augen verschließt, weil es einen selber nicht betreffen mag… aber sind sie deswegen weniger relevant oder gar weg? Ganz und gar nicht, und gefühlt kommen sie immer näher. Ottitsch positioniert sich nicht. Er beobachtet von neutraler Position aus. Und das mit messerscharfem Blick.
Ottitsch scheut sich auch nicht, Tatsachen bzw. fragwürdige/unmenschliche Praktiken anzusprechen. Er begegnet ihnen mit bitterbösem Humor, sodass es sich anfühlt, als würde uns beim Lachen jemand mit grobem Schmirgelpapier die Stimmbänder abhobeln. Seine treffsicheren Pointen sind dabei weder ins Lächerliche ziehend noch verharmlosend, sondern zünden derart schnell, dass man die Zündschnur gar nicht erst runterbrennen sieht. Meist braucht Oliver Ottitsch nur ein einziges Bild, um alles Nötige zu sagen… oder zu zeigen. Bilder sagen halt wirklich oft mehr als tausend Worte. So bedarf zum Beispiel die Abbildung eines „Nazi-Arschlochs“ keiner weiteren Erklärung. Eine Zeichnung von Auguste Rodins Plastik „Der Denker“, dem die ganze Faust ins Gesicht gerutscht ist, ist hingegen vielschichtiger. Ausgeartetes Warten auf den zündenden Gedanken? Zu viel gedacht, ohne zu handeln? Des nichts verändernden Denkens überdrüssig geworden? Ein Abbild dessen, dass das Denken mehr und mehr verlernt wird? Hier lässt Ottitsch Spielraum für eigene Interpretationen.
Doch egal, wie der Cartoon-Profi den jeweiligen Punch ausgelegt hat, er trifft so gut wie immer ins Ziel. Bei religiösen, politischen oder sozialkritischen Schwingern nicht selten voll in die Fresse. Bei ganz alltäglichen, vermeintlich harmlosen Themen gerne mal in Form versteckter Leberhaken, die erst beim genaueren Nachfühlen anfangen zu schmerzen. Und das ist gut so… denn die Wahrheit tut halt manchmal weh.
LACHT jetzt! Oder lasst es…
Wie der „Smiley von hinten“ aussieht, der uns allen tagtäglich – meist auf dem Smartphone und in sozialen Medien – stets freundlich entgegenlächelt, können wir bereits auf dem Cover sehen. Und seien wir ehrlich, wir wussten es ALLE! Er hat einen Arsch… und kann auch manchmal einer sein. Einer, der uns vordergründig frech ins Gesicht lächelt, um dann hintenrum zu offenbaren, was er wirklich denkt. So ist es nun mal. Ob in der digitalen oder realen Welt. Dass Ottitsch den Finger in Wunden legt, hatte ich schon betont, aber er zieht selbigen auch so manchem Smiley aus dem Arsch, sodass es eine wahre Wohltat ist, auch über die Dinge ausgelassen zu lachen, die in der öffentlichen Wahrnehmung gerne mal als Tabu-Themen dämonisiert werden. Wenn es lustig ist, LACHT! Lacht, ohne vorher zu überlegen, ob ihr eventuell dabei jemandem ans Bein pinkeln könntet. Und wenn ihr nicht lacht, dann lasst Anderen ihren Spaß daran. Dann ist es halt nicht EUER Humor… so what? Ignoriert es, überlest es und lasst den rundgelutschten Ausweis der Moral-Polizei in eurem handgewalzten Jutetäschchen. Ein weiser Mann (Arzt? Medizinmann? Onkel Otto, bevor er bei der Familienfeier besoffen vom Tisch gekracht ist? Man weiß es nicht… aber ganz bestimmt war er weise) hat mal gesagt, dass Lachen die beste Medizin sei. Wogegen genau kann ich nicht sagen, aber gewiss weiß ich, dass so Mancher schon beim Runterschlucken dicker Brocken an eben diesen erstickt ist. Also RAUS damit!
Werkschau
Das quadratische Hardcover aus dem Hause ALIBRI kommt äußerlich schlicht daher, hat es im Innenteil aber in sich. Auf 175 Seiten gibt es nicht nur dutzende Cartoons von Oliver Ottitsch, die zeichnerisch und inhaltlich nicht vielfältiger sein könnten, sondern auch Interessantes von den Karriere-Stationen des Künstlers. So wird unter Anderem davon berichtet, wie Ottitsch 2019 sein Vorbild Sam Gross (1933 – 2023), einen legendären Cartoonisten des „National Lampoon“-Magazines, dessen Arbeiten im Laufe seiner mehr als sechzigjährigen Tätigkeit auch in „The New Yorker“, „Cosmopolitan“ und „Esquire“ abgedruckt wurden, in den Vereinigten Staaten besuchen durfte. Wie Besuche zahlreicher Events oder Auftritte mit anderen internationalen Künstlerinnen und Künstlern, ist auch dieses Treffen mit Fotos belegt. Außerdem bekommen wir den kleinen Comic-Nachruf auf Sam Gross zu sehen, den Ottitsch nach dessen Tod zeichnete und der im Humor-Magazin „The American Bystander“ veröffentlicht wurde. Zwischendurch bekommen wir immer wieder Einblicke in Notizbuchskizzen, was ich persönlich sehr interessant finde. Einige Interviews fanden ebenfalls ihren Weg ins Buch. Darunter jenes, welches wir mit Oliver Ottitsch im Februar 2022 zu seinem Cartoon-Band „Die Liebe ist stärker als der Tod“ führen durften. Wir fühlen uns geehrt… *zwinkernder Smiley von vorne*
Fazit:
Die ganze Bandbreite des österreichischen Cartoonisten Oliver Ottitsch gebündelt in einem Buch. Ehrlich, ungeschönt, politisch von sämtlichen Fesseln befreit… und damit beißend komisch! Persönliche Anmerkung: Wer Witze über „Randgruppen“ kategorisch ablehnt, sollte sich vielleicht mal hinterfragen, wie und warum er Menschen überhaupt kategorisiert und diese ungefragt Gruppen zuordnet. Die Antwort darauf könnte Kopfschmerzen bereiten.

Oliver Ottitsch, Oliver Ottitsch, Alibri


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