Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Die emotionale Achterbahnfahrt der Gefühle, live und in schwarz-weiß, geschildert aus der Sicht einer sechzehnjährigen Schülerin mit asiatischen Wurzeln, die eine Karriere als Wicca-Hexe anstrebt und heimlich in ihre Lehrerin verknallt ist, während ein Selbstmord an einer Nachbarschule für Wirbel sorgt und ihre getrennten Eltern kein gutes Haar aneinander lassen. Wer hat gesagt, dass es leicht ist, ein Teenager zu sein?

Zeichnung

Stilistisch abwechslungsreich mit vielen – stets übersichtlichen – Perspektiv-Wechseln. Skims Tagebucheinträge werden gut in die Panels integriert, sodass ein homogenes Ganzes entsteht und die Texteinblendungen nicht wie Fremdkörper wirken. Lediglich die Gesichtsformen der Charaktere sind anfangs gewöhnungsbedürftig.

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Marcel Scharrenbroich
Du kannst nicht immer 16 sein…

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Aug 2019

Liebes Tagebuch,

gerade hab ich einen Comic gelesen, der… oder war es eine Graphic Novel? Woran macht man das fest? Ob es wahr ist, dass die Industrie sich mit dem Begriff nur von den bunten Heftchen abheben und somit auch den Markt der erwachsenen Leser erobern will? Was „Anspruchsvolles“, für die feinen Damen und Herren (LOL!). Ist dann wohl genauso eine abgekartete Nummer, wie Coca-Cola damals den Weihnachtsmann erfunden hat oder der alte Regisseur von „Eyes Wide Shut“ (oh mein Goooott, ich LIEBE den Film!!!), der die erste Mondlandung im Studio gefilmt und danach haufenweise Easter Eggs in so’nem Horrorfilm über ein altes Hotel versteckt hat. Egal… wo war ich? Ach ja, auf jeden Fall geht es in dem Comic/der Graphic Novel (#whatever) um ein sechzehnjähriges Mädchen namens „Skim“. Naja, eigentlich heißt sie in echt Kimberly Keiko Cameron, aber sie wird von allen nur Skim genannt. Laut Buch stammt ihr Spitzname vom englischen „Skim Milk“ (= Magermilch). Wahrscheinlich deshalb, weil sie eben nicht mager, sondern eher etwas pummelig ist. Was für Ottos. Jedenfalls ist Skim mehr so die Einzelgängerin. Sie hängt nicht mit den coolen, hippen Kids ab und interessiert sich für so‘n Hexen-Kram (Whaaat?), mit Kartenlegen und so. Das wär jetzt mal so gar nicht meins… never-ever. Ihre Eltern stressen auch voll und haben sich sogar getrennt! Uncool, aber was will man machen?

Skims beste Freundin ist Lisa, mit der sie auch zusammen zur Schule geht. Irgendwie geht Skim Lisa aber immer mehr aus dem Weg. Ob das so ist, wenn man erwachsen wird? Dass man dann keinen Bock mehr auf alte Freunde hat? Mag ja doch sein, dass die Schul-Psychologen Recht haben… Die behaupten nämlich, dass Schüler/Schülerinnen aus der Gothic-Szene zu Depressionen neigen (WTF?). Hab ich eigentlich erwähnt, warum sich die Psychologen um die Schülerinnen der Mädchen-Privatschule sorgen? Nein? #verkackt

Nun, das liegt daran, weil sich ein Junge einer anderen Schule umgebracht hat. Der war mit Katie Matthews zusammen. Aber die haben vor kurzer Zeit schlussgemacht, was Katie ziemlich aus der Bahn geworfen hat. Sie ist zwar ‘ne echte Bitch, aber ein bisschen Leid tut sie mir schon. Deswegen die psychologische Betreuung der anderen Mädchen… damit sowas an deren Schule nicht auch passiert und alle depri werden. Find ich ja richtig, dass sowas gemacht wird. Alle Schülerinnen sollen was Persönliches für eine Karte machen, die dann der armen Katie überreicht werden soll. Was ein Quatsch… als ob es der dadurch besser geht und ihr Ex wiederaufersteht. Außerdem… wäre es nicht geheuchelt, wenn man jemandem, mit dem man eigentlich nix zu tun hat, sein (wahrscheinlich falsches) Mitgefühl ausspricht, wegen einem toten Typen (ja sorry!), den man noch nie gesehen hat? Irgendwie schräg.

Skim kommt jedenfalls so rüber, als wär sie ordentlich durch den Wind, als sie anfängt, eine ihrer Lehrerinnen mit anderen Augen zu sehen (was nur los bei der?). Diese Miss Archer leitet die Theater-AG an der Schule und unterrichtet zudem noch Englisch. Sie sieht ziemlich zerzaust aus, irgendwie hippie-mäßig. Musste bei der echt zuerst an „Öko“ und „Müsli zum Frühstück“ denken. Aber Skim scheint sie sehr zu mögen, was irgendwie strange ist…

Ach ja, die ganze Geschichte spielt 1993 (#steinzeit). Damals gabs noch keine Smartphones und wahrscheinlich haben die sich alle zu Tode gelangweilt. Das Mädchen kam zwar am Anfang ziemlich komisch rüber, aber irgendwie scheint die ganz in Ordnung zu sein. Doof nur, dass das irgendwie kaum einer bemerkt. Wäre die auf Insta oder Facebook unterwegs, würde ich ihr eventuell folgen… wer weiß, vielleicht wären wir dort sogar befreundet…?

So…

…nachdem ihr jetzt grob mit dem Inhalt vertraut seid, muss ich gestehen, dass der Stil des letzten Absatzes natürlich an ein Highschool-Tagebuch eines (mehr oder weniger?) typischen Schülers erinnern soll, wobei dies selbstverständlich augenzwinkernd und nicht allgemeinwertend zu sehen ist. Wenn ich ehrlich bin und mir Gesprächsfetzen, die ich beim Einkaufen, Spazieren oder Bummeln in der Stadt so mitbekomme, wieder ins Gedächtnis rufe, habe ich mich sogar noch zurückgehalten und schmeichle so manchem Wort-Akrobaten, der dafür, dass er den Unterschied zwischen „seit“ und „seid“ sowie „den“ und „denn“ kennt, ein Abitur im 1er-Schnitt erwartet. (Was sich übrigens NICHT nur auf die Jugend bezieht… was eigentlich noch erschreckender ist.) NUR diese sollten sich angesprochen fühlen und es soll ihnen DEN Spiegel vorhalten, den die Tamaki-Cousinen mit „Skim“ der oberflächlichen, Ich-bezogenen Gesellschaft vorhalten, die einer/einem Sechzehnjährigen den Schulalltag zum täglichen Spießrutenlauf werden lässt.

Dass ich Kubrick die Mondlandung zugeschrieben habe, ist selbstverständlich auch als Witz zu verstehen. Ich bin doch nicht bescheuert… schließlich weiß jeder, dass Spielberg den Scheiß im Keller von George Lucas gedreht hat. Und Santa Claus hat mit Coca-Cola auch nichts an der Brause (Brause, ja? Hihihi)… fragt mal Pepsi! Hm… jetzt aber Schluss mit lustig, da die Story ernste Hintergründe mit sich bringt, die ich auf keinen Fall verfälschen und ihr den nötigen Ernst und verdienten Respekt entgegenbringen möchte.

Steinig und sehr holprig

Um es noch mal mit eigenen Worten zu sagen: „Skim“ ist ein fantastisches Buch. Egal, ob man es nun als Comic oder Graphic Novel bezeichnen möchte, es ändert nichts am gehaltvollen Inhalt, der vielen Jugendlichen und Heranwachsenden aus der Seele sprechen dürfte. Auch als Erwachsener wird man wieder in seine Teenie-Zeit zurückkatapultiert und gerät ins Nachdenken. Vielleicht war man in einer ähnlichen Lage wie Skim… Vielleicht kannte man jemanden wie Skim, der sich ausgrenzte… oder ausgegrenzt WURDE… Vielleicht wusste man selber nicht, wohin die Reise gehen sollte… Wie man tickt, wie andere ticken, was die Zukunft bringt oder was man von ihr erwartet. Fühlte sich in einer Sackgasse, emotional verloren. Man sollte das Leben von Jugendlichen nicht auf die leichte Schulter nehmen und sagen „Och, die haben doch noch keine Probleme… sind ja noch Kinder und kennen den Ernst des Lebens nicht.“ Wer so etwas sagt, hat wahrscheinlich vergessen, dass er selber mal Kind war und sollte reflektieren, ob in der eigenen Kindheit nur die Sonne schien. Ob alles wie geplant verlief und der Weg durch das Pubertäts-Labyrinth direkt beim ersten Versuch zum Ausgang führte und man nicht mehrfach mit dem Kopf in der dornigen Hecke feststeckte. Wahrscheinlich nicht, weswegen „Skim“ alle Altersklassen anspricht und von Grund auf ehrlich rüberkommt.

Auf persönlicher Ebene hat „Skim“ mich sehr berührt. Wenn ich gerade davon geredet habe, dass man selber mal in die eigene Vergangenheit blicken sollte, war das nicht nur einfach so dahergeredet. Der thematisierte Selbstmord in „Skim“ erinnerte mich an einen Fall aus meiner Schulzeit, als ein Mitschüler aus einer Parallelklasse sich das Leben nahm. Privat kannten wir uns nicht und bis auf den gemeinsamen Französisch-Unterricht hatten wir auch in der Schule nicht viel miteinander zu tun… dennoch blitzte diese Erinnerung beim Lesen von „Skim“ wieder hervor und mir fiel auf, dass ich mich noch genau daran erinnern kann, was die Lehrer zu uns sagten und mit den Schülern seiner Klasse ins Freie gingen, um die tragische Mitteilung zu überbringen. Wenn ein Comic es schafft, solche Erlebnisse und auch andere Gefühle, die schon längst irgendwo im Hinterkopf vergraben zu sein schienen, wieder hervorholen kann und zum Nachdenken anregt, ist das schon ein erzählerisches Fingerspitzengefühl vorhanden, das mit Sicherheit nicht nur ich zu schätzen weiß.

Es liegt in der Familie

Erst jetzt im Reprodukt Verlag erschienen, hat „Skim“ bereits ein paar Jährchen auf dem Buckel. Verantwortlich für dieses - bei uns verspätet veröffentlichte - Debüt sind die kanadischen Cousinen Mariko und Jillian Tamaki.

Die Autorin Mariko Tamaki scheint sich die Seele aus dem Leib geschrieben zu haben, um den Lesern ein authentisches Bild von Heranwachsenden zu vermitteln. Unverblümt, ungeschönt und authentisch, lässt sie ihre Kimberly Keiko Cameron durch ein nebeliges, unebenes, sperriges und oft nur nach dem Trial-and-Error-Prinzip zu bewältigendes Tal stolpern, das sich „Weg zum Erwachsenwerden“ nennt. Viele von uns sind auch schon auf diesen Pfaden gewandert, deren Eisschicht oft dünner ist, als das der schmelzenden Polarkappen und einige befinden sich vielleicht gerade auf diesem Weg, denen Tamaki nur allzu sehr aus der Seele sprechen dürfte. Ungewiss, aber nachvollziehbar, würde ich vermuten, dass sogar viel ihrer eigenen Jugend in der Geschichte verarbeitet wurde. „Skim“ ist nämlich meist so nah an seinen Figuren, dass es nicht nur eine willkürlich erdachte Schilderung eines prägenden Lebensabschnittes sein kann.

Jillian Tamaki, deren Web-Comic „SuperMutant Magic Academy“ 2018 ebenfalls im Reprodukt Verlag in gebündelter Form veröffentlicht wurde, setzt die Geschichte ihrer Cousine Mariko passend um und verzichtet erfreulicherweise auf eine Kolorierung. Die groben, aber nicht unschönen schwarz-weiß-Skizzierungen sind kraftvoll, unterstreichen den Ton der geerdeten Geschichte und entladen sich in gelegentlichen Splash-Pages oder gar Doppelseiten, wo das Spiel von Schwarz und Weiß besonders gelungen zur Geltung kommt. Abstufungen gibt es lediglich in Grau, was aber vollkommen ausreicht, um die Bilder um eine Dimension zu erweitern. Interessant ist auch die variierende Panel-Anordnung, welche im Verlauf des Buches alle Facetten des Mediums Comic kreativ ausnutzt.

Nach ihrem preisgekrönten Debüt im Jahre 2008, arbeiteten Mariko und Jillian Tamaki 2014 erneut zusammen und veröffentlichten das kleine Meisterwerk „This One Summer“, welches Reprodukt dem deutschen Publikum passenderweise im Sommer 2015 als „Ein Sommer am See“ präsentierte. Dieses mauserte sich im Handumdrehen zu einem meiner absoluten Lieblings-Comics und wurde vollkommen zu Recht mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Darunter Eisner- und Ignatz-Awards, sowie der Max und Moritz-Preis für den besten internationalen Comic 2016. Umso schöner, dass nun mit „Skim“ auch der Erstling des erfolgreichen Künstler-Duos in deutscher Sprache vorliegt.

Fazit:

Nicht wenige werden sich mit den Charakteren in „Skim“ identifizieren, das Gefühlschaos in der Pubertät nachvollziehen und sich an diese pickelige Phase erinnern können. Ein ehrliches Comic-Werk, dessen Erzählung in Tagebuch-Form den Hauptcharakter noch greifbarer und somit zugänglicher macht. Nah am Leben, denn so ist er nun mal, der Weg zum Erwachsenwerden… steinig und sehr holprig.

PS: Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen schwer lernenden Schülerinnen und Schülern, die etwas in ihrer Zukunft erreichen wollen und diese nicht in den „modernen Medien“ oder Casting-Shows sehen. Greift weiter nach den Sternen!

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