Schloss der Tiere - 2. Margeriten im Winter

Erschienen: Dezember 2020

Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Aufwühlend und mitreißend. Die friedliche Revolution geht in eine neue Runde und macht es beim Lesen schwer, die Ruhe zu bewahren, ob der schreienden Ungerechtigkeit.

Zeichnung

Was soll man da noch sagen? Einfach anschauen und genießen. Félix Delep legt mit seiner Debüt-Reihe die Messlatte extrem hoch.

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Marcel Scharrenbroich
„Zwerge sind wie Berge: nicht kleinzukriegen“ -Brigitte Fuchs (Schweizer Autorin und Lyrikerin)

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mai 2021

Der (s)tierische Diktator

Stier Silvio herrscht mit harter Hand über sein Reich. Kein Land, kein Königreich, sondern ein von Menschen verlassenes Schloss, welches zum Bauernhof umfunktioniert wurde. Frei nach dem „Gesetz des Stärkeren“ hat der Stier sich zum Machthaber erkoren und schart eine zähnefletschende Hunde-Meute um sich. Diese kläffende Miliz erledigt die Drecksarbeit, wie es sich für angesehene „Staatsmänner“ gehört, die sich freilich nicht selber die Hufe schmutzig machen. Nicht selten werden bei Zuwiderhandlungen Exempel statuiert, was den bis zur Erschöpfung schuftenden Arbeitern Respekt einflössen soll. Das tut es auch, denn niemand traut sich, Pfote, Huf oder Tatze gegen den bulligen Despoten zu erheben. Freilich aus Angst, denn die Strafen am Schloss fallen drakonisch aus.

Erst als die Wander-Ratte Azelar Graugreis den Stein des Anstoßes mit einem inspirierenden Schattenspiel ins Rollen brachte, wurde neuer Mut bei den ausgelaugten und unterjochten Tieren auf dem Bauernhof geweckt. Ein friedlicher Widerstand, der jedoch auf brutale Weise niedergeschlagen wurde. Angst und Entsetzen sorgten dafür, dass alles in gewohnten Bahnen weiterlief… ganz im Sinne Silvios, der das Nichtbefolgen seiner Regeln gnadenlos mit dem Tod bestraft.

Mit List und Tücke

Nun ist der Winter angebrochen und Katzendame Miss Bengalore müht sich weiterhin mit harter Arbeit ab, um ihre kleinen Kätzchen warm und sicher durch die frostige Jahreszeit zu bringen. Kein leichtes Unterfangen, denn Silvios Machtbesessenheit kennt keine Grenzen. Zusätzlich zu ihren Arbeitsstunden, lässt der selbsternannte Herrscher des Schlosses die Tiere Zusatzschichten schieben, um Bäume zu schlagen und Holz aufzulesen. Nicht, dass sie dieses Holz nutzen könnten, um ihre spärlichen Unterschlüpfe in den eisigen Nächten zu heizen. Nein, die „weiße Stunde“, wie Silvio die unbezahlte Extra-Schicht getauft hat, dient dazu, den zentralen Vorratsspeicher aufzufüllen, aus dem sich selbstverständlich nicht nach Belieben bedient werden kann. Ganz im Gegenteil: Von ihrem regulären Hungerlohn, der jede Gewerkschaft im Kreis rotieren ließe, müssen die armen Tiere noch für die Güter, die sie selbst unter größter Anstrengung herbeigeschafft haben, bezahlen… und nicht gerade wenig. So natürlich auch für wärmendes Feuerholz.

Eine schreiende Ungerechtigkeit, die gehört werden muss! Miss B., Gigolo-Rammler Cäsar und Ratte Azelar geben den Kampf nicht auf. Einen waffenlosen Kampf, wohlgemerkt. Mit Willensstärke, unbändiger Zuversicht und Provokation wollen die gebeutelten Tiere dafür sorgen, dass die Aggressoren ihr Unrecht einsehen. Kein leichtes Unterfangen, denn Stier Silvio lässt nicht so leicht an seinem Thron sägen. Für alle Beteiligten ein nervenzerrender und kräftezehrender Tanz auf der Rasierklinge…

Mach mir den Disney

„Margeriten im Winter“, der nunmehr zweite Band der „Schloss der Tiere“-Reihe, steht seinem grandiosen und aufwühlenden Vorgänger in Nichts nach. Der frostige Wintereinbruch sorgt dafür, dass sich die Lage auf dem Hof weiter zuspitzt. Der Aspekt der „friedlichen Revolution“ rückt noch weiter in den Vordergrund und macht es den Leserinnen und Lesern schwer, nicht vor Wut auf die herrschende Brut laut aufzuschreien. Die Kraft, die Miss B. aufbringt, ist bewundernswert, denn am liebsten möchte man den schwarzen Stier an den Hörnern aus seinem gut beheizten Thronsaal zerren und mit brennenden Fackeln durch die Dörfer jagen. Xavier Dorison schafft es meisterhaft, Emotionen zu wecken, die einer wilden Achterbahnfahrt gleichen. Von Mitgefühl über Wut und Entsetzen, ist es ein Wechselbad der Gefühle. Dorisons Interpretation von George Orwells „Farm der Tiere“ ist ein gesellschaftliches Spiegelbild, welches beim Blick auf selbiges unangenehm verzerrt - dafür jedoch erschreckend klar - die Realität wiedergibt.

An den Bildern von Félix Delep, der mit dieser Reihe sein künstlerisches Debüt vorlegt, kann man sich indessen nicht sattsehen. In klassischer Disney-Manier zeichnet er jedes einzelne Panel liebevoll und voller Details. Ohne Ausnahme. Dass die Handlung des zweiten Bandes in den Winter verlegt wurde, kommt der Atmosphäre nur noch mehr zugute. Man hört den Schnee unter den tierischen Pfoten quasi knirschen. Das spielt auch der Kolorierung in die Karten, die sich zwischen bitterkalt über wohlig-warm angenehm hin und her bewegt, ohne auch nur einmal unpassend zu erscheinen. Dafür muss ich auch noch den letzten Optik-Punkt drauflegen, was „Margeriten im Winter“ die künstlerische Höchstwertung beschert. Wer den Band liest, wird diese Entscheidung nachvollziehen können.

Fazit:

Die abschreckende und ebenso abstoßende Darstellung von Diktatur in wunderschönen Bildern. Das beißt sich? Und ob… und es funktioniert. Eine herausragende Fabel, die ihrem literarischen Vorbild im Laufe der zwei noch erscheinenden Bände mit großer Wahrscheinlichkeit den Rang ablaufen wird.

Schloss der Tiere - 2. Margeriten im Winter

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