Wie kann man(n) nur…
Arschloch-Alarm
Persönlich habe ich mich ja schon damit abgefunden, mit meinen Geschlechtsgenossen immer dann in einen Topf geworfen zu werden, wenn eindeutig Einzelpersonen zu verurteilen wären. Ein fanatisch Verblendeter sticht auf Leute ein? „Der Täter war wieder mal ein Mann!“ Neuer Bundestrainer wurde gesucht? „War ja klar, dass es wieder keine Frau wird.“ Er kritisiert das Gendern? „Typisch alte, weiße Männer.“ Reale Beispiele. Ich bin jetzt nicht so zartbesaitet, dass ich mir jeden Schuh anziehen würde, aber stets für Irgendwas unter Generalverdacht zu stehen, scheint heutzutage – vor allem in den sozialen Medien – besonders in Mode zu sein. Wenn es allerdings um das weitverbreitete Phänomen der toxischen Männlichkeit und patriarchale Denkweisen, mit der Einzeller ihren Steinzeit-Stammbaum in die Gegenwart tragen wollen, geht, entgleist einem mit Blick auf seine Geschlechtsgenossen schon mal die Leben-und-leben-lassen-Mentalität. Nicht nur dort, aber das würde jetzt den Rahmen sprengen. Bleiben wir also beim Thema der toxischen Beziehungen. Die Zahlen sprechen dort nämlich eine eindeutige, höchst alarmierende Sprache:
Allein bei der häuslichen Gewalt, dem offensichtlichsten Zeichen toxischer Beziehungen, steigen die Zahlen konstant an. Waren es 2023 in Deutschland bereits erschreckende 256.000 gemeldete Fälle, stieg die Anzahl 2024 (laut Bundeskriminalamt) auf einen neuen Höchststand von 266.000 Opfer, von denen etwa 80% weiblich sind. 132 Frauen wurden 2024 durch Gewalt des Partners oder Ex-Partners getötet. Körperverletzung, psychische Gewalt oder auch Stalking (im Alltag oder digitalen Raum) sind alles andere als Kavaliersdelikte und sollten unbedingt zur Anzeige gebracht werden. Die Dunkelziffer dürfte signifikant höher ausfallen, da betroffene Frauen entweder aus Scham, Angst oder psychischer Abhängigkeit nicht in der Lage sind, sich Hilfe zu suchen.
Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist unter der Rufnummer 116 016 rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar. Ebenso die Hilfsorganisation „Weißer Ring“, die unter 116 006 für Kriminalitätsopfer und ihre Familien da ist. Eine spezielle Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche ist die „Nummer gegen Kummer“, erreichbar unter 116 111.
Power-Frau
Die Französin Sophie Lambda lebte in einer toxischen Beziehung, die sie fast in den Abgrund riss. Diese eindringliche Zeit, die mit Schmetterlingen im Bauch begann und im schmerzhaften Tal der Tränen, geplagt von Selbstzweifeln und Perspektivlosigkeit, endete, beschreibt sie eindringlich in ihrem starken Comic-Debüt. Die autodidaktische Illustratorin, die seit 2010 unter ihrem Pseudonym einen Comic-Blog über ihren Alltag und ihre Reisen mit ihren Leserinnen und Lesern teilt, erzählt aber auch von der Zeit danach. Vom schweren Kampf, sich von Ängsten und Zweifeln freizuschwimmen. Außerdem liefert sie Zahlen und Fakten, weist auf klassische Verhaltensmuster hin und zeigt sämtliche Red-Flags auf, an denen man narzisstische Manipulatoren erkennt.
Dabei fing alles so schön an… Sophie, die neben dem Studium gerade als Illustratorin fußfasste, war noch neu in Paris, als sie den strahlenden Serien-Darsteller Marcus Racamier (den Namen des Arschlochs hat sie geändert) auf einer Party kennenlernte. Unübersehbar, dass gleich kleine Funken flogen, doch es sollte ein ganzes Jahr dauern, bis sie sich auf der Release-Party des Buches einer Freundin in Montpellier erneut über den Weg liefen. Diesmal blieben sie in Kontakt… und aus den Funken wurde ein regelrechtes Feuerwerk. Es schien die große Liebe, wie sie nur in Kitsch-Romanen oder Märchenbüchern zu finden ist. Bis… ja, bis Marcus nach und nach sein wahres Ich offenbarte.
Erst waren es nur Kleinigkeiten. Ausflüchte, Stimmungsschwankungen und kleine verdrehte Tatsachen. Dinge, die Sophie schon auffielen, denen sie in ihrer Verliebtheit aber keine größere Beachtung schenkte. Dann wurde es heftiger… und ließ sich nicht mehr wegleugnen. Marcus beschuldigte Sophie, Dinge gesagt oder getan zu haben. Dass sie ihn mit ihren vermeintlichen Taten zu seinen unkontrollierten Wutausbrüchen bringen würde. Er initiierte sich stets als das arme Opfer, trank exzessiv oder fügte sich selbst Verletzungen zu. Ein narzisstischer Egomane, der auf seinem Ich-Trip alles einriss, was vor kurzem noch der Himmel auf Erden für zwei Verliebte war. Und er manipulierte Sophie derart, dass sie sich schon bald selbst als Auslöser ihrer Krise fühlte…
Wut im Bauch
Es dauerte ungefähr bis Seite 70, als ich Marcus zum ersten Mal aus den Seiten ziehen und auf den Bordstein legen wollte. Und bis dahin musste ich mich schon stark zurückhalten. Wonach mir der Sinn nach der ungefähr der Hälfte des Buches stand, sage ich lieber nicht, da Aussagen nicht jugendfrei wären, hingegen aber womöglich strafrechtlich relevant. Ein aalglatter Narzisst mit unbeschreiblichem Geltungsdrang, den auch Sophies imaginärer Begleiter, in Form des Teddys Chocolat (dem Sophie in ihrem Comic-Blog eine eigene Geschichte mit dem Titel „The Story of Chocolat“ spendiert hat), bereits nach wenigen Fehltritten gefressen hat. Der kleine Bär mit der markanten Persönlichkeit mahnt und warnt, beißt sich aber erstmal die Zähnchen aus. Parallel dazu stieg meine Wut immer weiter an. Je mehr manipulative Machenschaften ans Licht kommen, desto mehr fühlen wir mit Sophie mit, die ihre Selbstzweifel regelrecht krank machen.
Sehr intensiv beschrieben, gleichzeitig aber derart süß und charmant gezeichnet, dass man sich trotz der schweren und ernsten Thematik unweigerlich in „Scheiß auf Liebe“ verliebt. Fast schon paradox, doch die Gefühlsachterbahn ist die Reise mehr als wert. Wenn Sophies knuffiges Cartoon-Alter-Ego endlich befreiend die Hutschnur reißt, erwischte ich mich beim lauten Jubel.
Fazit:
Ich bin schockverliebt! Schockverliebt in die sympathische Sophie, die eine unglaubliche Stärke an den Tag legt. Schockverliebt in die Offenheit, mit der sie stellvertretend vielen Frauen eine Stimme gibt und für das Thema sensibilisiert. Und schockverliebt in die wundervollen Zeichnungen, mit denen Sophie Lambda in jedem Panel perfektes Gespür fürs Timing beweist. Einen derartigen Spagat zwischen Tragik und Komik muss man ohne Leistenbruch erstmal hinkriegen! Volle zehn Herzchen… und ein kleines für den Assi Chocolat obendrauf.

Sophie Lambda, Sophie Lambda, Splitter


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