Ein stylisher und informativer Kunstkrimi
Baton Rouge, 2005: Bei einer gewöhnlichen Haushaltsauflösung wird eine Christus-Darstellung im Stil der Hochrenaissance für $ 1.175,00 versteigert. Der neue Besitzer gibt das Gemälde in die fähigen Hände einer erfahrenen Kunstrestauratorin, die darauf eine interessante Entdeckung macht: ein „Pentimento“, eine nachträgliche Korrektur, welche nahelegt, dass kein Kopist am Werk gewesen sein dürfte. Eine Expertise bestätigt schließlich das Unfassbare: Es handelt sich bei diesem „Salvator Mundi“ um ein bislang unbekanntes Meisterwerk Leonardo Da Vincis höchstpersönlich! Als die Londoner National Gallery das Bild 2011 schließlich als solches präsentiert, hält die Welt den Atem an.
Doch während das Werk zu immer höheren Beträgen – schließlich bei einer schlagzeilenbefeuernden Auktion am 15. November 2017 für eine Rekordsumme von über $ 400.000.000,00 (den Zuschlag erhielt der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman) – den Besitzer wechselt, tun sich wieder und wieder Zweifel an der Echtheit auf. Was ist Kunst wirklich wert ..?
Ein Fall von Kunst
2021 wurde die Dokumentation „Der letzte Da Vinci. Das teuerste Kunstwerk der Welt“ ausgestrahlt. Regisseur und Autor war Antoine Viktine, der damit neue Informationen an die Öffentlichkeit brachte, welche die Kontroversen um das Gemälde neu entfachten. Zunächst sollte das Werk im Louvre Abu Dhabi enthüllt, schließlich als Leihgabe im Pariser Louvre neben der „Mona Lisa“ ausgestellt werden. Dazu kam es jedoch nie – vermutlich, da ein unter Verschluss gehaltenes, wissenschaftliches Gutachten 2018 konstatierte, dass es sich bei dem Bild wahrscheinlich doch „nur“ um eine Werkstattarbeit handelt, und nicht um eine Schöpfung des Meisters selbst. Zweifel an der Echtheit des „Salvator Mundi“, dessen Standort seit der Auktion 2017 unbekannt ist, bewegen Kenner bis heute.
Für die nunmehr bei Knesebeck vorliegende Graphic Novel Salvator Mundi. Das teuerste Gemälde der Welt du das Geschäft mit der Kunst hat Viktine gemeinsam mit dem Investigativjournalisten Sébastien Bourgeaud die Inhalte seiner Dokumentation neu aufbereitet und weiterrecherchiert, um den Fall in Comicform, visuell kongenial umgesetzt vom renommierten Zeichner Érik Liberge, so wirklichkeitsgetreu wie möglich zu rekonstruieren. Dabei wühlen sie sich durch spektakuläre Unsummendeals, diplomatische Intrigen und einer halsabschneiderischen Welt gegenüberstehender künstlerische Ambitionen …
Aufklärungsarbeit
Bis auf einige wenige Zeitsprünge (sowie eine Exkursion zum Moment der Entstehung des „Salvator Mundi“) bewegt das Autorenduo sich chronologisch durch die Geschichte, wobei zumindest einige Dialoge und Aussagen wortgetreu wiedergegeben werden. Szenen, die Spekulation bleiben müssen, werden mit glaubhaften Panels angereichert. Es ist nicht immer leicht, den komplexen Geschehnissen zu folgen und alle Personen, die mit dem Werk in Berührung kommen, auf dem Schirm zu behalten. Dafür bewegt sich die Story aber mit filmgleicher Dynamik voran und reichert sie mit einigen witzigen, verträumten oder auch raffinierten Einfällen an. Aus den schroffen, lebensnahen Zeichnungen, welche mit blassen, fast schwarz-weißen Blau-, Braun- und Grautönen die knallharte Kunstwelt vermitteln, sticht nur der naturgetreue, aquarellige „Salvator Mundi“ angenehm heraus.
Fazit:
Erlöser der Welt oder Betrüger? Göttlicher Funke oder bloße Ware? Ein echter Leonardo oder nicht? Die Graphic Novel stößt viele Fragen an, die dazu einladen, sich weiter mit dem Fall – und mit dem Wesen von Kunst an sich – zu beschäftigen. Ein spannender Ausflug hinter die Kulissen von Auktionshäusern, Produktionsstätten und Museen, der in diesem Format erstaunlich gut funktioniert!

Antoine Vitkine, Sébastien Borgeaud, Éric Liberge, Knesebeck


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