Rotwölfchen

Erschienen: Mai 2021

Couch-Wertung

10
Story
Zeichnung

Story

Die Geschichte ist weitaus mehr als nur „Rotkäppchen in umgekehrt“. Es mag so anfangen, aber Amélie Fléchais macht viel mehr aus dieser Idee, als ich anfangs geglaubt hätte. Der Schluss ist zwar etwas abrupt, passt aber sehr gut zum märchenhaften Charakter der Geschichte.

Zeichnung

Wunderschön, märchenhaft, verträumt – was kann man anderes sagen, zu den meisterhaften Bildern von Amélie Fléchais? Jede Seite ist ein neuer Genuss. Vor allem ist es aber die Mischung aus der düsteren Geschichte mit diesen fast unschuldigen Bildern.

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Nina Pimentel Lechthoff
Ein Märchen, so grausam wie schön

Comic-Rezension von Nina Pimentel Lechthoff Aug 2021

Es war einmal ein kleines süßes Wölfchen...

… das hatte einen wunderschönen roten Umhang, den das Wölfchen immer getragen hat. Darum hieß es Rotwölfchen. Frei nach Charles Perrault stellt Amélie Fléchais das Märchen vom Rotkäppchen auf den Kopf und erzählt eine charmante wie grausame Geschichte. Das kleine Rotwölfchen soll ein Kaninchen, das seine Mutter gejagt hat, der Großmutter bringen. Denn diese hat ihre letzten Zähne verloren und kann nicht mehr selbstständig jagen. Auf dem Weg zu seiner Großmutter lässt sich das Rotwölfchen aber schnell ablenken und schwupps hat es sich verirrt. Und obwohl es seit jeher zu hören bekommt, wie gefährlich der Jäger und seine Tochter sind, nimmt Rotwölfchen die Hilfe eines fremden Mädchens an.

Illustrationen auf höchstem Niveau

Die Geschichte von „Rotwölfchen“ ist sehr reduziert und lebt von den Bildern von Amélie Fléchais. Die wenigen Textpassagen sind im Buch eher wie in einem Bilderbuch angeordnet als in einem „normalen“ Comic. Das unterstreicht einerseits den märchenhaften Charakter der Geschichte. Andererseits kommen die wundervollen Bilder so zur vollen Geltung. Diese sind meist ganzseitig aufgebaut, viele der Bilder erstrecken sich aber über zwei volle Seiten. Das unterstreicht nochmal das Gefühl, man würde ein Bilderbuch lesen statt einem Comic.

Amélie Fléchais schafft es mit ihren Aquarellbildern eine magische und düstere Welt entstehen zu lassen, in der wir vom tiefsten Wald in die düstere Heimat der Menschen getragen werden. Dabei haben die Bilder nicht allzu viele Details – Rotwölfchen ist eigentlich nur roter Kegel mit Strichen als Armen und Beinen und einem spitzen schwarzen Gesicht. Auch die Hintergründe sind wenig realistisch und erinnern eher an eine Collage. Verschiedene Formen und Farben greifen ineinander über. Wie etwa, wenn sich Rotwölfchen und das menschliche Mädchen das erste Mal treffen. Ein Baum im Hintergrund vermischt sich mit Rotwölfchens Kapuze, Rotwölfchens Tränen fließen als dicke Tropfen herunter und bilden eine große Pfütze zu seinen Füßen. Das alles trägt zu einer sehr märchenhaften Atmosphäre bei.

Kinderfreundlich… wie die Originalmärchen der Gebrüder Grimm

Märchenhaft ist hier aber nicht als Disney-Geschichte zu verstehen, sondern geht eher in Richtung „die Stiefschwester schneidet sich die Hacke ab, um in Aschenputtels Schuh zu passen“. Es fängt damit an, dass Rotwölfchen seiner Großmutter ein süßes, kleines – und totes – Hoppelhäschen bringen soll. Da es sich aber verläuft und langsam Hunger bekommt, isst Rotwölfchen das Häschen auf. Wie es langsam aber sicher das ganze Tier aufisst, wird zwar sehr süß gezeichnet, ändert aber nichts an der Tatsache, dass am Ende ein Haufen Kaninchenknochen aus seinem Beutel purzeln. Wem das schon zu gruselig ist, der sollte vielleicht nicht weiterlesen. Denn ohne viel zu verraten, kommt Rotwölfchen in ein grausiges Haus, wo es um sein Leben bangt.

„Rotwölfchen“ ist bei toonfish erschienen, dem Imprint vom Splitter Verlag, wo vor allem Comics für eine jüngere Zielgruppe herausgebracht werden. Ob „Rotwölfchen“ da die richtigen Leserinnen und Leser findet, weiß ich nicht so recht. Ich habe keine Kinder, kann also nicht beurteilen, ob der Comic vielleicht etwas zu gruselig sein könnte. Hätten mir meine Eltern aber „Rotwölfchen“ als Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen, hätte ich ganz bestimmt vom Jäger und seiner Tochter geträumt – und es wäre ganz sicher kein allzu schöner Traum gewesen.

Fazit:

Die Illustrationen von Amélie Fléchais sind ein absoluter Traum! Sie schafft es, eine düstere Atmosphäre zu schaffen, ohne dass die Bilder ihre Schönheit einbüßen. Mir hat es sehr gut gefallen, wie die einzelnen Elemente ineinandergreifen, als hätte Fléchais eine Collage konzipiert. Auch der sehr reduzierte Stil, mit denen sie ihre Figuren zeichnet, finde ich sehr schön. Die Geschichte ist ein sehr cleverer Twist des bekannten Märchens um Rotkäppchen, ohne dass viel „abgeschrieben“ wirkt. Außer die Prämisse, dass eine in Rot gekleidete Figur der Großmutter einen Besuch abstattet und sich dabei vor den Fremden im Wald fernhalten soll, geht die Geschichte in „Rotwölfchen“ in eine andere, sehr interessante Richtung. Ich habe „Rotwölfchen“ sehr gerne gelesen, aber ob der Comic als Gute-Nacht-Geschichte für jüngere Leserinnen und Leser geeignet ist, müsste jeder für sich selbst entscheiden.

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