Ein bisschen „Miss Marple“ und ganz viel „Fargo“… plus sprechendem Hund!
Auf den Hund gekommen
„Gestatten, Friedwart Plüschmann. Weit rumgekommen, gutes Gespür, stubenrein. Ja, ich bin ein Hund… und ziehe jetzt bei der Witwe Rosa ein…, die noch nichts von ihrem Glück weiß.“
Von angriffslustigen Waschbären durch die kalte Nacht gejagt, kommt der Gute schließlich panisch und entkräftet an einem einsam gelegenen Häuschen am Waldrand an. Kratzend und um sein Leben schreiend, versucht er, mit allen Mitteln auf sich aufmerksam zu machen. Und als die renitente Rosa McMill seinem Flehen schließlich nachgibt und die Verfolger ohne mit der Wimper zu zucken in die Schranken weist, ist der Vierbeiner (streng genommen Dreibeiner, aber seht selbst...) ihr derart dankbar, dass er sich einfach mal selber einlädt. Auf Gesellschaft hat Rosa aber mal so gar keine Lust, weshalb sie den Gast erstmal schroff abblitzen lässt. Doch wer kann einem traurigen Hundeblick schon standhalten? Nun, wenn es jemand könnte, dann wohl Rosa, aber den Burschen wieder in die klatschnasse Nacht und zu den zähnefletschenden Waschbären zu schicken, bringt selbst sie nicht übers Herz. Eine(!) Nacht soll es werden… dann ist es mit der Gastfreundschaft aber auch genug.
Wird es nicht, so viel sei verraten. Denn am nächsten Morgen, gerade als über Friedwart Plüschmanns weiteres Schicksal gefeilscht wird, kommt ihm seine Spürnase zu Gute. Er wittert Blut… Menschenblut… und es kommt aus einer Kammer in Rosas Häuschen.
Cold Case
Dort bewahrt Rosa das alte Holzfällerhemd ihres verstorbenen Gatten Robert, kurz Red, auf. Zusammen mit Indizien, die sie im Laufe der Jahre gesammelt hat, denn die Umstände von Reds Ableben waren höchst mysteriös. Man fand ihn nackt und erfroren am Flussufer. Seine Kleidung war um ihn herum verteilt. Laut Polizeibericht hatte er 4,2 Promille im Blut, was selbst den stärksten Ochsen aus der Kurve schießen würde. Nur, dass Red niemals Alkohol angerührt hat. Nicht das einzige ungelöste Rätsel, welches Rosa nun seit 30 Jahren umtreibt. Die Ermittlungen wurden schnell eingestellt, was Rosa auf eigene Faust tätig werden ließ. Offene Türen rannte sie damit nicht ein, ganz im Gegenteil. Doch mit den neuen Beweisen, die dank des guten Riechers von Rosas neuem Mitbewohner auf dem Tisch liegen, ließe sich der Fall noch mal aufrollen. Allerdings ist die Mauer des Schweigens noch immer unüberwindbar hoch. Angefangen beim Kommissar, der den Fall damals „untersuchte“, über den örtlichen Pathologen/Hausarzt/Tierart/Wissenschaftler bis hin zum windigen Betreiber eines lokalen Revue-Theaters und seiner zwielichtig-skrupellosen Gespielin. So richtig redselig ist selbst nach so langer Zeit niemand, aber Rosa will ein für alle Mal aufklären, wer oder was für den Tod ihrer großen Liebe verantwortlich ist.
Sie kann auch Krimi!
Ersponnen und gezeichnet hat diese Whodunit-Geschichte mit vielen falschen Fährten und überraschenden Erkenntnissen Josephine Mark. Die bereits mehrfach ausgezeichnete Künstlerin aus dem Süden von Sachsen-Anhalt begeisterte junge und alte Leserinnen und Leser schon mit ihrem Western „Murr“, dem schrägen Roadtrip „Trip mit Tropf“ und dem herzlichen Kinder-Comic „Der Bärbeiß“. Nun ist sie also auf Krimi-Terrain unterwegs, und das mit Bravour! Gefüllt mit kauzigen und liebenswerten Figuren, würde ich „Red“ so ziemlich jeder Altersklasse in die Hand drücken wollen. Friedwart Plüschmann ist der perfekte Sidekick, um die mysteriöse Atmosphäre immer wieder mit humorvollen Einlagen aufzubrechen. Denn hier geht es nicht nur um die Aufklärung eines vermeintlichen Mordes und dubios-kriminelle Machenschaften, sondern auch um Einsamkeit und was sie aus einem Menschen machen kann. Der plappernde Vierbeiner erweist sich als warmer Schlüssel zu einem gefrorenen Herzen, was ein wohliges Gefühl beim Lesen erzeugt. Josephine Mark drückt genau die richtigen Knöpfe, um diese ganz wunderbare Geschichte vielfältig wirken zu lassen, während clever eingestreute Rückblicke langsam ein genaueres Bild der Ereignisse offenbaren.
Ihre Zeichnungen besitzen eine Menge Charme, das haben bereits Marks vorherige Veröffentlichungen gezeigt. Da ist „Red“ keine Ausnahme, sondern nur ein weiterer Beweis, dass eine ganz eigene künstlerische Handschrift es mühelos schafft, unterschiedlichste Genre-Ecken auszuloten, ohne an Authentizität einzubüßen. Jeder Charakter hat seine Eigenheiten und Alleinstellungsmerkmale. Dass ein sprechender Hund quasi den Startschuss dafür gibt, einen waschechten Cold-Case-Fall wieder aufzurollen, stellt man erstaunlicherweise zu keiner Zeit in Frage. Man nimmt es als gegeben, und es funktioniert!
Fazit:
Ein ebenso unterhaltsamer wie herzlicher Krimi zum Miträtseln. Mit auflockerndem Humor und schrägen Charakteren schafft es Josephine Mark, ihren ganz eigenen Stil in ein weiteres Genre zu übertragen. Rosa und Friedwart Plüschmann bilden ein ungleiches Duo, welches man sehr schnell liebgewinnt.



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