Primordial

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André C. Schmechta
10

Comic-Couch Rezension vonJul 2022

Story

Lemire beweist, wie er eine vermeintlich kleine Idee in eine großartige Geschichte verwandeln kann. Schon von Beginn an fesselt uns eine dichte und geheimnisvolle Mystery-Thriller-Atmosphäre an die Seiten.

Zeichnung

"Primordial" entfaltet seine ganze Faszination erst durch die Bilder. Es ist schon beeindruckend, was Andrea Sorrentino hier abliefert.

Ein in jeder Hinsicht großartiges Werk

1957. Die USA und die Sowjetunion befinden sich im Wettlauf um die Eroberung des Weltalls. Tiere sind lebende Versuchsobjekte. Auf Laika - Hündin der russischen Sputnik 2 Mission - folgen kurze Zeit später die Primaten Able und Mrs. Baker des amerikanischen Weltraumprogramms. Doch weder Hündin noch Affen kehren lebend von ihren Missionen im All zurück. Weitere Versuche ähnlicher Art wird es daher nicht mehr geben, die Programme werden eingestellt. Aber was, wenn die tierischen Heldinnen gar nicht tot sind…?

Im Jahr 1961 werden Doktor Donald Pembrook Unterlagen zugespielt, die Zweifel an der Schilderung der Ereignisse um den Tod von Able und Mrs. Baker aufkommen lassen. Als er auf Yelena Yostrovich - Laikas ehemalige Betreuerin - trifft, scheint es tatsächlich eine Spur zu geben. Hatten Laika, Able und Mrs. Baker möglicherweise Kontakt zu Außerirdischen?

1957 - 2024

Das Gespann Jeff Lemire, Andrea Sorrentino und Dave Stewart hat schon mit der Mystery-Horror-Reihe „Giddeon Falls“ gezeigt, welches kreative Potential es entfalten kann. Und auch in „Primordial“ zeigen sich die drei auf der Höhe ihres Schaffens. Vor dem Hintergrund realer zeitgeschichtlicher Ereignisse um die ersten Tiere im Weltraum entwickeln sie mehr als nur einen spannenden Science-Fiction Comic, der knapp sieben Jahrzehnte - von der Zeit des Kalten Krieges bis in die Nahe Zukunft - umspannt und eine alternative Realität entwirft. Was wäre, wenn die Versuchstiere tatsächlich überlebt haben? Was, wenn sie sogar zur Erde zurückkehren könnten?

Lemire beweist, wie er eine vermeintlich kleine Idee in eine großartige Geschichte verwandeln kann. Schon von Beginn an fesselt uns eine dichte und geheimnisvolle Mystery-Thriller-Atmosphäre an die Seiten. Natürlich gibt es um Pembrook und Yostrovich einige Personen und Organisationen, die etwas gegen die Enthüllung der Wahrheit haben. Die Hauptfiguren sind griffig, harmonieren wunderbar, geben der Geschichte schnell klare Bezugspunkte. Trotz Zeitsprüngen und Perspektivwechsel bleibt die Dramaturgie äußerst geradlinig und dadurch unglaublich packend.

Stete Hoffnung, dass sich die Dinge zum Guten wenden können

Aber es sind die tierischen Protagonisten, die uns innehalten lassen und uns tief berühren. Die Entwicklung von Laika, Able und Mrs. Baker ist raffiniert erzählt, entfaltet sich zunächst zaghaft, bis sie uns mit durchdringender Klarheit mit vielen übergeordneten Aspekten konfrontiert, die der Geschichte ihre tragende Substanz verleihen. Sei es die Frage nach Außerirdischer oder gar göttlicher Existenz, das Universum und die Menschheit an sich und ganz pragmatisch unser Umgang mit tierischem Leben und die Bedeutung von Tierversuchen.

„Primordial“ lässt uns mit einem tief berührenden Ende zurück, lässt uns nachdenken, weckt Sehnsüchte. Es bleibt aber so viel Spielraum für eigene Interpretationen. Da passt auch das von Andrea Sorrentino aufgegriffene Cover-Motiv des Pink Floyd Albums „The Dark Side of the Moon“. Und alle die selber eine Fellnase zu Hause haben, so wie ich, werden möglicherweise sowieso einen speziellen Blick auf die Ereignisse entwickeln.

Es gibt jedenfalls viele emotionale Momente, die „Primordial“ besonders machen und wir fiebern mit Leika, Able und Mrs. Baker mit, drücken Pembrook und Yostrovich fest die Daumen und hoffen so sehr, dass sich die Dinge irgendwie zum Guten wenden können.

Doch Primordial entfaltet seine ganze Faszination erst durch die Bilder. Es ist schon beeindruckend, was Andrea Sorrentino hier abliefert. Bewusst wechselt er Stilmittel, um den Lauf der Jahre und unterschiedliche Handlungsebenen abzugrenzen. Mit experimentellen Collagen bricht er förmlich Raum und Zeit auf. Mal sind es tiefe, schwarze Schatten, die seinen Bildern einen düsteren Look verleihen. Dagegen stehen Szenen mit filigranem Strich und viel weißem Raum. Gesichtszüge bei Menschen und Tierem sind eindrücklich gezeichnet. Und das alles findet sich dennoch harmonisch komponiert auf stets variierenden Panels und abwechslungsreich gestalteten Seiten.

Fazit:

„Primordial“ ist ein in jeder Hinsicht großartiges Werk, das lange nachklingt und den drei tierischen Weltraum-Pionieren auch durchaus noch mal ein neues Denkmal setzt. Und ich greife schonmal vorweg: Für mich haben Lemire, Sorrentino und Stewart definitiv einen ganz heißen Anwärter auf den Titel „Buch des Jahres“ erschaffen.

Primordial

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