Text:   Zeichner: Licia Cascione

Oscar Wilde - Die Comic-Biografie

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Yannic Niehr
5101

Comic-Couch Rezension vonApr 2026

Story

Die Zitate von und über Oscar Wilde bereichern den Text, der ansonsten nicht genug Kontur hat, um dessen Leben wirklich wiederzugeben.

Zeichnung

Der eigenwillige Zeichenstil hat zweifelsohne Ausdruckskraft, passt aber atmosphärisch leider nur bedingt zum Inhalt.

Poetling, Dandy, Ästhet

Am 16. Oktober 1854 wird in Dublin ein Mensch geboren, der sich bei jenen ganz besonderen Freigeistern einreihen wird, die Kunst und Kultur nachhaltig prägen: Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde kam durch die Übersetzertätigkeit seiner aktivistischen Mutter früh mit Künstlern und Kosmopoliten in Kontakt.  Bereits während seines Literaturstudiums in Oxford machte er sich einen Namen als Schöngeist, Lyriker und scharfzüngiger Beobachter mit Witz, Intelligenz und Charme – seine ausschlaggebende Merkmale, die seine illustre, wenn auch kontroverse Karriere begleiten sollten. Als Unikum machten ihn nicht nur seine Gedichte, Romane und Theaterstücke weltbekannt, sondern verfasste er auch Essays und unternahm internationale Vortragsreisen. Seine neben der Ehe mit Constance Lloyd für damalige Verhältnisse recht offen gelebten homosexuellen Liebschaften wurden ihm im viktorianischen England schließlich zum Verhängnis: In einem legendären Prozess wurde er 1895 zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt. Von dieser Zeit konnte er sich nie in Gänze erholen und starb schließlich am 30. November 1900 verarmt im französischen Exil. Nun haben sich die italienischen Comic-Künstler Tommaso Vitiello und Licia Cascione vorgenommen, Oscar Wilde in einem von ihm gänzlich unberührten Medium – der Graphic Novel – ein weiteres Denkmal zu setzen …

„Ich bin dazu geboren, im Sessel zu sitzen und kluge Bemerkungen zu machen“

Zu den bekanntesten Werken des irischen Literaten Oscar Wilde dürfte wohl Das Bildnis des Dorian Gray, eine Abhandlung über Schein und Sein, über die Flüchtigkeit von Jugend, die Natur der Schönheit und die Masken, welche einem die Gesellschaft aufzwingt, zählen, doch auch die geistreiche Komödie Bunbury, or: The Importance of Being Earnest, jüngst vom National Theatre in London in einer spektakulären Live-Stream-Version inszeniert, gehört dazu. Noch mehr als seine Werke aber macht seine Persönlichkeit Oscar Wilde zu der unverkennbaren Kultfigur, die er bis heute für die Literaturszene im Allgemeinen sowie die queere Community im Besonderen ist: Jeder dürfte innerlich das Bild von ihm vor Augen haben, wie er, elegant in Pelz gekleidet, mit einem stilvollen Gehstock in der Hand, auf einem Stuhl thront und scharf beobachtet – sowie dabei sicher die ein oder andere spitze, aber unterhaltsame und wahrhaftige Bemerkung macht. Nicht nur hat er quasi im Alleingang den Dandyismus geprägt, auch besaß er einen untrüglichen Blick für das Schöne.

Leider kann diese Comic-Biografie seinem ikonischen Status nicht gerecht werden. Anstatt sich rein chronologisch durch sein Leben zu bewegen, ist die Handlung in thematische Komplexe gegliedert und springt schonmal wild in Zeit und Setting herum. Es ist erfrischend, dass die Lesenden hier nicht an die Hand genommen werden, sondern sich aus den vielen, liebevoll eingestreuten Zitaten selbst ein Bild von Wilde zusammensetzen können. Doch wirklich nähergekommen fühlt man sich ihm nach der recht kurzweiligen Lektüre nicht.

„Die Gesellschaft verzeiht einem Verbrecher, aber niemals einem Träumer …“

Die Texte des preisgekrönten Drehbuch- und Videospielautors sowie Dozenten für Kreatives Schreiben Tommaso Vitiello bereiten einfühlsam Wildes Beziehungen zu den wichtigsten Menschen in seinem Leben auf und erzählen eine Geschichte davon, wie sie ihn im Guten wie im Schlechten zu mitgeformt haben, ohne dass sich seine Einzigartigkeit und sein Schicksal darin erschöpfend erklären ließen. Trotz einiger klassischer Wilde-Sprüche nimmt sich die Story (bis auf wenige Ausnahmen, wie z.B. Protegé Robert Ross) aber nicht die Zeit, Figuren eingehend zu porträtieren. Dies könnte damit wettgemacht werden, dass man mehr über die Inhalte und Inspirationen zu Wildes großen Schöpfungen und deren Wechselwirkungen mit seiner Biografie erfährt – doch ist auch dies nicht der Fall, werden die wichtigsten Schlaglichter lediglich im Schnelldurchlauf erwähnt.

Die Illustrationen von der resilienten self-made-Künstlerin Licia Cascione sind dynamisch und voller guter Ideen, können aber nicht im Alleingang die Mammutaufgabe stemmen, zu einem tieferen Verständnis der Person Oscar Wildes beizutragen. Es handelt sich zwar unverkennbar um eine Arbeit mit Herzblut mit einem gewissen „punkigen“ Charme. Durch ihre Oszillation zwischen „zu stilisiert“ und „nicht stilisiert genug“ fangen die Zeichnungen jedoch weder die Stimmung einer repressiven Gesellschaft, noch den klaren ästhetischen Blick des sich darin bewegenden Künstlers ein.

Fazit:

Material über Oscar Wilde und seine weitreichende Bedeutung gibt es in den verschiedensten Gattungen und Genres bereits zuhauf. Die Comic-Biografie ist eine hübsche Ergänzung für Comic-Liebhaber und/oder solche, die noch nie von Wilde gehört haben, allerdings kratzt sie leider nur an der Oberfläche.

Oscar Wilde - Die Comic-Biografie

Tommaso Vitiello, Licia Cascione, Knesebeck

Oscar Wilde - Die Comic-Biografie

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