Nur noch Stille

Nur noch Stille
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André C. Schmechta
10

Comic-Couch Rezension vonOkt 2022

Story

Unerwartete Wendungen, eine sorgfältige Charakterzeichnung der Hauptfigur und viele emotionale Momente sorgen für Spannung, Tiefe und Dramatik.

Zeichnung

Für die passende Atmosphäre sorgen die sehr gut komponierten Panels, die mit vorrangig erdigen Farben, weichen und klaren Konturen eine gewisse Harmonie, aber auch eine reizvolle, idyllische Tristesse ausstrahlen. Trotz stimmungsvoll ausgearbeiteter Details drängen sich die Bilder nicht auf, lassen der Geschichte und ihren Figuren ihren Raum.

Noir-Krimi, packender Thriller und aufwühlendes Drama vor historischer Kulisse.

1939. In Augusta Falls, einem kleinen Ort im Bundesstaat Georgia, erschüttern grausame Morde an kleinen Mädchen die ländliche Idylle. Auch den zwölfjährigen Joseph Vaughan nehmen die Ereignisse mit, denn unter den Opfern ist eine Klassenkameradin. Mit ein paar Freunden beschließt er abendlich zu patrouillieren, die Gegend zu beobachten, um so die Kinder des Ortes möglicherweise zu schützen. Doch vergeblich…

„Tatsache ist, dass ich scheinbar unerschöpfliche Vorräte an Schmerz hatte…“

„Nur noch Stille“ basiert auf dem Roman „A Quiet Brief in Angels“ von R. J. Ellroy aus dem Jahr 2007, der aber meines Wissens noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen ist. Mir selber war die Geschichte bis dato nicht bekannt, wie nah die Graphic Novel von Fabrice Colin und Richard Guérineau am Originaltext ist, kann ich daher nicht beurteilen.

Aber um es vorweg zu nehmen, die beiden französischen Künstler machen hier auf knapp über 100 Seiten alles richtig. „Nur noch Stille“ hat mich durchweg beeindruckt. Das liegt an den vielen erzählerischen Ebenen, die hier wunderbar ineinandergreifen. Unerwartete Wendungen, eine sorgfältige Charakterzeichnung der Hauptfigur und viele emotionale Momente sorgen für Spannung, Tiefe und Dramatik.

„Vielleicht wollte ich nur Schriftsteller werden, um den Schmerz in eine Geschichte zu verwandeln…“

Die Ereignisse in „Nur noch Stille“ umfassen mehrere Jahre. Zunächst lernen wir Joseph Vaughan als Heranwachsenden im Alter von 12 Jahren im ländlich geprägten Arbeitermilieu von Augusta Falls kennen. Der zweite Weltkrieg und seine Auswirkungen auf die sozialen Strukturen sind essentieller Teil der Entwicklungen. Ängste, Gewalt, Selbstjustiz… die immer stärkere Dynamik verändert das Zusammenleben in dem kleinen Ort. Die Morde reißen nicht ab. Immer wieder werden missbrauchte, bestialisch zugerichtete Mädchen entdeckt.

Später begleiten wir Joseph Vaughan als jungen Erwachsenen in das moderne New York der 40er Jahre. Seine schriftstellerische Begabung findet hier die erhoffte Anerkennung. Teilweise poetisch, nachdenklich und kraftvoll zugleich sind dann auch die Schilderungen von Joseph, aus dessen Perspektive durchweg erzählt wird. Er ist der Mittelpunkt der Geschichte und von allen Charakteren derjenige mit den meisten Facetten. Niedergeschlagenheit, Verzweiflung, Trauer, Wut, Liebe und Zuneigung … wir fühlen mit ihm, haben Teil an seinem emotionalen Gefühlschaos. Teilweise durchlaufen wir bedrückende Episoden, warten auf einen Hoffnungsschimmer. In New York muss sich Joseph fragen, ob der Täter ihm sogar bis hierher gefolgt ist, denn das Schlimmste scheint noch immer nicht überstanden. Liegt die Wahrheit doch in Augusta Falls?

„Ich konnte leben, das tat ich auch - auch wenn ich nicht genau wusste wie.“

Für die passende Atmosphäre sorgen die sehr gut komponierten Panels, die mit vorrangig erdigen Farben, weichen und klaren Konturen eine gewisse Harmonie, aber auch eine reizvolle, idyllische Tristesse ausstrahlen. Trotz stimmungsvoll ausgearbeiteter Details drängen sich die Bilder nicht auf, lassen der Geschichte und ihren Figuren ihren Raum. Umso eindringlicher erscheinen Szenen in Dunkelheit. Beinahe schrill wirken die wenigen Szenen, in denen tiefes, leuchtendes Rot die Dramatik betont. Richard Guérineau findet einen sehr guten Rhythmus in den Perspektiv- und Formatwechseln der Panels, die uns gelegentlich auch innehalten lassen.

Fazit:

„Nur noch Stille“ ist Noir-Krimi, packender Thriller und aufwühlendes Drama vor historischer Kulisse. Ein atmosphärisch dichtes und mitreißendes Werk - und für mich ein Comic-Highlight des Jahres.

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