Niemals

Erschienen: März 2021

Couch-Wertung

10
Story
Zeichnung

Story

Duhamel brennt für die Leserinnen und Leser ein emotionales Feuerwerk ab. Wichtige Themen, die sowohl dramatisch als auch sehr humorvoll umgesetzt sind. Ein echtes Comic-Juwel!

Zeichnung

Charaktere, Umgebungen, Farben… alles perfekt. Ich liebe jedes einzelne Panel in „Niemals“!

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Marcel Scharrenbroich
Eine Omi mit BUMMS!!!

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Jul 2021

„Kümmern Sie sich um Ihre Stadt und ich kümmere mich um mein Haus.“

Diese Ansage der 95-jährigen Madeleine Proust ging an den Bürgermeister von Troumesnil, einem beschaulichen Badeort in der Normandie, und soll dem Stadtoberhaupt unmissverständlich klarmachen, dass sie sich nicht aus ihrem gemütlichen Häuschen vertreiben lässt. Dieses ist direkt an der Steilküste gelegen. Und wenn ich sage AN der Steilküste ist das noch schwer untertrieben, denn die voranschreitende Erosion macht vor ihrem Grundstück keinen Halt. Da die gute Madeleine seit Geburt an blind ist, bekommt sie nicht mit, dass ihr geliebter Garten bereits der Vergangenheit angehört und sich Stück für Stück in die Tiefe verabschiedet. Bis die Folgen des Klimawandels auch ihre sicheren vier Wände, die sie sich nach dem spurlosen Verschwinden ihres Gatten Jules auf hoher See mit ihrem Kater Balthazar teilt, gen Erdboden ziehen, ist es nur noch eine Frage der Zeit. Und diese geht dem Bürgermeister aus, da ein Unwetter Richtung Steilküste zieht. Ein Umzug in eine Seniorenresidenz, die der Beamte der äußerst renitenten Dame regelmäßig ans Herz legt, lehnt Madeleine bissig ab. Auf den Mund gefallen ist sie nämlich nicht. Man sollte jetzt nicht meinen, dass der Bürgermeister aus reiner Nächstenliebe handelt, sieht er sich doch viel mehr in der Pflicht, da er für den Schutz seiner Bürgerinnen und Bürger verantwortlich ist und eine Verurteilung befürchtet, sollten Madeleine und ihr brüchiges Häuschen den Abflug machen. Selbst die Feuerwehr, vertreten durch den verständnisvollen Leutnant Ouedraogo, warnt eindringlich, weshalb der Bürgermeister und seine schrätelige Gattin sogar fies in die Trickkiste greifen. Doch Madeleine lässt sich nicht so einfach aufs Korn nehmen. Sie mag zwar blind sein, aber nicht blöd… und fährt explosives Gerät bei der Verteidigung ihres geliebten Heims auf.

„Alle klagen über das Wetter. Aber es findet sich niemand, der etwas dagegen tut.“
-Mark Twain (amerikanischer Schriftsteller; 1835 – 1910)

Schon das erste Treffen von Madeleine und dem Bürgermeister auf dem Fischmarkt macht klar, wie die beiden zueinander stehen. Sie, deren Begrüßung bereits frostig ausfällt, was durch eine entsprechende Darstellung der Sprechblase nochmals visuell unterstrichen wird, und er, der tölpelhaft nach Worten ringt und von einem Fettnäpfchen ins andere stolpert. Oh ja, Madeleine zeigt dem Schlips- und Amtsträger verbal die Grenzen auf und lässt ihn trotz Blindheit und dem einem stolzen Alter von 95 Jahren am langen Arm verhungern. Gleichzeitig lässt sie uns Leser aber auch in ihr Allerheiligstes und zeigt andere Seiten von sich. Nachdenkliche und verletzliche Seiten. Beißender Humor und tieftraurige Dramatik liegen hier nah beieinander.

Erfreulich ist, dass hier zwar die Folgen des Klimawandels thematisiert werden und Stein des Anstoßes sind, der Zeigefinger jedoch unten bleibt. Es wird gemahnt, jedoch dezent und die bewegende Geschichte, die ein Einzelschicksal in den Fokus stellt, nicht überschattend. Wenn Madeleine die Blumen in ihrem putzigen Garten gießt und die Berieselung schon genügt, um das Beet am Rande des Steilhangs von ihr unbemerkt nach unten bröseln zu lassen, hat das einen typischen Comic-Humor, dessen Tragik-Komik uns das Lachen jedoch verschlucken lässt. Solche Grenz-Momente gibt es immer wieder. Beispielsweise auch, wenn ausgerechnet ein plötzlicher Platzregen dafür sorgt, dass Madeleine beim Versuch, ihre nicht mehr vorhandenen Blumen zu gießen, vorm vorzeitigen Ableben durch einen Sturz in die Tiefe bewahrt wird. Große und nachdenklich stimmende Erzählkunst.

Malerisch…

…ist nicht nur der verträumte Blick über das malerische Küstenstädtchen Troumesnil, sondern jede einzelne Seite und jedes einzelne Panel in Bruno Duhamels großartigem Werk „Niemals“. Mit angenehm leichten Cartoon-Einschlag trifft er genau den richtigen Ton und balanciert zwischen schwarzhumorigen Volltreffern und sanften Momenten, die sich auf charmante Weise vorm frankobelgischen Klassiker „Asterix“ verbeugen. Die liebenswerte Darstellung der Figuren sorgt sofort dafür, dass man diese ins Herz schließt. In erster Reihe steht da natürlich die wortgewandte Madeleine, die sich daheim mit ihrem abwesenden Gatten unterhält, als hätte er nie das Haus verlassen. Zur stetigen Verwunderung des dicklich-gemütlichen Katers Balthazar. Wie die blinde, betagte Dame ihren Alltag beschreitet, ist gleichsam bewundernswert und bittersüß. Höchst emotional und mit trockenem Witz erzählt, spiegeln sich diese Gefühle auch komplett in der künstlerischen Umsetzung wider.

Das wunderschöne Cover mit dem tiefblauen Himmel und den flockigen Wolken darf man als Indikator dafür nehmen, was im Innenteil auf die geneigten Leserinnen und Leser wartet. Die Kolorierung ist nahezu perfekt und in jedem Detail stimmig. Von vorne bis hinten eine Augenweide!

Fazit:

Eine unbedingte Leseempfehlung, da „Niemals“ sich gleich zwei wichtigen Themen zuwendet, vor denen man nicht die Augen verschließen sollte… und es irgendwann nicht mehr KANN: dem Voranschreiten des Klimawandels und dem Älterwerden. Beides gelingt Bruno Duhamel vortrefflich und hätte nicht besser umgesetzt werden können.

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