Stadtpsychotiker
Suchen und Beobachten
„Stadt aus Glas“ (1985): Daniel Quinn, nach dem Verlust seiner Familie zur selbstgewählten Einsamkeit verdammt, lebt eigentlich nur noch für das Schreiben. Unter dem Pseudonym William Wilson schreibt er düstere Noir-Krimis, in denen sich alles um den Ermittler Max Work dreht. Ein Charakter, mit dem Quinn sich sehr identifizieren kann. Ein wenig zu sehr, um es noch als ein gesundes Verhältnis zwischen Autor und fiktiver Figur bezeichnen zu können. Der mehr als graue Alltag wird aufgebrochen, als sich ein mysteriöser Anrufer in der Leitung verirrt, der den Privatdetektiv Paul Auster sprechen möchte. Ein Irrtum, doch nach mehreren Anläufen springt Quinn darauf an. Er gibt sich als Auster aus und willigt kurzerhand ein, sich mit seinem unbekannten Klienten zu treffen. Das Gespräch im Appartement von Peter Stillmann verläuft zunächst holprig, da der Mann eindeutig mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen hat. Virginia, Stillmans Gattin, bringt jedoch Licht ins Dunkel. Sie war einst Sprachtherapeutin, Peter über Jahre ihr Patient. Sein Fall schlug damals hohe Wellen, denn Peters Vater, Peter Stillman Senior, ein ehemaliger College-Professor mit Hang zu religiösem Fanatismus, sperrte seinen Sohn über Jahre in ein dunkles Zimmer ein. Neun lange Jahre, ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt, komplett isoliert. Diese Zeit hinterließ Spuren. Als Stillman Senior das Scheitern seines „Experiments“ erkannte, legte er Feuer in der Wohnung. Ein Gericht erklärte ihn für geisteskrank, während der junge Peter in die Obhut von Ärzten kam. Nun soll Stillman Senior entlassen werden. Besonders besorgniserregend, da er seinem Sohn vor zwei Jahren einen Brief zukommen ließ, in dem er schrieb, dass der Tag der Abrechnung kommen werde. Quinn, der sich noch immer als Paul Auster ausgibt, wohl aber eher schon mit seiner Romanfigur Max Work verschmolzen scheint, will sich an die Fersen von Peter Stillman Senior heften.
„Schlagschatten“ (1986): Blue hat das Detektivbüro von Brown übernommen, der seinen Nachfolger alles lehrte, was in der Branche von Bedeutung ist. Im Beschatten ist er gut wie erfahren, was Blue für seinen nächsten Auftrag prädestiniert. Der Auftraggeber ist White, für den Blue einen Mann namens Black auf Schritt und Tritt folgen soll. Akribisch und vor allem aus sicherer Entfernung. Seine Beobachtungen soll er in wöchentlichen Berichten festhalten, die er anschließend an ein Postfach sendet. White ist äußerst sparsam, was weitere Erklärungen angeht, doch Blue ist auf das regelmäßige Einkommen angewiesen. Also stellt er keine Fragen. Vorerst. Während die Monate dahinziehen und Blue Black lediglich aus der gegenüberliegenden Wohnung dabei beobachtet, wie dieser eifrig in Notizbücher schreibt, beginnt er neugierig zu werden. Was macht er hier eigentlich? Wohin soll das führen? Wer ist Black? Und in welcher Beziehung steht er zu White? Oder… sind sie gar ein und dieselbe Person?
„Hinter verschlossenen Türen“ (1987): Der Erzähler berichtet uns von einem Jungen namens Fanshawe, mit dem er einst aufgewachsen ist. Fanshawe war ein außergewöhnlicher Bursche, das könnten alle bestätigen, deren Wege er kreuzte. Lebens- und abenteuerlustig, gesegnet mit einem starken Gerechtigkeitssinn und charismatisch. Der geborene Lebenskünstler, was neben starker Bewunderung auch einen Hauch von Neid in seinem Jugendfreund hervorrief. Irgendwann gingen ihre Wege jedoch auseinander. Man wird älter, orientiert sich neu, man kennst sowas. Umso überraschter ist unser Erzähler, als Fanshawe nach jahrelanger Abstinenz wieder in sein Leben tritt. Allerdings nicht so, wie man es erwarten könnte. Ihn erreicht ein Brief von Sophie, Fanshawes Ehefrau. Sie heirateten vor drei Jahren, wurden Eltern vom kleinen Ben, doch dann verschwand Fanshawe spurlos. Die Polizei tappte im Dunkeln und auch die Ermittlungen eines Privatdetektivs verliefen im Sande. Fast so, als wolle Fanshawe nicht gefunden werden. Fanshawe wollte aber, dass seine nie veröffentlichten Manuskripte an seinen früheren Freund weitergegeben werden. Dem besten und einzigen Freund, den er je hatte. Sollte dieser zu dem Schluss kommen, dass seine Arbeiten es wert wären, veröffentlicht zu werden, solle er es tun. Ein letzter Vertrauensbeweis. Sophie hat sich damit abgefunden, dass Fanshawe wahrscheinlich tot ist. Ob freiwillig oder unfreiwillig, würde sie wohl nie erfahren. Und so scheint es als Wink des Schicksals, dass Sophie und der Erzähler sich näherkommen. Um ihn war es schon beim ersten Anblick geschehen und auch Sophie sucht wieder Nähe. Auch Ben hat der Erzähler schnell ins Herz geschlossen. Wer hätte gedacht, dass der stets uneigennützige Fanshawe ihm nach jahrelanger Funkstille über Umwege das Familienglück in den Schoß legen würde? Der Erzähler bestimmt nicht… umso überraschter ist er, als er plötzlich einen Brief von Fanshawe höchstpersönlich erhält.
Die Suche nach dem Sinn
Paul Auster (1947 – 2024), gefeierter Romancier, aber auch Übersetzer, Drehbuchautor, Regisseur und Kritiker (nicht zuletzt einer des amtierenden US-Präsidenten, dem er während seiner ersten Amtszeit den schmissigen Namen „Monster“ verpasste), wurde mit seiner „New-York-Trilogie“, die die oben zusammengefassten Geschichten enthielt und zwischen 1985 und 1987 entstand, weltbekannt, nachdem erste literarische Gehversuche eher am Rande wahrgenommen wurden. „Stadt aus Glas“, „Schlagschatten“ und „Hinter verschlossenen Türen“ eint, dass sie im Kern als klassische Detektivgeschichten beginnen, wie sie auch von den Hard-Boiled/Noir-Vorbildern Austers zu Papier gebracht wurden. Raymond Chandler und Dashiell Hammett dienten besonders als Inspiration, allerdings verehrte Auster auch wegweisende Autoren wie Samuel Beckett, Albert Camus, Charles Dickens, Franz Kafka, Leo Tolstoi und William Shakespeare. Seine Werke also auf schlichte Kriminalliteratur herunterzubrechen, wäre einfach zu wenig. Nichts gegen handfeste Krimis, doch Paul Auster beschränkte sich nicht nur auf einen nachvollziehbaren Fall, dessen Auflösung sich Stück für Stück erarbeitet wird. Nein, er schickte seine Protagonisten auf abenteuerliche, nicht selten existentielle Reisen, in deren Verlauf sie sich hauptsächlich mit sich selber auseinandersetzen müssen. Figuren verlieren sich in ihren eigenen Welten, werden gezwungen, auf der Suche nach Selbsterkenntnis ohne Halt in Abwärtsspiralen zu taumeln, in denen Realität und Fiktion immer schwerer auseinanderzuhalten sind. Manische Verhaltensweisen nehmen Überhand, während das Hier-und-Jetzt von Was-einmal-war und Was-könnte-sein in die Zange genommen wird. Postmoderne Literatur, der man sich öffnen, aber ebenso leicht komplett verschließen kann. Verständnis hätte ich für beide Seiten.
Obwohl ich Austers Bestreben nachvollziehen, seine Intensität schätzen und den Zwiespalt seiner Protagonisten spüren kann, muss ich doch ernüchternd auf das so ganz und gar nicht literarisch anspruchsvolle Sprichwort „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“ zurückgreifen, denn seine Geschichten, die allesamt ähnlich aufgebaut sind, legen das vordergründige Krimi-Gerüst recht schnell auf die analytische Couch, während genüsslich in der Psyche des jeweiligen Akteurs herumgerührt wird. Da mag herausstechen, dass Auster mit Meta-Ebenen spielt, indem er sich selbst als Charakter hineinschreibt, oder gar Querverweise innerhalb der Geschichten herstellt, was mich als Leser aber nur bedingt weiterbringt. Das mag Auster Erkenntnisse gebracht haben, was mich natürlich freut, sich aber wohl am ehesten an eine Leserschaft richtet, die sich auf eine psychologische Analyse-Tauchfahrt begeben möchte, bei der das anschließende Debattieren noch der größte Spaß sein dürfte.
Als Comic geeignet?
Ein ganz klaren „Jein“. Paul Karasik und David Mazzucchelli adaptierten „Stadt aus Glas“ bereits 1994. Zehn Jahre nachdem Karasik, der zu jener Zeit der Kunstlehrer von Austers Sohn war, erste Zeichnungen zu „Stadt aus Glas“ anfertigte, an diesen vorerst aber nicht weiterarbeitete, nahm das Projekt Form an. Als Art Spiegelman, Schöpfer des erschütternden Comic-Meisterwerks „Maus“ (als vollständige Ausgabe erschienen bei FISCHER) seinem Freund Karasik nämlich davon erzählte, dass er nach Zeichnern für eine Umsetzung von Austers komplexen Werk sucht, war es, als hätte König Zufall Karasik höchstpersönlich ein goldenes Ei vor die Tür gelegt. Den Stil, den Karasik und Mazzucchelli letztendlich wählten, entspricht auch eher dem Underground-Charakter. Dicke Tuschelinien, die bisweilen erdrückend wirken. Die räumliche Darstellung ist gelungen, charakteristische Zeichnungen bleiben hingegen oberflächlich.
Für „Schlagschatten“, welchen Karasik mit Co-Autor Lorenzo Mattotti umgesetzt hat, hat der Zeichner ordentlich an der Stil-Schraube gedreht. Größtenteils eine Bildergeschichte, die für sich stehende Zeichnungen strikt von originalbelassenen Textblöcken trennt, sind die Bilder düster und expressionistisch, dafür aber sehr detailreich. Kräftige Bleistift-Schraffuren, die zwischenzeitlich gewohnte Comic-Formen inkludieren. In ihrer Darstellung sind mir die Bilder insgesamt zu steif und es lässt sich kein „Fluss“ erkennen, von dem ich mich hätte mitreißen lassen können.
Komplett gegensätzlich verhält es sich bei „Hinter verschlossenen Türen“. Diese Umsetzung stammt komplett von Paul Karasik, der für ästhetische Charaktere zwar noch immer keinen Schönheitspreis gewinnt, aber der Geschichte deutlich mehr Platz zum Atmen lässt. Ein verschachteltes Familiendrama in hellen Tönen, weichen Übergängen und ein paar mutigen, kreativen Experimenten, die wohl sehr in Paul Austers Sinn wären.
Fazit:
Literatur-Enthusiasten, die „edgy“ Werke mögen und in den Himmel loben, sobald beim Anti-Mainstream um die Ecke gedacht werden muss/kann, mögen mich dafür in der Luft zerreißen, aber Paul Auster kratzt mit seiner „New-York-Trilogie“ ganz arg an der weit geöffneten Tür zur Selbstverliebtheit. Als Comic-Umsetzung sind die textlastigen Geschichten nur bedingt geeignet, was Paul Karasik mit seiner Adaption von „Hinter verschlossenen Türen“ dank einiger kreativer Kniffe noch am besten bewerkstelligt.

Lorenzo Mattotti, Paul Karasik, Paul Auster, Paul Karasik, David Mazzucchelli, Reprodukt


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