Nailbiter - The Murder Edition Vol. 1

Nailbiter - The Murder Edition Vol. 1
Nailbiter - The Murder Edition Vol. 1
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Marcel Scharrenbroich
9101

Comic-Couch Rezension vonAug 2023

Story

Die Kleinstadt-Fassade bröckelt nicht, sie wird komplett eingerissen. Crime-Fans werden nicht enttäuscht.

Zeichnung

Recht kantige Charaktere, die ein wenig unter ihren diffusen Proportionen leiden. Die gelungene Kolorierung stimmt mich hier gnädig.

Es war einmal ein Mord… und noch einer… und noch einer… und…

Gentlemen knipsen, Serienkiller… beißen.

Twin Peaks, Haddonfield, Woodsboro… allesamt Städte, in denen man nicht tot über dem Zaun hängen möchte. Auf den ersten Blick vielleicht urig und idyllisch, doch hinter der Fassade tobt oft das Grauen. Wem ein Kurztrip in diese Örtchen noch nicht den Angstschweiß auf die Stirn treibt, sollte vielleicht mal einen Abstecher nach Buckaroo im US-Bundesstaat Oregon einplanen. Dort fliegen wortwörtlich die Fetzen, denn das Städtchen hat bislang sechzehn der blutrünstigsten Serienkiller hervorgebracht. Klar, wir im Ruhrgebiet zucken da müde mit den Schultern, aber warum ausgerechnet Buckaroo wie am Fließband Massenmörder in die Welt kotzt, möchten die Behörden schon gerne begründet haben.

Nicholas Finch, Officer beim Militärgeheimdienst, hat sich Hals über Kopf nach Oregon aufgemacht. Ein Anruf seines alten Kollegen Eliot Carroll schien von äußerster Dringlichkeit. Carroll hat vor Ort Ermittlungen über die sogenannten Buckaroo-Bestien angestellt, ging er doch fest davon aus, dass es eine Verbindung zwischen den sechzehn Killern geben muss. Nun schien er nach intensiven Recherchen auf die Lösung des Rätsels gestoßen zu sein. Finch kommt die Ablenkung gerade recht, läuft gegen ihn aktuell noch ein Ermittlungsverfahren. Vom Dienst suspendiert und auf den Prozess wartend, war Finch bei Carrolls Anruf sogar so weit, sich kurzerhand selbst die Birne wegzupusten. Das muss jetzt erstmal warten…

Im Killer-Kaff angekommen, wartet allerdings nicht des Rätsels Lösung auf Finch, denn von seinem Freund gibt es weit und breit keine Spur. Dass er dort akribisch ermittelt hat, kann Officer Shannon Crane bestätigen. Sie versucht händeringend, den Laden zusammenzuhalten. Das ist auch bitter nötig, hat Buckaroo doch ziemlich schräge Gestalten zu bieten. Sogar abseits von blutigen Tatorten ist das Hauptthema der Stadt allgegenwärtig. Nicht zuletzt dank eines eigenen Serienkiller-Souvenir-Shops, einer geplanten Killer-Convention und der Rückkehr einer Legende, die selbst für Buckaroo-Verhältnisse für große Augen sorgt: der Nailbiter.

Wir wollen jetzt nicht das amerikanische Rechtssystem auseinandernehmen, aber irgendwas scheint gehörig falsch zu laufen, wenn ein Kerl, auf dessen Konto allein in Kalifornien sechsundvierzig(!) Morde (und so ziemlich jedes andere denkbare Verbrechen) gehen, von der Jury freigesprochen wird. So geschehen bei Edward Charles Warren, der seinen entführten Opfern feinsäuberlich das Fleisch von den Fingerknochen nagte, bevor er sie komplett abmurkste. Ein wahres Prachtstück. Dass er sich in Buckaroo im Haus seiner Eltern niedergelassen hat, sorgt innerhalb der Stadt also nicht zwingend für begeisterten Applaus.

Finch findet heraus, dass sein Freund Eliot Carroll Kontakt zum Nailbiter aufgenommen hatte und die beiden sich regelmäßig trafen. Hat Warren sich kurzerhand ein dankbares nächstes Opfer gesucht oder hat diese verfluchte Stadt eine neue Bestie hervorgebracht? Carroll bleibt zunächst verschwunden, und die Straßen färben sich erneut blutrot…

Hier schweigt KEIN Lamm!

Wer eine Vorliebe für düstere Crime-Storys hat, ist hier goldrichtig. Die fiktive Serienmörder-Prominenz gibt sich hier die Klinke in die Hand und hört auf klangvolle Namen wie der Stummfilmkiller, die Blondine, der Piratenkiller, die schrecklichen Zwei, der Buch-Pyromane oder eben… Nailbiter, der seinen Opfern genüsslich die Nägel bis zum Anschlag runterknabbert. Im Laufe der Story tauchen wir immer tiefer in die Geschichte von Buckaroo ein und lernen, wie die berüchtigten Killer mit den „normalen“ Bewohnern der Stadt in Verbindung stehen. Nebenher hat Hauptfigur Finch noch mit seiner eigenen finsteren Vergangenheit zu kämpfen, während jeder Stein auf der Suche nach seinem vermissten Freund umgedreht wird. Es gibt also Konfliktpotential an jeder Ecke… und das ist unglaublich unterhaltsam und spannend. In einem Kapitel verschlägt es sogar einen bekannten amerikanischen Comic-Autor nach Buckaroo, der dort für ein neues Projekt recherchieren will. Fast schon augenzwinkernd, wirft „Nailbiter“-Schöpfer Joshua Williamson die Schatten so doch weit über die Comic-Realität hinaus.

Williamson, bekannt für seine Arbeiten „Birthright“ (CROSS CULT), „Ghosted“ (PANINI), aktuell „Dark Ride“ (IMAGE) und zahlreiche DC-Beiträge, treibt den Hype um Serienmörder, der besonders in den Staaten ausgeprägt ist, mit feinem Gespür für Wahnsinn auf die Spitze. Wo werdende Mütter für ihren bereits im Geburtskanal klopfenden Nachwuchs nichts erstrebenswerter finden, als eine kommende Karriere als Massenmörder, um sich auf den Lorbeeren des metzelnden Sprosses auszuruhen, schlägt schon ordentlich Gesellschaftskritik durch. Die bekannten „fünf Minuten Ruhm, um selbst unter den denkbar schlechtesten Umständen und ohne Rücksicht auf Verluste (bzw. das eigene Kind) im Rampenlicht zu stehen, sodass es selbst 24/7-TikTokern die Sprache verschlägt. Zynisch, makaber und äußerst clever geschrieben… und wahrscheinlich realer, als wir es uns wünschen würden.

Mike Henderson, den man hierzulande hauptsächlich durch die MARVEL-Comics „Dead Man Logan“, „Deadpool vs. Carnage“ oder „Deadpool vs. Old Man Logan“ (alle PANINI) kennen könnte, ist auf dem US-Markt deutlich umtriebiger. Er zeichnete bereits für alle großen Verlage, sticht aber künstlerisch nicht so markant aus der Masse heraus, wie einige seiner Kolleginnen und Kollegen. Das macht seine Bilder keineswegs schlecht, jedoch wundere ich mich über so manche Darstellung. Mit Proportionen hat er es nicht so und auch so manche nichtssagende Mimik stößt etwas auf. Die der Story angemessen trüben Farben von Adam Guzowski kompensieren diese Mankos ein wenig, spiegeln sie die düstere Grundstimmung doch gut wider.

Ein starkes Line-up!

Erschienen ist „Nailbiter“ beim noch jungen Verlag SKINLESS CROW aus der Schweiz. Spezialisiert hat sich das kleine Team auf Horror, Crime und Suspense, womit man im Fall von „Nailbiter“ schon mal ein Triple ins Schwarze getroffen hat. Gemäß dem US-Vorbild enthält Volume 1 der „Murder Edition“ die ersten zehn Hefte der Reihe. Zwei Bände werden noch folgen. Die Qualität des Hardcovers (158 x 240 mm) kann sich sehen lassen. Den matten Einband zieren ringsherum blutrote Spotlack-Elemente, denn das Auge isst ja bekanntlich mit. Limitiert ist das Ganze auf 444 Exemplare.

Neben dem „Nailbiter“-Auftakt hat SKINLESS CROW bislang die Titel „Killadelphia“, „MIND MGMT“, „Postal“ und den ultrabrutalen „Red Room“ von Ed Piskor im Programm. Erst jüngst erschien dort Cullen Bunns und Tyler Crooks preisgekrönte DARK HORSE-Serie „Harrow County“ im überformatigen Omnibus. Genre-Freunde sollten SKINLESS CROW also unbedingt im Auge behalten. Ich werde es definitiv tun…

Fazit:

Mord, Mord, Mord. Die Kleinstadt-Fassade bröckelt nicht, sie wird komplett eingerissen. Ein blutiger Auftakt nach Maß, den auch meine kleinen Mäkeleien an den Zeichnungen nicht runterziehen. Die Story ist einfach zu spannend und wendungsreich, um sie nicht angemessen hoch zu bewerten. Hoffentlich ist die Wartezeit auf den zweiten Band nicht zu lang… sonst müsste ich mal in Buckaroo anrufen.

Nailbiter - The Murder Edition Vol. 1

Joshua Williamson, Mike Henderson, Skinless Crow

Nailbiter - The Murder Edition Vol. 1

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